Hirnforscher Gerald Hüther "Würde" - Interview | BUCHSZENE

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Hirnforscher Gerald Hüther über "Würde – Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft"

Gerald Huether

Foto © Josef Fischnaller

15. März 2018 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Wir sind gerade dabei, unsere Würde zu verlieren, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Im Interview über sein Hörbuch „Würde – Was uns stark macht“ erklärt er, warum das so gefährlich ist.


Herr Professor, Ihr neues Hörbuch befasst sich mit der „Würde“. Was ist Würde überhaupt?

Eigentlich ist die Würde nur eine Vorstellung. Wir entwickeln sie anhand unserer im Zusammenleben mit anderen gemachten positiven Erfahrungen. Sie bringt zum Ausdruck, wie dieses Zusammenleben gestaltet werden müsste, um die in uns Menschen als soziale Wesen angelegten Möglichkeiten entfalten zu können. Diese mehr oder weniger deutlich ausgeprägte Vorstellung wird dann als inneres, Orientierung bietendes Bild genutzt, um das eigene Handeln so auszurichten, dass ein solches Zusammenleben gelingt. Manche Menschen habe eine sehr deutliche Vorstellung von ihrer Würde, sie ist dann ein wesentlicher Bestandteil des Selbstbildes. Andere hatten weniger Gelegenheit, eine Vorstellung von ihrer eigenen Würde oder der Würde anderer Menschen zu entwickeln. Die bemerken dann auch nicht, wenn sie in Ihrer Würde verletzt werden oder wenn sie die Würde anderer Verletzen.

Sie haben den Eindruck, wir Menschen seien gerade dabei, unsere Würde zu verlieren. Woran machen Sie das fest?

Kein Mensch kann die in ihm angelegten Potentiale entfalten, wenn er wie ein Objekt behandelt oder benutzt wird. Wir leben aber in einer Welt, in der wir ständig erleben, wie wir selbst oder andere zu Objekten der Absichten und Interessen, der Erwartungen und Bewertungen, der Maßnahmen und Anweisungen von anderen Personen gemacht werden, zu Hause, in der Schule, während der Ausbildung, an der Arbeit und im täglichen Zusammenleben. Und wir haben uns damit abgefunden, in dieser Weise ständig würdelos behandelt zu werden. Viele sind sogar bereit, sich selbst würdelos zu verhalten, weil sie sich auf diese Weise bestimmte Vorteile verschaffen wollen. Wer aber die Wahrung seiner eigenen Würde und der Würde anderer zur Grundlage seines Handelns macht, wird nicht mehr auf Kosten anderer leben und andere bei der Verfolgung seiner Absichten als Objekte benutzen wollen. Weil sie einen inneren Kompass besitzt, der sie führt, ist eine solche Person auch nicht mehr verführbar.

Was genau hat die Würde mit dem Gehirn zu tun?

Wenn Sie Personen, die eine solche Würdevorstellung entwickelt haben, in einen funktionellen Kernspintomographen legen und ihnen per Videobrille Szenen würdelosen Verhaltens zeigen, so werden Sie Aktivierungsmuster im Gehirn nachweisen können, die sich deutlich von denen unterscheiden, die sich im Gehirn von Personen nachweisen lassen, die keine klare Vorstellung von menschlicher Würde haben. Das ist aber eigentlich banal und macht nur deutlich, dass jemand, dem die menschliche Würde etwas bedeutet, Würdelosigkeiten anders wahrnimmt und anders verarbeitet als jemand, dem das völlig egal ist.

Wie wird die Vorstellung eigener Würde im Gehirn verankert?

Mit der Fähigkeit, zu spüren, ob die Art, wie jemand mit uns umgeht, gut und hilfreich für unsere weitere Entwicklung ist, kommen wir alle bereits auf die Welt. Jedes Neugeborene hat ein Empfinden dafür, wie es sein müsste und meldet sich lauthals, wenn es nicht so ist.

Und was passiert später?

Aus diesem frühen Empfinden kann eine zunehmend klarere Vorstellung entwickelt und in Form neuronaler Verschaltungsmuster im Gehirn verankert werden, wenn ein Heranwachsender die Erfahrung eigener Würde machen kann, als Subjekt gesehen und wertgeschätzt und nicht zum Objekt der Erwartungen, Bewertungen oder Maßnahmen anderer gemacht zu werden. Wenn es dann noch gelingt, diese Vorstellung auf die Ebene des Bewusstseins zu heben, kann der betreffende Mensch sich seiner eigenen Würde und der Würde anderer, auch anderer Lebewesen bewusst werden.

In Ihrem Hörbuch gehen Sie weit über die Dimension des Gehirns hinaus. Letztlich geht es Ihnen bei der „Würde“ um eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Sie erhoffen sich die Würde als neue Ordnungsstruktur, weil die alte nicht mehr funktioniere. Könnten Sie das bitte genauer erklären?

Unser menschliches Gehirn ist so plastisch, so formbar, dass es sich in Abhängigkeit von den jeweiligen Erfahrungen, die wir als Heranwachsende und auch noch später im Leben machen, in sehr unterschiedlicher Weise entwickeln kann. Niemand kommt ja als Deutscher oder Franzose, als Störenfried oder Verbrecher, als Vergewaltiger, als Massenmörder oder als gieriger Investmentbanker zur Welt.

Damit wir verträgliche Menschen werden, die miteinander wachsen und gemeinsam nach Lösungen suchen, brauchen wir also etwas, das unsere Bemühungen in eine bestimmte Richtung lenkt, uns zusammenführt und uns hilft, gemeinsam etwas zu gestalten?

