
Frau Profijt, Ihr Krimi „Unter Fremden“ wurde im vergangenen Jahr mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Sie erzählen darin von der vierunddreißigjährigen Madiha, die aus ihrem syrischen Heimatdorf flieht und in einem deutschen Flüchtlingsheim landet. Das Besondere dabei ist, dass Madiha gehbehindert ist und ihre Flucht nur überlebt, weil ihr ein Fremder hilft: Harun. Eines Morgens aber ist Harun verschwunden. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Plot gekommen?
Die Ursprünge meines von „Unter Fremden“ gehen zurück auf das Jahr 2008. Damals habe ich den ersten Interkulturellen Garten in Mönchengladbach initiiert und mitgegründet. In diesem Projekt gärtnern Menschen unterschiedlichster Herkunftsländer miteinander. Dabei kommt man ins Gespräch, zunächst über Möhrchen und Salat, bald wird es privater. So erfuhr ich, dass praktisch alle Mitgärtnerinnen und Mitgärtner, die nicht in Deutschland geboren waren, sich hier fremd fühlten. Selbst diejenigen, die seit dreißig Jahren hier leben. Manche empfanden das Anders-Sein als Bereicherung, weil sie in zwei Kulturen leben können, für die meisten bedeutete es aber Ausgrenzung, Unsicherheit, Angst. Über dieses Fremd-Sein wollte ich schreiben. Ich wusste nur noch nicht wie.
In Ihrem Roman steckt viel Recherche. Wie entstand der Plot?
Es war so, dass in meinem Hinterkopf schon jahrelang die Idee schlummerte, bis die ersten Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland kamen. Ich begann, alles zu lesen, was ich in die Hände bekommen konnte: Artikel in Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften, Internetbeiträge von Flüchtlingen selbst oder über sie. Auch Bücher über die Levante, über Terrorismus, Islamismus und ‚Anleitungen für Neuankömmlinge‘ von Migranten, die ihre Erfahrungen mit einer Einwanderung nach Deutschland bereits gemacht hatten. Dann suchte ich Kontakt zu Menschen, die mit Flüchtlingen zu tun haben und lernte über sie auch Syrerinnen und Syrer kennen. Im Verlauf der Recherche entwickelte ich eine sehr grobe Idee für einen Plot und eine deutlich präzisere Vorstellung über meine Hauptfigur. Ihr einen Namen zu geben war übrigens ein schwieriges Unterfangen, wie sicher die meisten Kolleginnen und Kollegen aus eigener Erfahrung wissen.
Selbst deutsche Namen zu finden, fällt ja mitunter schwer.
Und jetzt das Ganze auf Syrisch: Syrische Namen sind entweder sehr europäisch oder erinnern an Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Oder sie sind für mich nicht einzuschätzen. So fand mein favorisierter Name Halima keine Gnade vor den Ohren meiner syrischen Beraterin. Großmütter könnten Halima heißen, wurde mir mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen entgegengehalten, aber keine vierunddreißigjährige Frau. Schließlich einigten wir uns auf Madiha.
„Unter Fremden“ ist ein ungewöhnliches Buch für Sie – es ist nicht witzig.
Ja, bis dahin war der Humor immer der Hauptdarsteller in meinen Büchern gewesen und er hatte mir mehr als einmal den Allerwertesten gerettet. Eine Szene peppt nicht so richtig? Hau einen Gag rein, dann klappt das schon! Und jetzt also alles ohne Witz. Kein Scherz. Ich wollte dieses Buch wirklich schreiben, war mir aber nicht sicher, ob ich es überhaupt konnte. Also hielt ich das Projekt geheim. Eingeweiht waren: Mein Buchhändler, der mein wichtigster Rechercheassistent ist. Meine Kollegin und Freundin Kerstin Lange, die mir übers Köpfchen strich, wenn es mal nicht so gut lief. Autorencoach Mischa Bach, die mir die richtigen Fragen stellte, als es so gar nicht gut lief. Und natürlich mein Mann. Fast vergessen: Die Schweizerische Gesellschaft für die europäische Menschenrechtskonvention, die mir für das Projekt einen Aufenthalt in der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran/Südtirol gewährte. Wer nicht Bescheid wusste: Meine Eltern und Schwestern, die mich nur von einem geheimen Geheimprojekt murmeln hörten, wenn sie fragten, was ich denn gerade so schrieb. Und meine Lektorin. Zu ihr komme ich später.
