Jutta Profijt über "Unter Fremden". Interview | BUCHSZENE

Eine Frau flieht aus ihrer syrischen Heimat. Weil sie gehbehindert ist, überlebt sie nur dank der Hilfe eines Fremden. Doch eines Tages ist der verschwunden. Jutta Profijt über ihren Krimi „Unter Fremden“.

Im Interview erzählt Glauser-Preisträgerin Jutta Profijt von ihrer Arbeit an „Unter Fremden“

17. Juni 2019 | Interview: Bernhard Berkmann

Titelbild Unter Fremden Interview Jutta Profijt

Frau Profijt, Ihr Krimi „Unter Fremden“ wurde im vergangenen Jahr mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Sie erzählen darin von der vierunddreißigjährigen Madiha, die aus ihrem syrischen Heimatdorf flieht und in einem deutschen Flüchtlingsheim landet. Das Besondere dabei ist, dass Madiha gehbehindert ist und ihre Flucht nur überlebt, weil ihr ein Fremder hilft: Harun. Eines Morgens aber ist Harun verschwunden. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Plot gekommen?

Die Ursprünge meines von „Unter Fremden“ gehen zurück auf das Jahr 2008. Damals habe ich den ersten Interkulturellen Garten in Mönchengladbach initiiert und mitgegründet. In diesem Projekt gärtnern Menschen unterschiedlichster Herkunftsländer miteinander. Dabei kommt man ins Gespräch, zunächst über Möhrchen und Salat, bald wird es privater. So erfuhr ich, dass praktisch alle Mitgärtnerinnen und Mitgärtner, die nicht in Deutschland geboren waren, sich hier fremd fühlten. Selbst diejenigen, die seit dreißig Jahren hier leben. Manche empfanden das Anders-Sein als Bereicherung, weil sie in zwei Kulturen leben können, für die meisten bedeutete es aber Ausgrenzung, Unsicherheit, Angst. Über dieses Fremd-Sein wollte ich schreiben. Ich wusste nur noch nicht wie.

In Ihrem Roman steckt viel Recherche. Wie entstand der Plot?

Es war so, dass in meinem Hinterkopf schon jahrelang die Idee schlummerte, bis die ersten Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland kamen. Ich begann, alles zu lesen, was ich in die Hände bekommen konnte: Artikel in Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften, Internetbeiträge von Flüchtlingen selbst oder über sie. Auch Bücher über die Levante, über Terrorismus, Islamismus und ‚Anleitungen für Neuankömmlinge‘ von Migranten, die ihre Erfahrungen mit einer Einwanderung nach Deutschland bereits gemacht hatten. Dann suchte ich Kontakt zu Menschen, die mit Flüchtlingen zu tun haben und lernte über sie auch Syrerinnen und Syrer kennen. Im Verlauf der Recherche entwickelte ich eine sehr grobe Idee für einen Plot und eine deutlich präzisere Vorstellung über meine Hauptfigur. Ihr einen Namen zu geben war übrigens ein schwieriges Unterfangen, wie sicher die meisten Kolleginnen und Kollegen aus eigener Erfahrung wissen.
Selbst deutsche Namen zu finden, fällt ja mitunter schwer.
Und jetzt das Ganze auf Syrisch: Syrische Namen sind entweder sehr europäisch oder erinnern an Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Oder sie sind für mich nicht einzuschätzen. So fand mein favorisierter Name Halima keine Gnade vor den Ohren meiner syrischen Beraterin. Großmütter könnten Halima heißen, wurde mir mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen entgegengehalten, aber keine vierunddreißigjährige Frau. Schließlich einigten wir uns auf Madiha.

„Unter Fremden“ ist ein ungewöhnliches Buch für Sie – es ist nicht witzig.