Ja. Ohne eine solche strukturierende Kraft wäre jede menschliche Gemeinschaft zerfallen. Während der letzten zehntausend Jahre war es die Herausbildung, Stabilisierung und Tradierung hierarchischer Ordnungen, die dafür sorgte, dass das Durcheinander in den immer größer werdenden Gesellschaften nicht überhand nahm und alles in möglichst geordneten Bahnen ablief. Unter diesen Bedingungen gab es aber sehr viele, die sich sehr darum bemühten in diesen Hierarchien von weiter unten nach weiter oben aufzusteigen.

Die haben sich dann auch entsprechend angestrengt …

… und so viel entdeckt, erfunden, konstruiert und umgesetzt, dass die Lebenswelt dieser Gemeinschaften immer vielgestaltiger, vernetzter, komplexer, spezialisierter und voneinander abhängiger geworden ist. Diese so lange so überaus erfolgreiche und fruchtbare hierarchische Ordnungsstruktur hat dazu geführt, dass inzwischen eine global vernetzte, hochkomplexe und auf so vielfältige Weise voneinander abhängige Gesellschaft entstanden ist – und die lässt sich nun nicht mehr mit Hilfe der alten hierarchischen Ordnungsstrukturen lenken. So sehr es auch immer wieder versucht wird, es geht nicht mehr, dieser Zerfall ist nicht aufzuhalten. Wir haben uns also selbst in eine Situation hineinmanövriert, die es nun notwendig macht, diese tradierten hierarchischen Ordnungen durch etwas anderes zu ersetzen, das uns Struktur und Orientierung bietet – diesmal aber nicht mehr von oben nach unten, sondern von einem inneren Kompass geleitet, den jeder Mensch in sich selbst entwickelt: das Empfinden, die Vorstellung und das Bewusstsein seiner menschlichen Würde.

Könnte Würde also in gewisser Weise die Ordnung und Identität stiftende Funktion übernehmen, die früher einmal die Religion ausgefüllt hat?

Kein religiöser Mensch wird dem widersprechen, was in meinem Hörbuch über die Würde herausgearbeitet ist. Aber es dürfte schwer verdaubar für all jene sein, die ihre religiösen Überzeugungen für die allein selig machenden halten. Ethische und moralische Vorstellungen sind immer auch kulturell geprägt. Eine Vorstellung seiner eigenen Würde und der Würde anderer kann ein Mensch nur selbst entwickeln.

Wer sich seiner eigenen Würde bewusst geworden ist, ist auch nicht mehr verführbar?

Solche Personen verfügen über einen inneren Kompass, der ihr Denken und Handeln leitet, und sie passen auf, dass er ihnen nicht abhanden kommt. Sie lassen sich von niemand einreden, was sie noch alles brauchen, um glücklich zu werden. Sich ihrer Würde bewusste Menschen nehmen von anderen Personen auch keine Angebote und Leistungen an, deren Bereitstellung die Würde der Erbringer dieser Angebote und Leistungen verletzt. Sie gehen nicht dorthin, wo Menschen sich für Geld zur Schau stellen, sie besuchen kein Bordell, und sie kaufen auch keine Produkte, für deren Herstellung andere Menschen ausgebeutet und ausgenutzt werden. Würdevolle Menschen erleben sich aus sich selbst heraus als wertvoll und bedeutsam. Sie brauchen weder andere, die sie und ihre Besitztümer bewundern, noch brauchen sie Macht, Einfluss, Reichtum oder irgendwelche Statussymbole, Stellungen oder Positionen, um sich als wertvoll und bedeutsam zu erleben. Auch wird niemand, der sich seiner Würde bewusst ist, andere Menschen würdelos behandeln, sie also zum Objekt eigener Absichten, Bewertungen oder gar Maßnahmen machen.

Interessant ist auch, was Sie über Kinder und Würde berichten. Kinder wüchsen zunehmend in einer Welt der Objekte auf. Was bedeutet das genau?

Sehr gern wird die Würde als etwas jedem Menschen Gegebenes, ihm vom Lebensanfang bis zum Lebensende Innewohnendes betrachtet. Darauf kann man sich einigen, aber aus neurobiologischer Perspektive stellt sich die Frage, was diese, einem jeden Menschen innewohnende Würde bedeutet, wenn er sich ihrer gar nicht bewusst ist. Selten wird danach gefragt, welcher grundlegenden Erfahrungen es bedarf, damit sich ein Mensch seiner eigenen Würde bewusst werden kann. Das wird kaum gelingen, solange Heranwachsende zu Hause, in der Kita oder in der Schule zu Objekten der Absichten und Ziele, der Erwartungen und Bewertungen, der Belehrungen und Maßnahmen von Erwachsenen gemacht werden.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es im ersten Artikel des Grundgesetzes. Aber was bedeutet so eine Aussage, wenn Menschen sich ihrer eigenen Würde gar nicht bewusst sind? Können wir ohne einen solchen inneren Kompass jemals menschenwürdig leben?

Damit eine Person den Mut aufbringt und die notwendigen Kräfte mobilisieren kann, um den vielen von außen einwirkenden Verführungen, Angeboten oder scheinbaren Notwendigkeiten zu widerstehen, müsste etwas in ihrem Inneren wach werden und kräftiger und handlungsbestimmender wirken als all die vielen von außen kommenden Verführungen, Angebote oder Zwänge. Genau diesen inneren Kompass, der uns hilft, bei uns zu bleiben und unser Menschsein zu bewahren, ist das, was wir als unsere Würde bezeichnen. Wer sich dieser eigenen Würde nicht bewusst ist, kann sie auch nicht bewahren.

Gerald Huether
Gerald Hüther

Nach einem Biologiestudium, einem Forschungsstudium und einer Promotion an der Universität Leipzig verfasste Gerald Hüther seine Habilitationsschrift an der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen.
Zur Biografie von Gerald Hüther

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