War es nicht ein bisschen übertrieben, das Ganze zu einem Geheimprojekt zu machen?
Meine Vorsicht war berechtigt. Ich hatte immense Schwierigkeiten mit diesem Buch, das zunächst unter dem Arbeitstitel „Tod in der Fremde“ lief. Erstens hatte ich praktisch keinen Plot ausgearbeitet, wusste noch nicht einmal, welches Verbrechen warum geschehen war – eigentlich die Mindestplanung für jedes Buch. Ich musste mich an meine Hauptfigur herantasten, die zwar Deutsch spricht, aber weder lesen noch schreiben kann. Da sie mit diesen Hindernissen als Ermittlerin nicht weiterkam, stellte ich ihr einen Side-Kick zur Seite, den ich erst erfand, als er nötig wurde.
Und immer wieder ertappte ich Madiha dabei, dass sie sich verhielt wie ich.
Das müssen Sie erklären.
Wollte Madiha etwas wissen, fragte sie. Tat man ihr Unrecht, rechtfertigte sie sich. Fand sie sich in unübersichtlichen Situationen wieder, entschied sie schnell und klar. Aber so ist Madiha nicht. Um die größtmögliche Distanz zum Leser zu schaffen, habe ich natürlich keine syrische Akademikerin aus Aleppo oder Damaskus zur Protagonistin meines Krimis gemacht, sondern eine Frau aus dem Osten des Landes, wo ganze Familienclans von Patriarchen beherrscht werden, wo Frauen Küche und Kinder hüten und die Klappe halten, wenn die Männer sprechen. Madiha kam nicht freiwillig nach Deutschland, so wie sie nichts in ihrem vierunddreißigjährigen Leben aus eigenem Antrieb getan hatte. Immer hatten andere über sie, ihr Schicksal im Großen und ihren Alltag im Kleinen bestimmt. Eine Vorstellung, an die ich mich mühsam heranfühlen musste. Also schrieb ich etliche Szenen immer wieder neu. Strich alle Wortbeiträge von Madiha aus Dialogen heraus, ersetzte sie durch unsichere Gedanken und das Gefühl, nicht schnell genug zu sein, nicht so zu funktionieren, wie die Leute es von ihr erwarten. Eben das Gefühl, fremd zu sein.
„Unter Fremden“ ist auch Ihr erster Krimi mit richtig bösen Menschen …
… und ich bin ein netter, hilfsbereiter Mensch und möchte, dass es allen Menschen gut geht! Auch meinen Figuren. Ihnen schlimme Dinge anzutun widerstrebt mir zutiefst. Blöd für eine Krimiautorin, ich weiß. Viele Szenen schrieb ich mehrfach neu, weil sie erst zu gut ausgingen – mehr kann ich nicht sagen, ohne zu spoilern. Aber ein Krimi, dessen herausragendes Merkmal nicht der Humor ist, muss den Mut zur Grausamkeit haben. Es war eine harte Schule, durch die ich da ging, und mehr als einmal habe ich Rotz und Wasser geheult, während ich die Mörder ihr blutiges Handwerk verrichten ließ.
Dabei gibt es keinen irren, durchgeknallten, klischeehaften Mörder.
Mehr als jemals zuvor habe ich mich bemüht, mich in meine Figuren einzufühlen. Logisch, denn sie waren mir anfangs selbst fremd. Es bedurfte einiger Anstrengung, mir vorzustellen, wie islamistische Kämpfer sich fühlen mögen und was sie motiviert. Und was ihre Opfer empfinden. Meine exzessiven Übungen in Empathie führten dazu, dass am Schluss die Frage, wer nun eigentlich gut und wer böse ist, für die meisten Figuren offen bleiben muss. Handlungen kann man nach diesem Schema beurteilen, Menschen – im Normalfall – nicht. Eine Erkenntnis, die mein Kopf schon hatte, die aber erst mit diesem Buch auch im Herz angekommen ist.

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