Ja, bis dahin war der Humor immer der Hauptdarsteller in meinen Büchern gewesen und er hatte mir mehr als einmal den Allerwertesten gerettet. Eine Szene peppt nicht so richtig? Hau einen Gag rein, dann klappt das schon! Und jetzt also alles ohne Witz. Kein Scherz. Ich wollte dieses Buch wirklich schreiben, war mir aber nicht sicher, ob ich es überhaupt konnte. Also hielt ich das Projekt geheim. Eingeweiht waren: Mein Buchhändler, der mein wichtigster Rechercheassistent ist. Meine Kollegin und Freundin Kerstin Lange, die mir übers Köpfchen strich, wenn es mal nicht so gut lief. Autorencoach Mischa Bach, die mir die richtigen Fragen stellte, als es so gar nicht gut lief. Und natürlich mein Mann. Fast vergessen: Die Schweizerische Gesellschaft für die europäische Menschenrechtskonvention, die mir für das Projekt einen Aufenthalt in der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran/Südtirol gewährte. Wer nicht Bescheid wusste: Meine Eltern und Schwestern, die mich nur von einem geheimen Geheimprojekt murmeln hörten, wenn sie fragten, was ich denn gerade so schrieb. Und meine Lektorin. Zu ihr komme ich später.

War es nicht ein bisschen übertrieben, das Ganze zu einem Geheimprojekt zu machen?

Meine Vorsicht war berechtigt. Ich hatte immense Schwierigkeiten mit diesem Buch, das zunächst unter dem Arbeitstitel „Tod in der Fremde“ lief. Erstens hatte ich praktisch keinen Plot ausgearbeitet, wusste noch nicht einmal, welches Verbrechen warum geschehen war – eigentlich die Mindestplanung für jedes Buch. Ich musste mich an meine Hauptfigur herantasten, die zwar Deutsch spricht, aber weder lesen noch schreiben kann. Da sie mit diesen Hindernissen als Ermittlerin nicht weiterkam, stellte ich ihr einen Side-Kick zur Seite, den ich erst erfand, als er nötig wurde.
Und immer wieder ertappte ich Madiha dabei, dass sie sich verhielt wie ich.

Das müssen Sie erklären.

Wollte Madiha etwas wissen, fragte sie. Tat man ihr Unrecht, rechtfertigte sie sich. Fand sie sich in unübersichtlichen Situationen wieder, entschied sie schnell und klar. Aber so ist Madiha nicht. Um die größtmögliche Distanz zum Leser zu schaffen, habe ich natürlich keine syrische Akademikerin aus Aleppo oder Damaskus zur Protagonistin meines Krimis gemacht, sondern eine Frau aus dem Osten des Landes, wo ganze Familienclans von Patriarchen beherrscht werden, wo Frauen Küche und Kinder hüten und die Klappe halten, wenn die Männer sprechen. Madiha kam nicht freiwillig nach Deutschland, so wie sie nichts in ihrem vierunddreißigjährigen Leben aus eigenem Antrieb getan hatte. Immer hatten andere über sie, ihr Schicksal im Großen und ihren Alltag im Kleinen bestimmt. Eine Vorstellung, an die ich mich mühsam heranfühlen musste. Also schrieb ich etliche Szenen immer wieder neu. Strich alle Wortbeiträge von Madiha aus Dialogen heraus, ersetzte sie durch unsichere Gedanken und das Gefühl, nicht schnell genug zu sein, nicht so zu funktionieren, wie die Leute es von ihr erwarten. Eben das Gefühl, fremd zu sein.

„Unter Fremden“ ist auch Ihr erster Krimi mit richtig bösen Menschen …

… und ich bin ein netter, hilfsbereiter Mensch und möchte, dass es allen Menschen gut geht! Auch meinen Figuren. Ihnen schlimme Dinge anzutun widerstrebt mir zutiefst. Blöd für eine Krimiautorin, ich weiß. Viele Szenen schrieb ich mehrfach neu, weil sie erst zu gut ausgingen – mehr kann ich nicht sagen, ohne zu spoilern. Aber ein Krimi, dessen herausragendes Merkmal nicht der Humor ist, muss den Mut zur Grausamkeit haben. Es war eine harte Schule, durch die ich da ging, und mehr als einmal habe ich Rotz und Wasser geheult, während ich die Mörder ihr blutiges Handwerk verrichten ließ.

