Rainer Erlinger: Warum die Wahrheit sagen? | BUCHSZENE

Warum ehrlich sein, wo doch so viel gelogen wird? Im Interview mit Rainer Erlinger über sein Buch „Warum die Wahrheit sagen?“ spüren wir der Bedeutung von Wahrheit nach und kommen zu erstaunlichen Erkenntnissen.

Rainer Erlinger im Interview über sein neues Buch „Warum die Wahrheit sagen?“ und die Folgen des Lügens

10. Juni 2019 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Warum die Wahrheit sagen

Foto © Frank T. Koch

Herr Erlinger, Donald Trump, der mächtigste Mann der Welt, scheint Erfolg damit zu haben, nicht die Wahrheit zu sagen. Der Titel Ihres neuen Buchs „Warum die Wahrheit sagen?“ legt nahe, dass es sich schon lohnt. Was spricht für die Wahrheit?

Vor allem, dass sie einen großen Vorteil hat, man könnte sagen ein Alleinstellungsmerkmal: Sie entspricht der Realität. Jede Lüge kann momentan Vorteile bringen, und es kann auch einfacher sein, sich belügen zu lassen, als sich einer möglicherweise unbequemen Wahrheit zu stellen. Aber das ändert nichts daran, dass die Lüge nicht der Realität entspricht, man sich oder anderen etwas vormacht. Man kann die Wirklichkeit nicht weglügen.

Dennoch haben Populisten wie Trump momentan weltweit Erfolg. Auch in Deutschland gibt es Politiker, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und trotzdem zeigen sich ihre Anhänger resistent gegen all das Lügen und halten ihnen die Stange. Warum ist das so? Wollen Menschen belogen werden?

Leider ja. In der Psychologie nennt man das Phänomen „Confirmation Bias“ – Bestätigungsfehler. Anders ausgedrückt: Man hört nur, was man hören will. Das findet sich übrigens auf beiden Seiten des politischen Spektrums und auch bei jedem von uns selbst, wenn man ehrlich zu sich ist. Jedem Raucher fallen sofort stark rauchende Verwandte ein, die sehr alt geworden sind. Diejenigen, die an Lungenkrebs gestorben sind, blendet er aus oder weiß etliche andere Gründe, die für deren frühen Tod verantwortlich sein können. Und wir alle lesen einen Artikel, der unseren politischen Überzeugungen widerspricht, wesentlich kritischer als einen, der unsere Meinungen bestätigt. Und wenn der Artikel der eigenen Haltung stark widerspricht, spürt man manchmal geradezu einen Widerwillen – gegen den Inhalt, aber auch dagegen, dass er zumindest teilweise recht haben könnte. Hier muss man sich aktiv bemühen, zu sich selbst ehrlich zu sein. Und Komplimente hinterfragen wir meist weniger als Kritik. Das soll aber nun niemanden daran hindern, Komplimente zu genießen, sondern eher dazu führen, darüber nachzudenken, ob an der Kritik etwas dran sein könnte.

Mehrfach gehen Sie in Ihrem essayistischen Buch auf Shakespeares Theaterstücke ein. Was hat der berühmte, englische Dichter mit der Wahrheit zu tun?

Ich muss gestehen, ich war da anfangs auch ein wenig überrascht. In vielen Büchern und Texten über die Lüge findet man als Beispiel für die bösartige Lüge, die nur schaden will, den Intriganten Jago, der seinen Vorgesetzen Othello durch raffiniertes Lügen so geschickt und systematisch in den Eifersuchtswahn treibt, dass Othello schließlich seine geliebte Frau Desdemona tötet. Das ist weithin bekannt. Wenn man dann aber weiter liest und nachdenkt, sieht man, dass die Lüge in vielen Dramen Shakespeares eine große Rolle spielt.

Zum Beispiel in König Lear …

… der von seinen älteren Töchtern umgarnt und belogen wird, damit er ihnen sein Reich übergibt. Dabei zeigt Shakespeare sehr deutlich und thematisiert es ausdrücklich, dass die Lügen vollkommen unglaubwürdig sind, aber König Lear sie hören will, weil sie ihm schmeicheln. Confirmation Bias in Rein- und Reimform. Und sogar in Romeo und Julia, deren tragisches Ende daher kommt, dass Julia sich durch ein Gift für 42 Stunden in einen scheintoten Zustand versetzt, also über die Frage täuscht, ob sie lebt oder nicht. Wenn man dann die Texte genauer in diese Richtung liest, bemerkt man, dass Shakespeare ganz absichtlich mit den Definitionen und Mechanismen der Lüge spielt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er die philosophische Literatur dazu, insbesondere das entscheidende Buch „De Mendacio – Über die Lüge“ des Kirchenlehrers Augustinus sehr gut kannte. Insgesamt ist das nicht verwunderlich. Shakespeares Genialität zeigt sich ja auch gerade darin, wie virtuos er mit der Psychologie, mit den Entwicklungen seiner Charaktere spielt, und die Lüge, ebenso wie belogen zu werden, sind wichtige psychologische Mechanismen. Und nicht zuletzt entstehen durch die Lüge, das Auseinanderfallen von Behauptung und Realität, Verwicklungen, Spannung und Dramatik.

