Anne Gesthuysen: Mädelsabend. Buchkritik | BUCHSZENE

Von den 50er-Jahren bis ins Deutschland der Gegenwart reicht Anne Gesthuysens Roman „Mädelsabend“. Eine Geschichte voller berührender Lebensweisheit, in der vieles geglückt ist, manches aber nicht ganz.

Anne Gesthuysens „Mädelsabend“ erzählt die Geschichte von vier Generationen im Nachkriegsdeutschland

8. März 2019 | Bernhard Berkmann

Mädelsabend

Anne Gesthuysen

Mädelsabend

ISBN 978-3-462-05150-6

384 Seiten | € 22,00

Kiepenheur & Witsch

Romantik (3/5)

Komik (3/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (1/5)

Unterhaltung (3/5)

Mädelsabend

© Halfpoint shutterstock-ID:291654098

Die Geschichte einer Familie im Deutschland der Nachkriegszeit

Anne Gesthuysens „Mädelsabend“ ist ein Roman über eine gutbürgerliche Familie im Deutschland der Gegenwart. Die Geschichte beleuchtet vier Generationen, wobei Paul, der Vertreter der jüngsten Generation, noch ein Kleinkind ist und deshalb keine aktive Rolle spielt. Im Zentrum der Handlung stehen vor allem die Großeltern Ruth und Walter, die seit Ruths Sturz im Seniorenheim Burg Winnenthal am Niederrhein leben sowie die Enkel Sara und ihr Mann Lars.

Großmutter Ruth blüht im Seniorenheim auf, ihr Mann leidet

Die Geschichte der jungen Jahre der Großeltern erzählt Anne Gesthuysen in Form von Rückblenden. Wir erfahren, wie sie heirateten und erleben die engen Verhältnisse, in denen man im Nachkriegsdeutschland Familien gründete; wie stark das Leben von Konventionen geprägt war und wie wenig Freiheit und Wahlmöglichkeiten dieser Generation zur Verfügung standen. Glaubwürdig erzählt Anne Gesthuysen, wie Ruth, die Großmutter, im Seniorenheim aufblüht, weil sie wieder unter Leute kommt. Und wie ihr Ehemann Walter leidet, weil er von dem plötzlichen Trubel überfordert ist. Sie schildert mit anekdotenhaftem Humor und inhaltlich treffend, mit welchen kleinen Tricks sich Ruth kleine Freiheiten ergaunert, z.B. das Singen mit dem Chor. Und wie Walter dies versucht zu sabotieren.

Sara fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Familie und Beruf

Auch die Lebensprobleme der Enkelgeneration stellt Anne Gesthuysen realistisch dar: Sara und Lars, die Eltern des kleinen Paul, leben eine gleichberechtigte Beziehung. Sie genießen natürlich wesentlich größere Freiheiten als ihre Großeltern dies über sechzig Jahre früher hatten. Sara, Tochter eines Professors, ist eine erfolgreiche und ehrgeizige Medizinerin. Als sie die Chance bekommt, mithilfe eines Stipendiums nach Cambridge zu gehen, sagt sie nach längerem Nachdenken zu. Doch die Wochenendbeziehung, die daraus entsteht, sorgt für Reibungen zwischen ihr und Lars. Sara ist sich nicht sicher, wieviel Familienleben sie für ihren beruflichen Erfolg opfern soll und wieviel Entgegenkommen sie ihrem Mann abverlangen kann.

Anne Gesthuysen trifft die Realität, aber springt der Funke über?

All dies schildert Anne Gesthuysen detailliert, einfühlsam, glaubwürdig, realistisch und mit einem leisen, angemessenen Humor. Durch die Art ihrer Darstellung zeichnet sie ein genaues Bild davon, wie sich Familienleben und unsere Vorstellung von ehelicher und elterlicher Liebe in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg verändert haben. Dennoch springt bei der Lektüre der Funke nur selten über. Dies liegt an zwei Schwächen des ansonsten wirklich gelungenen Werks: Zum einen wirft Anne Gesthuysen von Anfang an und auch im weiteren Verlauf der Geschichte keine einzige wirklich bewegende Frage auf, deren Beantwortung man sich erhoffen würde und die einen zum Weiterlesen animieren würde. Zum anderen schreibt sie das echte Leben einfach nur ab. Dies zwar auf ziemlich perfekte Weise, aber es ist eben „nur“ das wahre Leben, das wir hier vorgesetzt bekommen. Und da fragt man sich bei der Lektüre immer wieder: Wieso soll ich das jetzt lesen? Das ist das normale Leben. Das erlebe ich doch selbst jeden Tag! Vielleicht hätte der Geschichte hier etwas Überraschendes gut getan, eine ungewöhnliche Figur oder auch die Darstellung eines unerwarteten Auswegs aus diesen gewöhnlichen Alltagsproblemen dreier Generationen? Dieser Roman wäre eine interessante Vorlage für eine soziologische Untersuchung, aber spannend und überraschend ist er nicht.

Das Buch ist nicht spannend, dafür aber ein Quell an Lebensweisheit

Dennoch ist es unmöglich, sich dem stillen, liebevollen Humor und den berührenden Passagen von „Mädelsabend“ und seiner immer wieder aufblitzenden Weisheit zu entziehen: „Die jungen Leute glaubten heutzutage, dass ihnen zu jeder Zeit alles zustünde, sie kannten kein alles zu seiner Zeit mehr“ ist so eine Wahrheit, die Anne Gesthuysen ihrer wichtigsten Figur, der betagten, aber lebenslustigen Ruth in den Mund legt. Auch der Brief, den Ruth an ihre Enkelin Sara schreibt, ist eine Quelle einfach und eindringlich formulierter Lebensweisheit. „Kämpfe nicht gegen Dich selbst“, schreibt Ruth, „sondern richte Dich in dem Leben ein, das Dich froh macht. Du hast nur dieses eine.“ An solchen Stellen beweist Anne Gesthuysen, wie genau sie unser aller Leben durchschaut hat.

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Anne Gesthuysen

Geboren 1969 am unteren Niederrhein, studierte Anne Gesthuysen nach dem Abitur in Xanten Journalistik und Romanistik. In den 90er-Jahren arbeitete sie bei Radio France, ansonsten fühlt sie sich seit Ende der 80er-Jahre in den deutschen Medien wohl.


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