Dabei gibt es keinen irren, durchgeknallten, klischeehaften Mörder.

Mehr als jemals zuvor habe ich mich bemüht, mich in meine Figuren einzufühlen. Logisch, denn sie waren mir anfangs selbst fremd. Es bedurfte einiger Anstrengung, mir vorzustellen, wie islamistische Kämpfer sich fühlen mögen und was sie motiviert. Und was ihre Opfer empfinden. Meine exzessiven Übungen in Empathie führten dazu, dass am Schluss die Frage, wer nun eigentlich gut und wer böse ist, für die meisten Figuren offen bleiben muss. Handlungen kann man nach diesem Schema beurteilen, Menschen – im Normalfall – nicht. Eine Erkenntnis, die mein Kopf schon hatte, die aber erst mit diesem Buch auch im Herz angekommen ist.

Sie ließen sich bei der Arbeit auch helfen.

Ja, neben einer knotenlösenden Beratung wegen diverser inhaltlicher Probleme verhalf mir Autorencoach Mischa Bach auch zu einer neuen Arbeitsweise. Schon vorher schrieb ich für jede Szene Nummer, Titel und handelnde Personen in eine Übersicht, in der dann auch die wichtigsten Inhalte oder Erkenntnisse der Szene aufgeführt wurden. Allerdings fehlten dort die Figuren, die in der Szene nicht auftraten. In „Unter Fremden“ gibt es einen Kommissar, der die meiste Zeit im Hintergrund seine eigenen Ermittlungen vorantreibt und meiner Protagonistin Madiha gelegentlich über den Weg läuft. Leider wusste ich nicht, was er eigentlich ermittelt. Wenn er dann auftauchte, wusste ich gar nicht, welche Fragen er stellen und welchem Verdacht er nachgehen sollte. Seit ich aber in meiner Szenenübersicht alle Figuren – also auch die, die in dieser Szene gar nicht auftauchen – mit ihren wichtigsten Handlungen und Erkenntnissen aufführe, habe ich dieses Problem nicht mehr. Merke: Wenn Hauptfigur und Leser nicht wissen, was eigentlich läuft, ist das so gewollt. Wenn aber die Autorin nicht weiß, was eigentlich läuft …

Nutzen Sie für Ihre schriftstellerische Arbeit spezielle Schreibprogamme?

Ich nutze bisher allgemein übliche Text- und Tabellenkalkulationsprogramme. Mittelfristig denke ich über eine Autorensoftware nach, die vor allem helfen soll, beim Plotten und Überarbeiten von Szenen den Überblick zu wahren. Dass die Schreibarbeit trotzdem an mir hängen bleiben wird, ist mir dabei durchaus klar. Das ist in Ordnung, denn schließlich ist das Schreiben mein Beruf. Ich sitze also, entgegen den Erwartungen der BesucherInnen meiner Lesungen, die mich gern fragen, ob ich nachts schreibe, zu den normalen „Bürozeiten“ an meinem Schreibtisch. Das kommt nicht nur meinem Biorhythmus entgegen, sondern erleichtert auch das Zusammenleben mit meinem sozialen Umfeld, in dem die meisten Menschen tagsüber arbeiten, nachts schlafen und am Feierabend oder Wochenende Freundschaften pflegen – zum Beispiel mit mir.

Gibt es etwas, das Ihnen Ihr Schreiben erleichtert?

Ich brauche zum Schreiben weder eine besondere Stimmung noch geheimnisvolle Inspirationsquellen oder Musik. Aber auch keine Ruhe. Wenn ich arbeite, bin ich so konzentriert, dass neben mir ein Ufo unbemerkt landen und die ganze Wohnung mit grünem Schleim überziehen könnte. Ist aber noch nie vorgekommen.

