Takis Würgers Roman "Stella". Inhalt und Kritik | BUCHSZENE

Takis Würgers Bestseller „Stella“ sorgt seit Erscheinen für Schlagzeilen. Dem Autor wird eine Instrumentalisierung der Geschichte der Judenverfolgung vorgeworfen. Birte Vandar hat das Buch für uns gelesen.

Takis Würgers „Stella“ ist inspiriert von der wahren Geschichte der Jüdin Stella Goldberg

22. Februar 2019 | Birte Vandar

Stella

Takis Würger

Stella

ISBN 978-3-446-25993-5

224 Seiten | € 22,00

Hanser

Romantik (3/5)

Komik (1/5)

Weisheit (4/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (2/5)

Stella

© Alfredo Garcia Saz shutterstock-ID:1118147633

Ein junger Mann geht 1942 nach Berlin, um zu sehen, was dort geschieht

Das Buch über Stella Goldschlag beginnt mit der schlimmen Kindheitsgeschichte des fiktiven Friedrich, der sich als junger Mann 1942 entscheidet, eine Weltreise zu machen und diese in Berlin zu beginnen: Er möchte sich ein eigenes Bild machen von dem von den Nationalsozialisten geprägten Alltag in der deutschen Hauptstadt.

Friedrich lernt die Jüdin Stella kennen und lieben

Schon gleich nach seiner Ankunft ist Friedrich erschüttert, denn der Antisemitismus ist in Berlin allgegenwärtig. Er lernt Kristin kennen (Ist die Schreibweise nicht sehr ungewöhnlich für die Zeit?), die sich später als Stella entpuppen wird, und Tristan, einen etwas undurchsichtigen, aber offensichtlich freundlichen, jungen Mann. Er feiert mit den beiden und verliebt sich heftig in Stella, die Jüdin ist. Als sie mal ein paar Tage nicht zu ihm kommt, kippt er in seinem Hotelzimmer heiße Schokolade ins Waschbecken.

Stella wird von den Nazis verhaftet und misshandelt

Eines Tages geschieht ihre Verwandlung von Kristin zu Stella. Sie erscheint bei ihm, nach einer Festnahme durch die Nazis und offensichtlich von diesen misshandelt. Fortan fühlt sich Friedrich der Liebe zu dieser Frau vollkommen ausgeliefert. Während auf den Straßen Juden bei helllichtem Tag verschleppt werden, liegt Stella lesend und Sekt trinkend in seiner Hotelbadewanne. Friedrich erfährt, dass auch Stellas Eltern festgenommen wurden. Und so arbeitet er an einem Plan, sie freizubekommen. Als der Plan misslingt, fragt er sich seltsamerweise nicht, wie es Stella gelingen konnte, den Nazis wieder zu entkommen.

Fiktion beißt sich mit realen Fakten – ein Schwachpunkt des Romans

Diese Naivität des fiktiven Charakters und die geradezu ekelerregende Dekadenz des Alltags der drei Freunde (man muss im Kopf haben, dass Stellas Eltern zeitgleich die Deportation droht) zählen zu den Schwachpunkten von Takis Würgers Geschichte. Die fiktive Darstellung der leichtlebigen Stella, die so gerne singen möchte, beißt sich zudem mit den kursiv zitierten, echten Verhandlungsprotokollen, die scheinbar zusammenhanglos jeweils monatlichen Zusammenfassungen über das Weltgeschehen vorangestellt werden.

Krieg und Folter stehen in einer Reihe mit „White Christmas“

Diese kalendarischen Fakten, genauso trocken und emotionslos geschrieben wie der fiktive Teil des Buchs, haben es in sich. Sie lassen die Parallelität von Krieg, Folter und anderen unvorstellbaren Grausamkeiten auf der einen Seite und dem normalen Leben auf der anderen deutlich zutage treten. Goebbels‘ zehn Gebote für jeden Nationalsozialisten stehen neben Bing Crosbys Aufnahme von „White Christmas“ oder der Kürzung der monatlichen Fettration.

Der Roman verharmlost, seine Handlung ist eher schwach

Diesen realen „Aufrüttlern“ stellt Takis Würger eine eher schwache Handlung gegenüber. Insgesamt empfinde ich den Roman als verharmlosend; dies schon im Hinblick auf Friedrichs Anspruch, sich in Berlin sein eigenes Bild von der Situation machen zu wollen. Warum schließt er dann die ganze Zeit die Augen vor genau diesem Bild?

Takis Würgers trockener Schreibstil überzeugt – etwas anderes stört

Der trockene Schreibstil von Takis Würger überzeugt. Allerdings weiß ich nicht, was Friedrichs Kindheitsgeschichte mit Stella zu tun – und das Buch heißt nun einmal „Stella“. Die Hauptfiguren Friedrich und Stella sind wegen ihres dekadenten Lebenswandels zudem äußerst unsympathisch. Desweiteren fehlt mir eine Grundaussage. Und wenn ich lese, wie Stella mit zwei ausgekugelten Schultern eine Schreibmaschine mehrfach auf einen Tisch hebt, bekomme ich innerlich Hörnchen.

Es wäre einfach gewesen, „Stella“ zu einem gelungenen Roman zu machen

Wenn ich es mit Abstand betrachte, so scheint mir, dass das ganze Buch genau so in Ordnung gewesen wäre, wenn Takis Würger den Namen der Stella Goldschlag geändert hätte. Damit wäre klar gewesen, dass die literarische Figur nur angelehnt ist an die reale Stella, und das Werk wäre als inhaltsleichter Liebesroman durchgegangen, der zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs in Berlin spielt. Mit der Verwendung des echten Namens, und auch denen anderer historischer Personen, erhebt der Roman einen Anspruch, dem er nicht gerecht wird.

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