Lügen stehle der Sprache den wichtigsten Teil ihrer Funktion, schreiben Sie an anderer Stelle. Wie ist das gemeint?

Die Hauptfunktion der Sprache ist, Informationen auszutauschen. Beim Lügen vermittelt der Lügner dem Belogenen zwar auch Informationen, wenn auch falsche. Aber das funktioniert nur, wenn der Belogene davon ausgeht, dass das, was man ihm sagt, wahr ist. Wenn Lüge und Wahrheit zwei vollkommen gleichberechtigte Möglichkeiten des Austauschs sind, kann man im Grunde keine Informationen mehr übermitteln, weil niemand mehr weiß, ob das stimmt oder nicht. Man könnte zwar noch nach dem Weg fragen, aber mit der Antwort nichts mehr anfangen, weil das der Weg sein könnte oder auch nicht. Etwas übertrieben ausgedrückt, wird die Unterhaltung auf Schallwellen reduziert, bewegte Luft. Man könnte sich stattdessen auch Luft zufächeln, das hätte genauso viel oder wenig Inhalt, wäre aber wenigstens erfrischend.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch mit dem Zusammenhang zwischen Macht und Wahrheit. Könnten Sie dieses Spannungsfeld bitte kurz beschreiben?

Die klassische Idee, die vor allem Michael Foucault vertritt, ist, dass die Macht, die Mächtigen bestimmen, was Wahrheit ist. Ich glaube, das stimmt nicht, die Macht, sei sie politisch, institutionell, brachial, finanziell oder medial, kann höchstens bestimmen, was für wahr gehalten wird. Ich sehe die Verbindung eher anders herum, übrigens auch ein Gedanke, den ich Foucault zu verdanken habe, dass die Wahrheit den wichtigsten Schutz vor der Macht des Stärkeren darstellt. Im archaischen Recht gab es das Instrument des Zweikampfs, in dem der Stärkere oder Mächtigere Recht bekam, nur weil er den Kampf gewann. Man hat das oft als Gottesurteil bezeichnet und gerechtfertigt, aber am Ende ging es nur um Macht und Stärke. Erst die Einführung des Zeugen oder des unabhängigen Richters, der im Prozess versucht, die Wahrheit herauszufinden, hat das geändert. Plötzlich konnte ein Schwächerer gewinnen, weil er Möglichkeiten bekam auch ohne Gewalt und persönliche Macht nachzuweisen, wie es war.

Und welche Rolle spielt die Wahrheit im Zusammenhang mit der Demokratie?

Eine entscheidende. Die Idee der Demokratie ist ja, dass das Volk, die Wähler frei ihre Wahlentscheidung treffen können. Diese Entscheidung ist aber nicht schon dann frei, wenn sie frei von äußerlichen Zwängen getroffen werden kann, sondern erst dann, wenn sie auch nicht von Falschinformationen bestimmt wird. Besonders dann, wenn diese Falschinformationen ganz gezielt dazu verbreitet werden, um die Wahlentscheidung zu beeinflussen. Im Grunde sind die Belogenen dann Marionetten derjenigen, die diese Lügen verbreiten. Darin zeigt sich auch eines der Hauptprobleme der Lüge: Sie will den Belogenen manipulieren. Der Lügner versucht sich mit der Lüge im Kopf des Belogenen einzunisten, um ihn dazu zu bringen, das zu tun und zu denken, was er, der Lügner, will. Besonders problematisch ist das, wenn die Falschinformationen von Regierungsseite verbreitet werden, weil die Regierung etwa die Medien unter ihre Kontrolle gebracht hat. Dann mag es zwar formal freie Wahlen geben, in Wirklichkeit, inhaltlich, sind sie aber nicht mehr frei, die Demokratie ist ausgehöhlt.

Noch einmal zu Donald Trump: Er lügt ja zuverlässig und regelmäßig, zwischen fünf- und über einhundertmal pro Tag. Meinen Sie denn, er glaubt die Dinge, die er da alle behauptet oder ist dies tatsächlich ein rein taktisches Lügen?

