Ray Celestin: Todesblues in Chicago. Buchkritik | BUCHSZENE

Eine Tochter verschwindet, ein Tatortfotograf findet eine Leiche ohne Augen – und jemand versucht Al Capone mit Champagner zu vergiften. Frau Bluhm liest Ray Celestins „Todesblues in Chicago“.

Ray Celestins „Todesblues in Chicago” versetzt uns ins Amerika der frühen 20er Jahre

17. April 2019 | Frau Bluhm

Titelbild Todesblues in Chicago

© totojang1977 shutterstock-ID:463641971


Frau Bluhm liest „Todesblues in Chicago”: 4 von 5 Blu(h)men


Eine Tochter verschwindet und Al Capone wird beinahe mit Champagner vergiftet

Chicago im Jahr 1928. Es ist die Blütezeit des Jazz, aber auch der Prohibition und der Gangster. Die Pinkerton Detektive Ida und Michael werden von einer reichen Lady mit der Suche nach ihrer Tochter beauftragt, die vor drei Wochen spurlos verschwand. Gleichzeitig bekommt der selbst ernannte Problemlöser Dante, von niemand anderem als Al Capone persönlich, den Auftrag einen Anschlag auf ihn aufzuklären, in dem vergifteter Champagner eine Rolle spielte. Und der Tatortfotograf Jakob wird zu einer Leiche ohne Augen gerufen. Die drei Fälle scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben, doch im Laufe der Ermittlungen überschneiden sich die Spuren und bald wird allen vieren klar: An diesen Ereignissen ist mehr dran, als im ersten Moment zu erkennen war.

Die Hauptfigur in Ray Celestins Roman ist der Jazz der 20er Jahre

Mit „Todesblues in Chicago“ setzt Ray Celestin sein Quartett aus dem Amerika des frühen 20. Jahrhunderts fort. Der Auftakt spielte in New Orleans, sein neues Buch, es ist der zweite Band der Serie, widmet er dem Jazz der 20er-Jahre in Chicago. Als Extra ist der Roman sogar in seiner Einteilung so aufgebaut wie eines der berühmtesten Stücke des legendären Louis Armstrong: „West End Blues“. Solche Details sind es, die dem Werk eine großartige atmosphärische Dichte verleihen. Ray Celestin nimmt sich viel Zeit dafür, die damalige Zeit in Worte zu fassen und lässt uns in die 20er Jahre reisen, indem er auf fast schon meisterhafte Weise reelle Ereignisse und Personen mit fiktiver Handlung verknüpft. Oben schon erwähnter Louis Armstrong ist nur das erste von vielen bekannten Gesichtern, die uns begegnen. Obwohl alle vier Hauptfiguren rein fiktiv sind, ist genau so viel Wahres in der Handlung des Buches, um es absolut realistisch und authentisch zu machen. Ein Highlight für mich war die Momentbegegnung mit Charlie Chaplin in einer Bar, aber natürlich war es die Storyline um Al Capone, den wohl berüchtigtsten Steuerhinterzieher aller Zeiten, die mich am meisten faszinierte.

In „Todesblues in Chicago“ steckt richtig viel Recherche

Durch die vielen schönen Sprachbilder, die der Autor verwendet, meint man sie fast zu spüren, die Atmosphäre der 20er Jahre. Gäbe es eine Zeit, die ich gerne mal mit einer Zeitmaschine besuchen würde, ich glaube, ich würde mich für diese entscheiden. Geführt von Ray Celestin ziehen wir gemeinsam mit den Ermittlern durch die allgegenwärtigen Flüsterkneipen und hören an jeder Ecke die Klänge einer Jazztrompete. In diesem Roman steckt richtig viel Recherche! Bei den Personen hat er es allerdings ein wenig übertrieben, denn es tauchen so viele ähnlich klingende Namen auf, dass mir der Kopf schwirrte, und die emotionale Anbindung an die Protagonisten etwas litt. Aber das ist wirklich das einzige Manko eines sonst wunderbar gestalteten Romans.

Macht Lust auf Jazz – und Ray Celestin empfiehlt weitere Bücher

Man könnte die Handlung um den Todesblues, der übrigens der absolute Hauptcharakter dieses Romans ist, fast schon als Episodenroman bezeichnen, denn in der ersten Hälfte geht es eigentlich um drei verschiedene Ermittlungen. Obwohl es eigentlich drei Geschichten in einem Buch sind, ergibt am Ende alles ein wunderbar rundes Gesamtkonstrukt, welches dazu anregt, sich noch über das Buch hinaus mit der Thematik zu beschäftigen. Ich habe viel von Louis Armstrong auf Youtube gehört, und ich werde bestimmt auch eines der weiteren Bücher seiner Schriftstellerkollegen lesen, die Ray Celestin in seinem Schlusswort empfiehlt. Von Filmen, die in dieser Zeit spielen, brauche ich – glaube ich – gar nicht anzufangen. Falls jemand einen Tipp für Samstagabend braucht: „Die Unbestechlichen“ kann ich nur empfehlen. Vor allem aber freue ich mich sehr darauf, irgendwann den Nachfolgeband dieses Buches zu lesen, welches im New York der 30er spielen soll.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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