Darf man mit dem Jugendfreund vögeln, obwohl man den eigenen Mann liebt? Miranda Cowley Hellers Roman „Der Papierpalast“ im Bestseller-Check.

Miranda Cowleys Roman „Der Papierpalast“ erzählt von einer amerikanischen Familie

11. April 2022 | Jörg Steinleitner

Miranda Cowley Heller

Der Papierpalast

ISBN 978-3-550-20137-0

448 Seiten | € 23,99

Ullstein
Bestseller-Button Belletristik

Romantik (4/5)

Komik (1/5)

Weisheit (4/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (4/5)

Titelbild Der Papierpalast

Während ihr Mann nebenan schläft, gibt sich Elle der Leidenschaft hin

Vielleicht zieht der Geruch von Sex die Schnappschildkröten an, denkt Elle, als sie am frühen Morgen im See schwimmt, „wenn ich die Beine öffne und schließe.“ Am Vorabend hatte sie mit Jonas wilden, spontanen Sex, nachdem er allen ein Gedicht vorgelesen hatte. Und während Elles Mann, Peter, „im Grappadunst, ausgestreckt auf dem Sofa“ lag, und ihre drei gemeinsamen Kinder in der Hütte schliefen.

Wo bleibt die Liebe, wenn wir zur falschen Zeit am falschen Ort sind?

Elle ist fünfzig, sie ist seit langem glücklich verheiratet mit Peter. Der ist ein erfolgreicher Journalist und kommt aus feiner, britischer Familie. Aber da ist noch der Künstler Jonas. Elle kennt ihn seit ihrer Jugendzeit und den Sommertagen im Ferienhaus in den Back Woods von Cape Cod. Dass Jonas und sie damals kein Paar wurden, hat mit Zufällen zu tun, mit dem, was manchmal geschieht im Leben: dass man sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet, dass man Zeichen oder unterbleibende Handlungen missinterpretiert.

Miranda Cowley Heller stellt eine zentrale Frage über die Liebe

Obwohl sie einander liebten, wurden sie kein Paar, sondern heirateten andere und wurden – auf andere Weise – glücklich. Die Frage, um die Miranda Cowley Heller in ihrem Roman „Der Papierpalast“ kreist, ist, ob man in der Mitte des Lebens um der Liebe willen alles das, was man sich aufgebaut hat, über Bord werfen sollte, um sich der Leidenschaft hinzugeben, dem Geruch von Sex.

„Der Papierpalast“ erzählt von einer amerikanischen Familie

Es ist Miranda Cowley Hellers Kunst, diese so prickelnde wie dramatisch endgültige Frage einzubetten in die Geschichte einer Familie. Während die Autorin die Spannung hoch hält, indem sie uns teilhaben lässt an Elles und Jonas‘ verbotener Erotik, erzählt sie in Rückblenden die Geschichte der Bishops zwischen New York und Cape Cod.

Mirana Cowley Heller beschreibt die Zeit von 1970 bis heute

Es ist die Geschichte einer amerikanischen Familie, die in den 1970er Jahren ihren Anfang nimmt und bis beinahe in die Gegenwart führt. Die Familie genießt einen Alltag mit Niveau, ohne reich zu sein; sie erlebt Scheidungen, Geburten, Krisen, und Miranda Cowley Heller gelingt es anhand vieler fein beobachteter Details die liberale Atmosphäre der Zeit einzufangen. Wer die 70er, 80er, 90er und 2000er Jahre erlebt hat, wird sich freuen, den Lebensstil, das Gefühl der Zeit in diesem Roman so zutreffend beschrieben vorzufinden.

„Der Papierpalast“ lebt von starken, widerständigen Frauenfiguren

Neben der Affäre zwischen Elle und Jonas gibt es noch zwei Elemente, die in „Der Papierpalast“ zentrale Rollen spielen: Zum einen sind es die eigensinnigen, starken, teils exzentrischen Frauenfiguren, mit denen Miranda Cowley Heller uns für sich einnimmt. Allen voran ist hier Wallace zu nennen. Elles chaotisch-verlässliche Mutter ist ein Stabilitätsanker in der Dramaturgie von „Der Papierpalast“. Sie ist für markige Aussagen gut, deren Lebensweisheit sich nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Dann ist da Elle, die sich in grausamen Situationen beeindruckend resilient und mutig zeigt.

Dann ist da noch das gewaltige, sexuelle Geheimnis

Zum anderen trägt uns ein Geheimnis, das Elle und Jonas verbindet, durch die Jahrzehnte. Es ist ein düsteres Geheimnis aus ihrer Jugendzeit; eines, in dem Sex, Gewalt und ein schlimmer – weil vermeidbarer Todesfall – die große Frage nach Schuld und Sühne, nach Verantwortung und Gerechtigkeit aufwirft.

Was nicht so gelungen ist in „Der Papierpalast“

„Der Papierpalast“ ist exzellent geschrieben und gehört in die Kategorie hochwertiger Unterhaltungsromane, zu denen auch Delia Owens‘ „Der Gesang der Flusskrebse“ zählt. Ehrlichkeitshalber müssen wir aber festhalten, dass Miranda Cowley Hellers absolut zutreffende und sprachlich präzise Beschreibungen mitunter langatmig geraten. Dies, obwohl die Autorin eine brillante Beobachtungsgabe hat. Kein Wunder: Miranda Cowley Heller hat Serien wie „Die Sopranos“ oder „Six Feet Under“ entwickelt, die zum Besten zählen, was es in den vergangenen Jahren im Fernsehen gab.

Wenn Elle und Jonas einander in fiebriger Lust näher kommen

Ja, aufgrund von Miranda Cowley Hellers genauer Erzählweise, findet man sich wirklich in der von ihr jeweils ausgemalten Zeit wieder. Aber letztlich sehnt man sich bei all den Beschreibungen doch vor allem immer wieder nach einer weiteren Szene, in der Elle und Jonas einander in Leidenschaft nahekommen und damit alles aufs Spiel setzen, was einem vernünftigen Menschen wichtig sein sollte. Dies sind die zweifellos packendsten Momente des Romans.

 

 


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