Das ist schwer zu sagen. Die Faktenchecker der Washington Post, die seine Aussagen laufend überprüfen, schreiben – von ganz wenigen Ausnahmefällen abgesehen – nicht von Lügen, sondern von „false or misleading claims – falschen oder irreführenden Behauptungen“. Weil sie, so ihre Begründung, nicht in die Köpfe anderer Menschen schauen können. Eine Zurückhaltung und Vorsicht, die übrigens sehr für deren Sorgfalt und Wahrheitsliebe spricht.

Der Ghostwriter des Buches, mit dem Trump berühmt wurde, „The Art of the deal“, Tony Schwartz, der Trump dazu über lange Zeit begleitet hat und bei vielen geschäftlichen Verhandlungen anwesend war, wandte sich im Präsidialwahlkampf an die Öffentlichkeit und meinte, dass Trump vollkommen hemmungslos lüge …

… und deshalb einen Vorteil gegenüber den meisten Menschen habe, die sich an die Wahrheit gebunden fühlen. Er meinte aber auch, dass Lügen so sehr zweite Natur für Trump geworden seien, dass er die Fähigkeit habe, sich selbst davon zu überzeugen, dass das, was er sagt, wahr ist oder zumindest wahr sein sollte. Ich glaube am ehesten, dass Trump das ist, was Harry G. Frankfurt in seinem bekannten Büchlein „Bullshit“ beschrieben hat: ein Bullshitter. Es ist ihm vollkommen egal, ob das, was er sagt, wahr oder falsch ist, das interessiert ihn im Grunde nicht. Ihn interessiert nur, ob das, was er sagt, in dem Moment für ihn nützlich ist.

Falls es ein rein taktisches Lügen sein sollte: Hat er kein Gewissen?

Sein Ghostwriter Tony Schwartz, der ihn so lange begleitet hat, behauptet das tatsächlich so – zumindest in Bezug auf Lügen. Und es wäre auch nicht fernliegend, eigentlich eher wahrscheinlich. Ich weiß es aber nicht und halte es da mit den Faktencheckern der Washington Post: Man kann nicht in fremde Köpfe schauen. Vielleicht liegt Trump wegen dem, was er tagsüber sagt und twittert, nachts wach und zermartert sich. Ich glaube es zwar nicht, aber ich kann es nicht ausschließen.

Manchmal kann es auch gut sein, nicht die Wahrheit zu sagen. Würden Sie dem zustimmen? Was wären derlei Fälle?

Da taucht sofort das Schlagwort „Notlüge“ auf. In der moralphilosophischen Literatur gibt es dazu zwei Klassiker. Der eine ist der Schwerstkranke, den es umbringen würde, wenn man ihm sagen würde, dass sein Sohn gestorben ist, oder wie aussichtslos sein Leiden ist. Fälle, die ich übrigens als sehr bedenklich ansehe. Das kann nur in extremen Ausnahmefällen eine Lüge rechtfertigen. Auch ein Schwerstkranker hat das Recht zu erfahren, wie es um ihn steht. Vielleicht will er noch etwas klären und die Chance nimmt man ihm. Der andere Klassiker ist der Mörder, der fragt, wo sich sein Opfer versteckt hält. Immanuel Kant meinte, auch in diesem Fall dürfe man nicht lügen. Auch hier kann ich nicht zustimmen, aber umgekehrt: Hier sehe ich die Lüge gerechtfertigt.

Wie ist es mit den sogenannten „white lies“, den „weißen Lügen“?

Die begegnen uns häufiger, es sind harmlose, sozial eher gebotene Lügen. Wenn man nicht zu einer Einladung gehen will, muss man den Gastgebern nicht sagen, dass man keine Lust hat, weil es dort immer so langweilig ist und das Essen ungenießbar, sondern sagt, dass man leider nicht kommen kann. Punkt. Der französische Philosoph André Comte-Sponville hat geschrieben, dass Wahrhaftigkeit – also die Wahrheit zu sagen – eine wichtige Tugend ist. Aber eben eine Tugend, nicht die einzige oder die wichtigste und keine absolute Pflicht. Andere nicht zu verletzten ist auch wichtig. Entscheidend scheint mir eine Abwägung zu sein und besonders die Frage, ob auf der Wahrheit bzw. der Lüge in diesem Fall etwas aufbaut.

Was würden Sie als wichtige Aussage zum Thema Wahrheit den Leserinnen und Lesern gerne mitgeben?

Es ist wichtig und sinnvoll über die Wahrheit kritisch nachzudenken und philosophisch zu ergründen, inwieweit es überhaupt eine absolute Wahrheit gibt. Im täglichen Leben dienen derartige Überlegungen aber meist eher dazu, etwas zu vernebeln, siehe etwa das Schlagwort „alternative Fakten“.

 

Weitere Literaturtipps zum Thema:

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten

Gerald Hüther: Über Würde