Die eine war eine Herrscherin, die andere eine emanzipierte Jüdin. Die Schriftstellerin Dr. Uschi Meinhold über die modernen Heldinnen ihrer beiden historischen Romane.

Dr. Uschi Meinhold im Interview über ihre historischen Romane „Bruna-Brunhilde“ und „Marias Sehnsucht“

18. Mai 2022 | Interview: Bernhard Berkmann

Titelbild Bruna-Brunhilde

Frau Dr. Meinhold, Ihre beiden Bücher „Bruna-Brunhilde“ und „Marias Sehnsucht“ stellen zwei starke Frauen in den Mittelpunkt. Was fasziniert Sie an Bruna-Brunhilde, der Königin und Nibelungentochter, dass Sie Ihr einen ganzen Roman widmen?

Dafür gibt es viele Gründe. Beginnen wir mit dem gleichsam übergeordneten Grund: Brunhilde war eine historische Person des 6. Jahrhunderts mit einem außergewöhnlichen Leben. Sie existierte wirklich, und die Zeitgenossen berichteten über sie: Einmal nannten sie sie Teufelin, das andere Mal bewunderten sie Brunhilde wegen ihrer Schönheit. Ersteres überrascht nicht. Sie war ja eine Frau, die sich männliche Rechte herausnahm. Auch das Recht, mit Papst Gregor dem Großen zu korrespondieren. Er schätzte sie als Erzieherin und Mutter.

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Unter dem Schreiben meiner Doktorarbeit im Fach Geschichte begegnete mir die merowingische Königin in historischen Quellen. Damals schon nahm ich mir vor, über sie einen Roman zu schreiben. Keine wissenschaftliche Abhandlung sollte es werden. Mich faszinierte die Einzigartigkeit dieses Lebens. In dieser Zeit gab es keine vergleichbare weibliche Existenz. Die damalige Welt – Adel, Papsttum, Herrschertum – erfuhr männliche Prägung.

Für Brunhilde war es selbstverständlich, als Frau politisch zu agieren. Woher kam das?

Ein männliches Vorbild für ihr Handeln mochte ihr westgotischer Vater gewesen sein. Sie kam ja aus Spanien, dem Reich der Westgoten, aus südlicher Sonne, in das Reich der Franken, um dort einen merowingischen Herrscher zu heiraten. Aus politischen Gründen. Der Franke war als fränkischer König zur Verteidigung seiner Herrschaft auf das Geld des reichen Westgoten, Brunhildes Vater, angewiesen. Die Tochter kannte ihren zukünftigen Mann Sigibert nicht. Daraus werden im Roman eine besondere Begegnung und eine große Liebe.

Gibt es weitere Dinge, die Sie an Brunhilde faszinieren?

Ein weiterer Grund stellt sich in der Tatsache dar, dass Brunhildes Leben literarischen Eingang fand in das Nibelungenlied des 13. Jahrhunderts. Einige werden dieses Epos kennen: Der Wormser Hof, Kriemhilde und Brunhilde, das grausame Ende der fränkischen Sippe im Reich Etzels. Brunhilde war das Vorbild für die Brunhilde im Nibelungenlied. Bis heute kennen wir dessen Autor nicht. Aber es scheint in Lorsch verfasst worden zu sein. Einem Kloster, nicht weit entfernt von Brunhildes Hof Worms.

Warum „Nibelungentochter“?

In Burgund zur Zeit Brunhildes lebten Nibelungen. Als Teil der Burgunder ein von den fränkischen Eroberern mehrfach vertriebenes Volk. Im Roman ist Bruna- Brunhilde für die Nibelungen ihre Königin, die in der Brünne, dem Brustpanzer, kämpft. Der Roman erzählt von deren Liebe zu ihr. Deshalb lautet der Romanuntertitel auch auf „Nibelungentochter“.

Brunhilde wird geliebt und gefürchtet von ihrem angeheirateten Neffen Chlotar II. und dem ihn umgebenden mächtigen Adel, der die eigenen Machtansprüche durchsetzen will.

Einschüchtern lässt Bruna-Brunhilde sich nicht. Auch nicht angesichts des von ihrem Neffen und Gegner Chlotar II. zwar nicht initiierten, aber auch nicht widersprochenen Urteils, das ihren Tod fordert. Grausam war er in den historischen Berichten. Zerrissen bei lebendigem Leib von vier wilden Pferden. So berichten jedenfalls die ihr nicht gewogenen Quellen. Der Geschichtsschreiber Fredegar hasste sie.

War das Propaganda?

Vielleicht. Der Roman wählt ein anderes Ende. Ein historischer Roman erzählt. Nur zu berichten, das interessiert die Leser nicht. Sie wollen mitfühlen, ohne dass aus dem Ganzen Fakes werden. Die Freiheiten dieser Gattung nutze ich, um den Lesern die ferne Zeit näher zu bringen. Alles, was erzählt wird, respektiert die historischen Fakten. Ich versuche aber immer beim Schreiben ein Gesamtbild zu malen. Deshalb wird auch von den medizinischen Kenntnissen dieser Zeit erzählt. Und von vielen anderen Personen und Ereignissen. Von Brunhildes Freunden und Lieben.