Ist es nicht erstaunlich, dass Ihr Verlag Sie nach Ihren humorvollen Krimis so etwas Ernstes schreiben ließ?

Stimmt. Nach einigen Regio-Krimis erschien 2009 der erste überregionale Krimi bei dtv. „Kühlfach 4“ war nicht nur mein Einstieg bei dtv sondern auch das erste eigene Buchprojekt meiner Lektorin Karoline Adler. Seitdem haben wir zwölf Bücher miteinander gemacht, darunter die fünf Krimis der Kühlfach-Reihe, drei einzelne heitere Romane und die heitere Trilogie der Villa-Zucker-WG. Auch Karoline wusste während meiner Arbeit an „Unter Fremden“ nur, dass ich mal was ausprobieren wollte und mich bei ihr melden würde, wenn ich etwas Konkretes anzubieten hätte.
Tatsächlich bekam sie eines schönen Tages völlig unangekündigt das ganze Manuskript von „Unter Fremden“ – schon mit diesem Titel – auf den Tisch. Mit Anschreiben und Exposé, wie es sich gehört.

Was passierte dann?

Das, worauf ich gehofft hatte: Sie war neugierig. Sie las das Manuskript. War begeistert. Und nahm es unter Vertrag. Einfach so. Obwohl es das Gegenteil von allem war, was ich bis dahin geschrieben hatte. Ein ernstes Thema, ernst umgesetzt. Wir verhandelten lang über ein Pseudonym, am Ende war es der Verlag, der sich dagegen entschied. Wir haben natürlich über die „Autorenmarke“ gesprochen, die bis dato für „heitere Romane mit Tiefgang“ stand, und von der Karoline nun frech behauptete, sie habe immer schon für „eine große Bandbreite“ gestanden. Der Verlag hatte keine Angst, sich mit dem Buch zu verzetteln. Und ich freute mich, dass mein Name auf dem Cover stand – besonders natürlich, als ich dafür den Glauser bekam.

Den Glauser-Preis zu gewinnen, ist eine große Ehre. Ist Ihr Roman auch ein Verkaufserfolg?

Ein riesengroßer Verkaufsschlager ist es bisher nicht. Vielleicht bringt die Taschenbuchausgabe neuen Umsatz, interessanterweise hat sich der Verlag entschlossen, sie als „Roman“ auf den Markt zu bringen und nicht als „Kriminalroman“. Das ist eine Konsequenz aus den vielen Rezensionen, die dem Buch bescheinigen, „so viel mehr als ein Krimi“ zu sein. Komische Formulierung, als habe ein Krimi eine natürliche Grenze, die in diesem Fall – wodurch? womit? – überschritten wird, aber egal. Vielleicht findet das Thema, das, nach Aussage der Buchhändler, viele Krimileserinnen und -leser abstößt, im Romanbereich mehr Interesse. Wir werden sehen.

Und jetzt?

Für mich persönlich war und ist dieses Buch auf jeden Fall ein Erfolg. Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich auch ein ernstes Thema angemessen bearbeiten kann. Nie zuvor war eine Recherche so aufwühlend und so bereichernd. Und dann steht da jetzt diese elegante Statuette auf dem Sideboard und die Anmoderationen bei den Lesungen klingen plötzlich viel gewichtiger, seit auf den Glauser verwiesen wird.
Aktuell schreibe ich wieder einen ernsten Krimi, weil der Verlag das gern wollte. Aber dem Humor habe ich nicht abgeschworen, weder im Leben noch im Schreiben. Ideen für Bücher, in denen ich meine Figuren piesacken darf, ohne sie gleich körperlich oder seelisch zerstören zu müssen, habe ich genügend, um bis zur Rente zu kommen. Und das nächste Ziel lautet: Einmal im Leben auf die Bestseller-Liste!

Werkstattberichte aus dem Syndikat: Wie arbeiten Kriminalschriftsteller? Was inspiriert sie zu ihren Romanen? Welche Marotten quälen sie beim Schreiben?

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