Marcus Paudler im Interview über seinen Roman „Blutige Geheimnisse“ und queere Literatur - BUCHSZENE.DE

Marcus Paudler im Gespräch über toxische Beziehungen, Brustkrebs bei Männern und seine beiden Werke „Blutige Geheimnisse“ und „Schwule sind doch immer nett …“

Marcus Paudler im Interview über seinen Roman „Blutige Geheimnisse“ und queere Literatur

6. April 2022 | Interview: Jörg Steinleitner

Blutige Geheimnisse

Herr Paudler, mit „Blutige Geheimnisse“ legen Sie nach „Schwule sind doch immer nett …“ Ihr zweites Buch um den jungen Julian nach. Der erste Roman erzählt von Julians Coming-out. „Blutige Geheimnisse“ eröffnet ein anderes Genre und spannt einen weiteren Bogen.

In „Schwule sind doch immer nett …“ geht es nicht nur um Coming-out. Ein wichtiger Teil ist das Thema „Gewalt“, psychisch wie körperlich. Tatsächlich findet man zu diesem Thema nur wenig in der schwulen Community. „Blutige Geheimnisse“ ist nicht mehr so autobiographisch wie sein Vorgänger. Der Titel verrät schon, dass es um Geheimnisse geht. Nach und nach kommen diese ans Licht. Zudem sind sie blutig, da es mörderisch wird. Geheimnisvolle Sex-Partys geben einen Hinweis darauf. Bei denen Drogen mit im Spiel sind. Das Genre bewegt sich dadurch in Richtung Thriller.

Zunächst scheint Julian in „Blutige Geheimnisse“ mit Ben seine große Liebe gefunden haben. Doch plötzlich verschwindet dieser spurlos. Was ist passiert?

Ben rettete Julian einst das Leben. Das schweißte die beiden immer mehr zusammen, wodurch sich diese große Liebe entwickelte. Doch eines Tages konnte Ben seine Vergangenheit nicht mehr leugnen und sie holte ihn buchstäblich ein. Ben war dabei ein Geheimnis zu lüften. Doch bevor er dazu in der Lage war, verschwand er unter mysteriösen Umständen.

Julian gerät über Tim, der bereits in „Schwule sind doch immer nett …“ für die Rahmenhandlung wichtig ist, auf illustre Sexpartys. Was genau geschieht bei diesen erotischen Treffen?

Richtig, Tim stellt in „Schwule sind doch immer nett …“ die Rahmenhandlung. In „Blutige Geheimnisse“ ist er einer der Hauptcharaktere. Tim verfolgt auf diesen „Sexpartys“ einen Plan. Was genau dort geschieht, dürfen die Leser*innen gern selbst herausfinden und entdecken. Nur so viel sei verraten: Tim hat sich an einen bestimmten Standard in seinem Leben gewöhnt. Macht und Geld sind ihm sehr wichtig. Dafür braucht er solche Partys.

Es wirkt so, als führte eine Person in „Blutige Geheimnisse“ ein Doppelleben?

Das stimmt. Ben hatte sich so sehr ein bürgerliches Leben gewünscht. Mit Julian glaubte er, es gefunden zu haben. Doch nach und nach muss er sich die Frage stellen, ob er überhaupt der Typ für so ein Leben ist. Oder ist es ihm gar nicht mehr möglich, aufgrund seiner Vergangenheit!?

Tim ist mittlerweile ein hochdekorierter Journalist. Doch je mehr wir über ihn erfahren, umso klarer wird, dass er für seine Geschichten Menschen wie Julian ausbeutet. Muss ein Autor bis zu einem bestimmten Grad andere Menschen um ihre Geschichten bringen – das hat ja etwas Vampirhaftes?

Nein, das denke ich nicht. Natürlich kann ich nur für mich sprechen. Ich habe auch noch nie mitbekommen, dass Autor*innen so etwas machen. Die Geschichten der Menschen inspirieren uns natürlich. Aber hier würde ich nie von Ausbeutung sprechen. In meinen Büchern hat es schlicht und einfach zum Charakter von Tim gepasst. Doch dieser Charakter ist reine Fiktion. In „Schwule sind doch immer nett …“ suchte der Journalist Tim eine „Muse“. Die fand er in Julian. In „Blutige Geheimnisse“ spüren die Leser*innen sehr schnell, wie besessen Tim von Julian ist.

Sie beschreiben alles sehr genau. Wieviel von Ihren Geschichten ist real?

Tatsächlich sind einige Passagen in Julians Rückblicken autobiographisch. Daher brauchte es nicht so viele Recherchen. Die Gegenwart ist aus meiner Fantasie und aus meinen Gefühlen entstanden. Ich bin ein sehr kreativer Mensch, daher fällt es mir sehr leicht mich in Situationen und Geschichten reinzuversetzen. Am spannendsten finde ich, dass sich die Geschichten während des Schreibens weiterentwickeln. Wie aus dem Nichts heraus. Es ist selbst für mich oft überraschend, wenn ich es anschließend durchlese.

Wie bereits in „Schwule sind doch immer nett …“ gibt es in „Blutige Geheimnisse“ mehrere erotische Szenen, die Sie sehr explizit beschreiben. Fällt es Ihnen leicht solche Passagen aufs Blatt zu bringen?

Zugegeben, als ich die erste Erotikszene in „Schwule sind doch immer nett …“ schrieb, war ich mir sehr unsicher. Als ich es dann durchlas, dachte ich: „Das kannst du doch nicht so schreiben …!“ Aber mir wurde schnell klar, warum nicht?