Warum trägt sie den Beinamen Bruna?

Eine Reminiszenz vielleicht an die Heimat der Westgotin und an den Vater, der ihr – literarische Freiheit – den Namen gibt.

War Bruna-Brunhilde „böse“ oder skrupellos?

Diese Frage kann man so nicht stellen. Dass sie manchen Zeitgenossen als Teufelin galt, war wohl eher Propaganda. Die politische Wirklichkeit des 6. Jahrhunderts musste bewahrt werden: Männer als Herrscher. Die Westgotin und Merowingerin lebte und handelte in dem juristischen Rahmen, der im 6. Jahrhundert galt. Wir können unser Rechtsempfinden nicht einfach auf die merowingische Zeit übertragen. Und: Ist unsere Zeit weniger skrupellos?  

Hinrichtungen veranlasste der Herrscher.

Schon, aber ob Bruna-Brunhilde selbst Hinrichtungen anordnete, darüber gibt es keine Quellen. Im Roman duldet sie die Tötung eines Enkels. Und da sind wir beim Thema: Nach der Ermordung ihres Mannes, ihres Sohnes, ihres Enkels herrschte sie nicht nur für sie, sondern auch für ihren Ur-Enkel. Für mehrere Generationen demnach. Auch ein Grund, über sie zu schreiben. Ihre Hinrichtung oder ihr Selbstmord erfolgte in Bruna-Brunhildes Alter von etwa 60 Jahren. Ein hohes Alter in dieser Zeit. Sie war eine starke und kluge Frau. Das ist nicht nur eine Aussage im Roman, sondern dies finden wir auch in der historischen Überlieferung; und zwar bei Koryphäen – neben anderen auch Papst Gregor der Große und der Geschichtsschreiber Gregor von Tours -, die ihre Zeitgenossen waren. Der oder die Leserin mag für sich entscheiden, wer die merowingische Herrscherin war.

Wie ist es mit Bruna-Brunhilde und der Liebe?

Die Liebe Bruna-Brunhildes zu ihrem Mann, dem Sohn, den Enkeln spielt im Roman eine wesentliche Rolle. Die historischen Quellen liefern dazu keine Erkenntnisse. Wir können aber auf ihre Liebesfähigkeit schließen, ohne die Geschichte zu vergewaltigen.

Sie zitieren auch Ovids „Ars Amatoria“. War dieses freizügige Stück Literatur seinerzeit gut zugänglich?

Ach ja, die „Ars Amatoria“ Ovids. „Frei zugänglich“ war dieses Stück freizügige Literatur nicht. Bruna-Brunhilde hat wohl Zugriff auf diesen Text. Im Roman.  Ihre Untertanen nicht. Sie konnten nicht lesen. Und: Abschriften befanden sich in Bibliotheken. Princeps Augustus schickte Ovid wegen dieses freizügigen Textes über das erotische Recht der Frauen in die Verbannung.

Neben Bruna-Brunhilde haben Sie auch noch den historischen Roman „Marias Sehnsucht“ verfasst. Von welcher Maria erzählen Sie?

Meine Jüdin Maria ist nicht die Maria Magdalena der katholischen Kirche. Erstere lebt im Roman bis zu ihrem Tod als eine Jüdin, die ihren jüdischen Glauben behält. Auch angesichts des zu ihrer Lebenszeit sich entwickelnden Christentums. Leser des Romans zeigten ihre Überraschung angesichts der jüdischen Maria. Sie verstanden dann, dass es nicht um die Maria-Magdalena geht. Deshalb heißt der Jesus des Neuen Testamentes auch Joshua. So nannten ihn die Juden. Joshua war Jude. Als Jude wurde er hingerichtet.

War diese andere Sicht der Grund für Sie, über die jüdische Maria im Roman zu erzählen, sie einzubetten in die römische Welt dieser Zeit?

Ja, das war es.

Gibt es zwischen Bruna-Brunhilde und Maria etwas Verbindendes?

Auf den ersten Blick und angesichts des Zeitabstandes nicht. Auf den zweiten schon: Beide Frauen emanzipieren sich. Maria löst sich vielleicht noch stärker als Brunhilde von den gesellschaftlichen Regeln der Zeitenwende.

Gibt es für Ihre Maria ein geschichtliches Vorbild?

Die Maria meines Romans ist nicht historisch. Das Umfeld ist es. Der Roman erzählt über die Jüdin Maria, ihre Kontakte zu historischen Persönlichkeiten der Zeitenwende. Die Fakten zu den Personen – insbesondere zum römischen Princeps Tiberius und seinem Leben – entsprechen der historischen Forschung. Überhaupt ist die römische Zeit, die in dem Roman auftaucht, Fakt. Einen Exkurs bietet die Erzählung über Pilatus. Ich muss hier nicht wiederholen, dass der Römer allgemein als Mörder des Jesus der Bibel beschrieben wird. Der Pilatus des Romans zeigt eine andere Entwicklung. Der bzw. die Leserin wird dies entdecken.

