Matthias Brandts Roman „Blackbird“ erzählt von einem Teenager-Leben Anfang der 80-Jahre | BUCHSZENE.DE

Morten verknallt sich in die Traumfrau aus der 10. Klasse, seine Eltern trennen sich und sein bester Freund bekommt eine tödliche Krankheit. So gut ist Matthias Brandts Roman „Blackbird“ – Bestseller-Check!

Matthias Brandts Roman „Blackbird“ erzählt von einem Teenager-Leben Anfang der 80-Jahre

24. Februar 2020 | Jörg Steinleitner

Matthias Brandt

Blackbird

ISBN 978-3-462-05313-5

288 Seiten | € 22,00

Kiepenheuer & Witsch

Romantik (4/5)

Komik (4/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (4/5)

Titelbild Blackbird

©Luis Molinero shutterstock-ID 1508017256

Ton und Thema erinnern an Sven Regener und Wolf Haas

Wenn man Matthias Brandts Roman „Blackbird“ liest, denkt man unweigerlich an Sven Regeners Herr-Lehmann-Romane oder auch an Wolf Haas‘ „Junger Mann“. Dies liegt einerseits an der schnoddrig-sparsamen und dabei sehr direkten Erzählweise, andererseits an den vielen verknappten Sätzen und der Tatsache, dass die Geschichte aus der Perspektive eines Heranwachsenden erzählt wird.

Matthias Brandt hat sich mit der Literatur eine neue Bühne erschlossen

Vermutlich würde Matthias Brandt mit seinen schriftstellerischen Arbeiten weit weniger Aufsehen erregen, wäre er nicht bekannt als der Darsteller des vielfach ausgezeichneten Polizeiruf-110-Kommissar Hanns von Meuffels. Aber, das muss festgehalten werden: Der Schauspieler Matthias Brandt hat sich mit seinen literarischen Werken – wie auch zuletzt mit „Raumpatrouille“  – eine neue Bühne erschlossen, die er souverän bespielt.

Morten ist 15 und hat einen todkranken besten Freund

„Blackbird“ erzählt von dem fünfzehnjährigen Morten Schumacher, der eines Tages erfährt, dass sein bester Freund Bogi wegen eines Non-Hodgkin-Lymphoms ins Hospital eingeliefert wurde. „Dass es Krebs war und man an dem Scheiß sterben konnte, dass es sogar ganz schön wahrscheinlich war, dass man das tat, damit rückte Bogis Mutter erst raus, als ich vier Mal nachgefragt hatte.“ Die Erkenntnis, dass Bogi fortan mit dem Tod ringen wird, ist für den jungen Helden ein Schock.

Man nennt sich „Vollhorst“ und erlebt die Trennung der Eltern

Aber zunächst geht das End-70er- bzw. Anfang-80er-Jahre-Teenieleben weiter, und Matthias Brandt erzählt ziemlich treffend davon: Man heißt sich einander „Vollhorst“ und „Behindi“, man leidet unter militärisch orientierten Sportlehrern, die ihrer schlesischen Heimat nachtrauern, aus der sie vertrieben wurden, und belustigt sich an Bekannten mit fehlerhaften Tätowierungen: „Led Zelepin“ – wie peinlich für einen Fan wahrer Rockmusik! Man ist plötzlich einen Kopf größer als der eigene Vater, der wie aus dem Nichts arbeitslos wird und sich wegen einer „Lebensgefährtin“ von der Mutter trennt. In der Folge zieht Morten gemeinsam mit ihr in die Neue Stadt um, er probiert das Rauchen aus und schließlich auch das Kiffen.

Man liebt die Blonde mit dem Tennisschläger, aber das geht schief

Wichtiger aber ist das Sichverknallen: erst in Krankenschwestern – und eines Tages auch in Jacqueline Schmiedebach aus der 10c vom Einstein-Gymnasium. Dieses Mädchen hat langes blondes Haar, das im Wind weht, wenn sie mit dem Hollandrad von der Fähre radelt. Jacqueline spielt Tennis, ist „erste Sahne“ und der Anfang mit ihr äußerst verheißungsvoll: Sie küsst Morten ohne großes Palaver auf den Mund. Doch der nachfolgende gemeinsame Kinobesuch endet eher bescheiden: Jacqueline bringt ohne Ankündigung noch wen anderen mit. Und als Morten im Schutz der cineastischen Dunkelheit einen vorsichtigen Annäherungsversuch startet, muss er feststellen, dass er bei Jacqueline wohl nicht mehr landen wird. Der andere Typ, ein Austauschschüler, ist älter und cooler. Shit happens.

Eines Tages aber steht Kaminkehrer-Lehrling Steffi vor der Tür

Aber zum Glück sind nicht alle Mädchen blöde. Mitunter kapiert man das halt leider erst extrem spät. Eines Tages jedenfalls steht der Kaminkehrer vor der Tür; und hinter ihm der Kaminkehrer-Lehrling Steffi. Morten erkennt sie erst nicht, aber dann doch: Man war gemeinsam in der Grundschule. „Sie war wirklich ziemlich klein. Ihre Unterlippe stand ein bisschen vor, und sie hatte Grübchen, weil sie dauernd grinste. Ihre Schneidezähne waren das Gegenteil von Hasenzähnen, falls es das gibt, sie standen ein wenig nach hinten. Sie hatte ihre Mütze abgenommen, und ihre Frisur war so ähnlich wie die von Bowie auf dem Cover von ‚Low‘.“

„Blackbird“ ist ein gelungener Roman voller einfühlsamer Antworten

Kann man sich nach der Pleite mit der blonden Jacqueline noch einmal verlieben? Und was macht man, wenn plötzlich der beste Freund ganz erbärmlich an einer hinterfotzigen Krankheit stirbt? Matthias Brandt gibt in seinem gelungenen Roman „Blackbird“ einfühlsame Antworten auf derlei ernste Fragen. Ein Buch, das man nicht gelesen haben muss, das aber durchaus unterhaltsam ist – und gerade männliche Leser, die Anfang der 80er-Jahre Jugendliche waren, an die ein oder andere schöne Teenie-Peinlichkeit erinnern dürfte. Aber keine Sorge: Es tut nicht weh.

Die Welt bleibt nicht stehen. Es geht immer irgendwie weiter

An einer Stelle reflektiert Matthias Brandts Held: „Wahrscheinlich gibts für die wirklich wichtigen Dinge, die man fühlt, keine Worte. Jedenfalls nicht die richtigen. Man tut eigentlich immer nur so, als ob. Weil man sich alles zurechtquatschen muss. Damit die Welt nicht stehen bleibt und es irgendwie weitergeht.“ Das Schöne an „Blackbird“ ist, dass sein Autor ganz oft für die wirklich wichtigen Dinge sehr treffende Worte findet. Die Welt bleibt nicht stehen. Es geht irgendwie weiter.

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