Erotik und Sexualität gehören genauso zum Leben wie Essen und Trinken. Es ist ein Teil von uns. Daher macht es mir nichts aus und fällt mir auch nicht schwer darüber zu schreiben. Ich denke auch, dass sich der eine oder andere darin wiederfindet. Das, was manche denken, bringe ich eben zu Papier.

Eine Episode von „Blutige Geheimnisse“ kreist um die Brustkrebserkrankung Julians. Was inspirierte sie dazu?

Mir ist es wichtig, meine Leser*innen nicht nur mit meinen Geschichten zu unterhalten. Ich möchte Botschaften senden, die gehört werden dürfen und über die viel zu wenig gesprochen wird. Das Thema „Brustkrebs beim Mann“ liegt mir persönlich sehr am Herzen, da ich selbst vor einigen Jahren die Diagnose – „Verdacht auf Brustkrebs“ – bekam. Ich weiß dadurch, wie es sich anfühlt, nicht verstanden, ausgegrenzt oder als nicht normal abgestempelt zu werden. Einfach, weil viele Menschen mit diesem Thema keine Erfahrung oder Berührungsängste haben.

In „Schwule sind doch immer nett …“ zeigen Sie anschaulich, welche Rückschläge ein junger Mann, der sich geoutet hat, wegstecken muss. Haben Sie hier auch eigene Erfahrungen eingearbeitet?

Tatsächlich habe ich die eingearbeitet. Mir fehlte lange Zeit der Mut, mit solch brisanten Themen an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn in gewisser Weise macht man sich nackt. Ich kann heute sagen, dass ich dankbar bin für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Sonst wären meine Bücher nie entstanden. Aber welche Erfahrungen von mir oder von Freunden sind, bleibt das Geheimnis des Autors. Ich freue mich natürlich, dass mein Buch „Schwule sind doch immer nett …“ anderen Menschen helfen konnte, sich zu öffnen und sich Hilfe suchen. Für mich noch ein Beweis mehr, wie wichtig meine Botschaft „Gewalt in der schwulen Community“ ist. Zum Beispiel schrieb mir ein junger Mann: „Ich dachte, nur ich habe solch Erfahrungen gemacht und wäre mit meinem Thema allein. Durch dein Buch fand ich den Mut mich Freunden anzuvertrauen …“

In „Schwule sind doch immer nett …“ schreiben Sie mehrmals den Satz: „Mann sein, heißt stark sein.“ Ist das nicht ein Klischee?

Genauso ist es. Es heißt immer, Männer müssten stark sein und dürften keine Gefühle zeigen. So wie es auch Julian gelernt hatte und ihm beigebracht wurde. Aber es gibt diese andere Seite sehr wohl. Und sie gehört genauso zu uns! Man muss sich nicht dafür schämen, dass man als schwuler Mann auch verletzbar ist.

Glauben Sie, Literatur kann die Welt ein kleines bisschen besser machen?

Absolut. Daher ist es mir wichtig nicht nur zu unterhalten, sondern meinen Leser*innen einen Mehrwert zu bieten. Aufzuklären und Themen anzusprechen, die meist tabu sind. Ich würde mir wünschen, dass meine Botschaften gehört werden. Dass mehr darüber gesprochen wird. Auch im dritten und vorerst letzten Teil meiner Julian-Reihe werde ich wieder eine Botschaft senden, die mir sehr am Herzen liegt. Leider werden Autoren*innen, die queere Geschichten schreiben, in der Literaturwelt nicht so ernst genommen wie andere Autor*innen. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert. Daher sind mir diese Botschaften auch so wichtig. In queeren Geschichten geht es nicht nur um Coming-out-Themen, sie sind vielfältiger wie manche vielleicht denken.

Wie beurteilen Sie die Situation queerer Menschen in Deutschland?

Natürlich hat sich die Situation in den letzten 20 Jahren sehr gebessert. Aber dennoch ist zu erkennen, dass Gewalt gegen queere Menschen wieder stark zunimmt. Wir erleben nach wie vor Diskriminierung, Gewalt und sogar Bevormundung. Es ist noch ein weiter Weg und ich habe das Gefühl, dass der Kampf um Akzeptanz und Gleichberechtigung nie enden möchte. Es gibt noch immer einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land. Queere Menschen auf dem Land haben es schwerer. Man findet schwieriger Anschluss. Auch für mich ist es eine große Herausforderung mit queeren Geschichten im Allgäu in die Öffentlichkeit zu gehen. Daher ist es umso wichtiger, präsent und authentisch zu sein. Es liegt noch viel Arbeit vor uns und selten habe ich so eine starke Community erlebt wie die „Queere“. Wir haben gemeinsame Ziele und dafür kämpfen wir Seite an Seite. Akzeptanz und Gleichberechtigung zum Beispiel. Das ist einer der Gründe, dass ich queere Geschichten schreibe. Ich möchte aufklären und sie sichtbarer machen.

Wie Sie sagten, schreiben Sie bereits am dritten Julian-Band. Werden Sie noch einmal das Genre wechseln?

Das kann ich, ehrlich gesagt, noch nicht beantworten. Vieles entwickelt sich tatsächlich beim Schreiben. Bei mir ist es zumindest so. Klar habe ich einen groben Rahmen, aber vieles entsteht aus dem Gefühl heraus und entwickelt sich sehr spontan. Eines kann ich aber schon verraten: Es gibt viele neue, spannende Charaktere, neue Handlungsorte und es wird definitiv wieder mörderisch.


Zur Biografie von Marcus Paudler


 

 

 

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