Die gehörlose jüdische Lea nimmt einen erheblichen Raum in Ihrer Erzählung ein …

Dies auch über Marias Tod hinaus. Sie macht trotz ihrer Behinderung den nächsten emanzipatorischen Schritt im Hinblick auf gesellschaftliche Vorgaben. Sie heiratet einen Christen, überwindet so die im Einzelfall auch tödliche Auseinandersetzung zwischen Juden und dem neu entstehenden Christentum. Ein daraus resultierendes grausames Ereignis ereignet sich auch in Leas Familie.  Den emanzipatorischen Schritt wagt auch Maria, als sie als Jüdin mit dem Römer Lupus, einem ungläubigen Lebemann und Spötter in Glaubensangelegenheiten, zusammenlebt

Maria reist von Galiläa nach Zypern, Rom und Capri. Ist es zu Marias Zeit üblich, dass eine Frau sich auf eine große Reise begibt?

Frauen der Lebenszeit Marias – wir haben darüber keine belastbaren historischen Quellen – sind wohl eher an ihr Zuhause gebunden. Die Jüdin Maria im Roman kann reisen, da es sich aus ihrer familiären Situation ergibt: Mutter gestorben, Vater verschwunden. Sie besitzt Vermögen, hat Kontakte zu einer römischen Prinzessin, der Tochter des Princeps Tiberius, ist gebildet und mutig. Wenn die Leser*innen es wollen, können sie über Maria und Lea von modernen Frauen sprechen. Manche Wege der Personen im Roman führen auseinander, andere fügen sich aus unterschiedlichen Richtungen in einen Lebensweg zusammen. Besonders der Leas. Der Roman ist ein Angebot, Überkommenes anders zu erleben. Und in die Geschichte der Zeitenwende zusammen mit der Jüdin Maria einzutauchen, Rom auf deren Reise als deren Sehnsuchtsort zu erleben.

Was empfinden Sie, wenn Sie an Bruna-Brunhilde und Maria denken?

Beide Frauen sind mir ans Herz gewachsen. Ohne Emotion hätte ich nicht über sie schreiben können. Deshalb: Zu Bruna-Brunhilde, zu Maria, zu Lea, zu allen würde ich reisen. Dort war ich beim Schreiben auch schon. Eine meiner Leserinnen schrieb: „So weit entfernt und dennoch so nah“. Die Nähe zu „meinen“ Frauen ist der Motor.

Und was kommt jetzt? Sind Sie bereits an einem neuen historischen Stoff dran?

Ja, gerade beschäftige ich mich mit Maria von Burgund. Sie lebte von 1457 bis 1482 und gibt neben anderen Frauen der Habsburger den Anstoß zu dieser neuen Erzählung. Die reiche Frau des völlig verarmten Erzherzogs von Österreich, des späteren Kaisers Maximilian, wird als „des Hauses Habsburg Kronjuwel“ beschrieben. Immerhin ist sie – und das ist unbestritten – mit ihren Kindern die Mutter der Habsburger. Dennoch werde ich in meinem Roman über die nüchternen Fakten hinausgehen. Auch über das Übertriebene. Das erwarten meine Leser von mir. Nicht begeistert schreibe ich über dieses „Kronjuwel. Sondern versuche neben anderem, dieses kurze, wohlbehütete Frauenleben in den Zeitzusammenhang zu stellen. Und der war hart genug, brachte aber auch Kunst und Kultur hervor. Es ist unbestritten, dass Maria von Burgund sich mit ihrem Leben am Ende des Mittelalters befand. Die Literatur bezeichnet Maximilian von Habsburg als den letzten Ritter.

In welche anderen Zusammenhänge betten Sie Ihre Geschichte ein?

Krankheit, Krieg, Tod. Und dann die oft grausame Art des Herrschergeschlechtes der Habsburger, mit ihren Ehefrauen zu verfahren. Einsperren. Viele Jahre. Deren Geld verprassen. Um die Erzählung schlingt sich eine Rahmenhandlung, die in unserer Zeit spielt und auch überliefert ist: Eine junge Forscherin erhält den Auftrag anlässlich des 500. Todestages Marias von Burgund im Jahr 1982, deren Überreste zu finden. Sie verfällt im Roman dem Reiz dieses Frauenlebens völlig. Mit tragischem Ende.

Wie entwickeln Sie aus derart vielen historischen Fakten einen Roman?

Als Historikerin bearbeite ich Quellen und wissenschaftliche Literatur vorrangig. Und dann? Folgt die Emotion, das Erzählen, der Roman. So arbeite ich, wenn ich historische Romane über Frauen schreibe. Dabei erinnere ich an Theodor Fontane in Unwiederbringlich 1892: „Ich sehe nicht ein, warum wir uns immer um die Männer oder gar um ihre Schlachten kümmern sollten, die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter.“

 


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