Sie lebt im Berlin der 30er. Doch ihre Liebe zur Kunst und zu einem Mann bringen sie in Gefahr. Tara Haigh über ihren Roman „Die Wiege der Hoffnung“ und seine Heldin.

Tara Haigh im Gespräch über ihren historischen Roman „Die Wiege der Hoffnung“

24. November 2022 | Interview: Simone Lilienthal

Titelbild Die Wiege der Hoffnung

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Frau Haigh, in Ihrem historischen Roman „Die Wiege der Hoffnung“ steht erneut eine starke, junge Frau im Mittelpunkt. Was ist Luise Rosenbaum für ein Mensch?

Luise wächst als Apothekertochter wohlbehütet auf und träumt davon, eines Tages in Florenz Kunst zu studieren. Sie glaubt an das Gute im Menschen, doch nach der Machtergreifung Hitlers wird dieser Glaube erschüttert. Sind die Menschen nur Opfer der Propaganda oder gefangen in ihrer deutschen Untertanenseele, wie sie Heinrich Mann beschreibt, die nach Anerkennung und Zugehörigkeit heischt, auch wenn dies den Verlust der Freiheit bedeutet? Luises Charakterstärke ermöglicht es ihr einen Weg zu finden, um sich all dem zu widersetzen. Sie reift dabei vom naiven Schulmädchen zur tapferen jungen Frau, die große Opfer bringt, um anderen in Gefahr zu helfen.

Die Apothekerfamilie Rosenbaum lebt im Berlin der 30er Jahre – sie ist eine jüdische Familie. Was bedeutet dies für ihren Alltag?

Etwa ein Viertel aller Berliner Apotheken waren seinerzeit in jüdischer Hand. Sie wurden im Deutschen Reich gebraucht. Luises Vater bezeichnet sich als Deutscher jüdischen Glaubens und hat im ersten Weltkrieg für das Vaterland gedient. Er ist im Gegensatz zu Luises Mutter davon überzeugt, dass ihnen daher nichts geschehen wird. Doch dann treffen auch die Rosenbaums Sanktionen und es ist ausgerechnet Luises Leidenschaft für die Kunst, die es ihren Eltern ermöglicht, die Apotheke noch einige Jahre weiterzuführen – bis die Familie ein schwerer Schicksalsschlag ereilt …

Luise liebt die Kunst, doch die Eltern haben eigentlich eine andere Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft?

Luises Eltern erhoffen sich, dass sie eines Tages den Familienbetrieb weiterführt und Pharmazie studiert. Der Beruf der Apothekerin ist seinerzeit einer der wenigen, in denen Frauen sich eine solide Existenzgrundlage aufbauen können, doch dann wird Juden der Zugang zu diesem Studiengang verwehrt. Für die Eltern ein harter Schlag, denn auch Hannes, Luises Bruder, hat andere Pläne und will Schauspieler werden. Für Luise, auch ermutigt von ihrem Onkel, ist dies die endgültige Weichenstellung, um ihr Leben der Kunst zu verschreiben.

Luise verliebt sich in Emilio. Wie lernt sie ihn kennen und was ist er für ein Mensch?

Emilio ist der Sohn eines italienischen Olivenbauern aus Apulien, der in Berlin einen Importhandel betreibt. Dass er ebenfalls Jude ist, verheimlicht er, auch in der Schule weiß es niemand. Auf dem Fußballplatz glänzt er mit seinen Dribbelkünsten und ist der heimliche Schwarm vieler Mädels, die jedoch mit italienischem „Pack“ nichts zu tun haben wollen. Luise begegnet ihm nach der Schule vor einer flämischen Kunsthandlung. Nicht nur das gemeinsame Interesse für die Kunst verbindet …

Luises zweite Leidenschaft ist – wie schon erwähnt – die Kunst. Wie findet sie zu dieser Passion?

Luise kommt schon sehr früh über ihren Onkel, der in Berlin eine antiquarische Kunsthandlung betreibt, mit den schönen Künsten in Berührung. Gemälde, Skulpturen, aber auch Artefakte aus fremden Kulturen faszinieren sie von jeher, und je mehr sie von ihrem Onkel darüber lernt, desto größer wird ihr Interesse. Als die Nazis damit beginnen Jagd auf sogenannte entartete Kunst zu machen, ist es ihre Liebe zu all diesen Werken, die Luise den Entschluss fassen lässt, sie vor der Zerstörung zu retten. Es gelingt mit Hilfe ihres Onkels, doch der Preis dafür ist hoch. Sie muss zum Schein mit den Nazis kollaborieren, um an wertvolle Werke heranzukommen. Ein Tanz auf dem Hochseil.

