ISBN 978-3-95890-305-0

ca. 200 Seiten

€ 22,00

Der alte Architekt und die junge Regisseurin. Hwang Sok-Yongs „Dämmerstunde“ ist ein hellsichtiger Roman über den Überlebenskampf in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Hwang Sok-Yongs „Dämmerstunde“ erzählt von zwei außergewöhnlichen Menschen in Südkorea

Dämmerstunde

Bak Minu wächst in der südkoreanischen Megacity Seoul auf

Am Rand der südkoreanischen Megacity Seoul wächst Bak Minu in einem von Bandenkriminalität beherrschten Armutsviertel auf. Dennoch kann er im Alter auf eine imposante und beeindruckende Karriere zurückblicken: Mit einem exzellenten Abschluss beendete er die Schule, studierte ein anspruchsvolles Fach an einer renommierten Universität und arbeitete sich dann hoch, um es als Architekt mit einer eigenen Baufirma zu Ansehen und Wohlstand zu bringen.

Die Nachricht seiner Jugendliebe reißt Minu aus seinem Alltagstrott

Eine Zeitlang lebt Minu in den USA, ehe er nach Seoul zurückkehrt und seine eigene Baufirma gründet. Sein Leben ist geprägt von Arbeit, Erfolg und wenig Zeit. Seine Frau und seine Tochter leben schon lange ein Leben getrennt von ihm in den USA. Eines Tages – Minu ist bereits fortgeschrittenen Alters – erhält er eine Nachricht von seiner Jugendliebe, und auf einmal erwachen alte Erinnerungen. Minu begibt sich auf die Reise in die alte Heimat.

Die Wege des Helden kreuzen sich mit jenen einer jungen Frau

Als Minu in den Ort seiner Kindheit kommt, ist er verstört: Wo sind die Spuren seiner Vergangenheit – und jene seiner Familie? „Es war, als hätten ich und meine verstorbenen Eltern dort nie wirklich existiert.” Seine Geschichte kreuzt sich mit einer anderen, die von einer jungen Frau erzählt wird.

Die Theaterregisseurin Uhi schlägt sich mit Nebenjobs durch

Uhi will ihren Traum, sich als Theaterregisseurin durchzusetzen, nicht aufgeben. Mit Nachtschichten in einem 24-Stunden-Nahversorger kann sie die Miete für ihre winzige Souterrain-Wohnung kaum stemmen. Allerdings hat sie einen Wettbewerb gewonnen, und das lässt sie weiter hoffen. Uhi steht in Hwang Sok-Yongs weisem Roman stellvertretend für eine ganze Generation, die zwar hervorragend ausgebildet ist, deren Lebens- und Wohnsituation aber äußerst prekär ist.

Auf welcher Seite stand Minu, als die Arbeiter ausgebeutet wurden?

Während sich Uhi mühsam über Wasser und ihren Traum am Leben hält, grübelt Minu Versäumnissen nach, die er nun auf einmal wahrnimmt. Im Rückblick bereut er, dass er nur seine eigene Karriere verfolgt und nicht mehr Verantwortung übernommen hat. In einer Zeit der Ausbeutung von Arbeitern und Entrechtung der Schwachen stand er doch eigentlich, so muss er sich eingestehen, fast immer auf der Seite der Täter. Denn mit seinen Bauprojekten war er auch für Zwangsumsiedlungen und viel Leid verantwortlich. Wie geht man damit um? Und was bedeutet dies für seine Begegnung mit Uhi, die noch mitten im Überlebenskampf steckt?

Hwang Sok-Yongs mitreißender Roman ist leider brandaktuell

„Dämmerstunde“ erzählt die berührende Geschichte zweier Menschen und ihres Lebens und Überlebens in einer unbarmherzigen, auf Konkurrenzkampf getrimmten Gesellschaft. Hwang Sok-Yongs neues Werk bildet damit eine starke Ergänzung zu „Vertraute Welt“, diesem märchenhaften Roman, der auf der großen Mülldeponie am Rand von Seoul angesiedelt ist.

Erbarmungslos zeigt „Dämmerstunde“ die dunklen Seiten des Wirtschaftswachstums

Hier wie dort geht es um die verdrängte, durch die Moderne beinahe ausgetilgte „unterentwickelte alte” Welt, deren unterschwellige Existenz die „neue“ Welt in ihren reibungslosen Abläufen in Frage stellt. Obwohl „Dämmerstunde“ ein Roman über den Aufstieg Südkoreas in den Jahren 1960 bis 2000 ist, spiegelt sich doch auch die ganze Problematik unserer Moderne und ihres rücksichtslosen Strebens nach Wirtschaftswachstum in ihm wider. Wie fein Hwang Sok-Yong dabei seine Figuren, ihre Motive und Handlungen zeichnet, ist dabei eine ganz eigene Kunst.

ISBN 978-3-95890-305-0

ca. 200 Seiten

€ 22,00

<a href="https://buchszene.de/redakteur/simone-lilienthal/" target="_self">Simone Lilienthal</a>

Simone Lilienthal

Geboren und aufgewachsen in München, studierte Simone Lilienthal, Jahrgang 1984, in Frankfurt Deutsch und Französisch aufs Lehramt. Nach dem Referendariat entschloss sie sich aber für die Freiheit und ein Leben als Autorin. Simone Lilienthal schreibt für verschiedene Magazine und arbeitet im Café.

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