In welche Situationen bringt sie ihre Kollaboration? Gerät sie dabei auch in Gefahr?

Luise lässt im Dienst des Reichs geplünderte Kunst nach Italien schaffen, wo sich ihr Onkel in Umbrien verschanzt. Zunächst hat sie freie Hand, doch dann gibt sich das Oberfinanzpräsidium nicht mehr mit Devisen zufrieden. Sie soll herausfinden, wer beabsichtigt das Reich zu verlassen. Statt jüdische Mitbürger zu verraten, verhilft sie ihnen aber zur Flucht. Ihr Wirken erweckt dennoch das Misstrauen der Juden. Einige halten Luise für eine Greiferin. Daher ist sie im Laden ihres Onkels nicht mehr sicher und arbeitet fortan in einem Auktionshaus. Sie muss ihre Rolle weiterspielen, um das Leben ihrer Eltern und das von Emilio nicht zu gefährden. Doch im Herbst 1943 bleibt ihr nur noch die Flucht nach Italien – ein noch viel gefährlicheres Unterfangen sich gemeinsam mit Emilio durch den von Deutschen besetzten Norden Italiens bis nach Apulien durchzuschlagen.

Warum ist Apulien für Geflüchtete „die Wiege der Hoffnung“?

Der Virus des Faschismus grassierte nur im Norden Italiens. Für Juden war daher insbesondere Apulien ein sicherer Ort. Von den Hafenstädten Brindisi und Bari aus versprachen sie sich ins gelobte Land zu gelangen.

Wie ist die Situation in Apulien, als Luise mit Emilio dort ankommt?

Apulien ist ab Sommer 1943 in der Hand der Alliierten. Die ersten Flüchtlingscamps werden errichtet, die Schutzsuchenden mit Nahrung und Kleidung versorgt – während Italiener hungern müssen, was für Spannungen sorgt. Luise gerät zwischen die Fronten und muss sich dort einem dunklen Schatten aus ihrer Vergangenheit stellen, damit Apulien auch für sie und Emilio zur Wiege der Hoffnung wird.

Die Briten wollen die Auswanderung der Juden nach Palästina verhindern. Warum ist das so?

Eine Massenzuwanderung nach Palästina hätte ihr Mandat und ihre strategisch wichtige Position im Nahen Osten gefährdet.

Gibt es noch heute in Apulien Zeichen, die daran erinnern, was hier vor 80 Jahren passierte?

Vor allem in Santa Maria al Bagno, einem der ehemaligen “Displaced Person Camps”, heute ein malerischer Badeort des Salento, zeugen noch viele Straßennamen und ein Museum von den damaligen Ereignissen.

Waren Sie für Recherchen auch an den Schauplätzen Ihres Romans?

Eigentlich war ich für eine meiner Komödien, „Immer Ärger mit den Bambini“, auf Recherchetour in Apulien. Dort stieß ich rein zufällig auf den Ort Santa Maria al Bagno, dessen jüdische Geschichte sich einem sehr schnell offenbart. Und einmal zu graben angefangen, kam eins zu anderen. Kaum jemand weiß um die Bedeutung Apuliens für das Judentum oder von den Flüchtlingscamps am Stiefelabsatz. Ein klarer Fall für Tara Haigh!

Fühlen Sie sich Luise persönlich verbunden? Was genau lässt Sie mit ihr fühlen?

Luises Leidenschaft für die Kunst hielt sie in schlimmen Zeiten über Wasser und seelisch intakt. In einer Zeit, in der eine Krise die nächste zu jagen scheint, ergeht es mir genauso. Leidenschaft für etwas – bei mir das Schreiben – gibt einem die Kraft, sich gegen alle Widerstände die Freiheit und das Lebensglück zu bewahren.

Wir wollen das Ende Ihres Romans nicht verraten, aber vielleicht können wir eine Andeutung machen: Wird Luise überleben? Wird sie ihr Liebesglück finden?

Wer meine Werke kennt der weiß, dass ich meine liebgewonnenen Heldinnen nicht sterben lasse. Spannend wird jedoch mitzuerleben, wie Luise sich vom naiven Mädchen zur starken und mutigen Frau entwickelt. Das muss belohnt werden. Wie? Das verrät die Lektüre des Romans

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