ISBN 978-3-8479-0669-8

400 Seiten

€ 20,00

Alle Politiker sind unfähig und der IWF verfolgt perfide Pläne. In „Der größte Crash aller Zeiten“ schlagen Marc Friedrich und Matthias Weik populistische Töne an.

Marc Friedrichs und Matthias Weiks „Der größte Crash aller Zeiten“ wendet sich an den ‘kleinen’ Mann

Titelbild Der größte Crash aller Zeiten

©Zenzen shutterstock-ID 556713616

Friedrichs & Weiks Buch hält sich seit Wochen auf der Bestsellerliste

Marc Friedrichs und Matthias Weiks Sachbuch „Der größte Crash aller Zeiten“ vereint zwei Superlative in einem Titel mit fünf Wörtern. Wem es da nicht die Augen aufreißt, sollte dringend einen Termin beim Arzt vereinbaren. Aber in den deutschsprachigen Ländern scheinen viele Menschen mit gesunden Sinnesorganen zu leben, sonst würde sich „Der größte Crash aller Zeiten“ nicht seit Wochen unter den Top 10 der Bestsellerliste halten. Doch ist dieses laute Buch auch ein gutes?

„Der größte Crash aller Zeiten“ ist ein tollkühnes Werk

Zweifellos ist es ein tollkühnes Werk, denn Marc Friedrich und Matthias Weik legen sich fest. Auf Seite 33 schreiben sie: „Wann scheitert der Euro? Ums kurz zu machen: bis spätestens 2023.“ Vor Menschen, zudem noch Experten, die eine derart klare Aussage treffen, muss man eigentlich den Hut ziehen. Wäre da nicht der Stil, mit dem die beiden Bestsellerautoren ihre Thesen vertreten und begründen. „Der größte Crash aller Zeiten“ kommt ziemlich hemdsärmelig und mit großer Freude am Skandal daher.

Mal wird “geraunt”, mal “gefriert das Blut in den Adern” der Autoren

Auf Seite 17 erzählt einer der Autoren wie er den Chefvolkswirt der BIS, Dr. William White, mit folgender Frage konfrontierte: „Wann erwarten Sie den nächsten Crash an den Finanzmärkten? Bis 2023?“ Seine Antwort sei von einem Raunen im Saal untermalt worden: „Nein, das wird viel schneller passieren, in den nächsten ein bis zwei Jahren.“ Sieht man einmal vom nach Spannung lechzenden „Raunen im Saal“ ab, könnte man bis hier als seriöser Leser noch gut und gerne mitgehen. Allerdings schieben Marc Friedrich und Matthias Weik dann folgenden Satz hinterher: „Noch mehr das Blut in meinen Adern gefrieren ließ dann das anschließende persönliche Gespräch mit ihm vor dem Mittagessen.“

Vermutlich treffen viele von Weiks & Friedrichs Thesen zu

Dem Autor dieser Zeilen gefriert das Blut in den Adern, wenn er in einem Sachbuch, das ihn vor dem nächsten Zusammenbruch der Finanzmärkte retten will, von gefrierendem Blut und Adern liest. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie Marc Friedrichs und Matthias Weiks durch ihren reißerischen Stil ihre vermutlich häufig sogar zutreffende Argumentation entwerten. Ja, wir stehen vermutlich am Ende einer der längsten Wachstumsphasen und ja, meist kam nach einer derartig langen Wachstumsphase eine Rezession. Auch haben die Notenbanken den Markt mit Geld geflutet, wodurch Immobilien und Aktien vermutlich an den meisten Orten der Welt überbewertet sind. Ja, man könnte vermutlich von einer Blase sprechen. Und etliche Länder sind auch gefährlich hoch verschuldet, Italien zum Beispiel. Dies alles stimmt. Aber wollen wir es wirklich derart effekthaschend um die Ohren gehauen bekommen?

Die Zielgruppe für dieses reißerische Buch ist der „kleine Mann“

Neben der Tendenz zur Skandalisierung wird in „Der größte Crash aller Zeiten“ gerne in alle Richtungen gebasht. Einige Kostproben: „Nieten in Nadelstreifen“ managen, getragen von „Größenwahn“, unsere Großkonzerne, während „die Aktionäre in die Röhre schauen“. Wenig später heißt es: „Wir Sparer sind die Gelackmeierten.“ Hier wird deutlich, für welche Zielgruppe Marc Friedrich und Matthias Weik schreiben. Es ist dieselbe, für die auch Populisten das Feld beackern: Die Zielgruppe ist der sprichwörtliche kleine Mann. „Ein jeder, der für dass [sic] Alter vorsorgt und spart, wird eiskalt bestraft oder besser gesagt enteignet. Egal ob Riester, Rürup, Lebensversicherungen – all das können Sie dank der Politik der Notenbanken vergessen.“

Politiker sind alle verlogen und der IWF verfolgt „perfide“ Pläne

Dem IWF werden „perfide Pläne“ unterstellt, wenn er versucht, die Menschen vom Bargeld wegzubekommen. Man muss definitiv kein Anhänger solcher Pläne sein, aber der IWF strebt derlei nicht aus Perfidie an, sondern weil seine Experten es nach reiflicher Überlegung und wissenschaftlicher Überprüfung für sinnvoll halten. Auch Politiker bekommen ihr Fett ab: „Allzu gerne fordert die Politik von uns Bürgern, den Gürtel enger zu schnallen. Diese Forderungen empfinden wir jedoch als äußerst scheinheilig in Anbetracht dessen, dass sich die Diäten der Politiker […] kontinuierlich erhöhen.“ Scheinheilig ist hier nur, die Diäten von Politikern mit ihrer Politik in einen Topf zu werfen.

Die Frage, die sich beim Lesen stellt, ist, wer hier am meisten stänkert

Es sei beachtlich, so Marc Friedrich und Matthias Weik, welche Kompetenzträger es in bundesdeutschen Parteien ganz nach oben schafften und da in wichtigen Positionen säßen. „Dies gilt aber nicht nur für Deutschland. Weltweit haben wir Leuchttürme der Inkompetenz erleben dürfen wie zum Beispiel Bunga Bunga Silvio Berlusconi, der halbseidene Nicholas Sarkozy, der brasilianische Staatspräsident Jair Messias Bolsonaro, auch ‚Tropen Trump‘ genannt, der vor allem mit dumpfen Aussprüchen bekannt wurde und gegen alle gestänkert hat von Homosexuellen bis Indios.“ Die Frage ist, warum Friedrich und Weik so ausgiebig stänkern,  während sie es bei anderen kritisieren.

Macht sich Deutschland wirklich lächerlich?

Auch Stuttgart 21 und der Berliner Flughafen dürfen dabei nicht fehlen – „Deutschland macht sich lächerlich“. Die Volksparteien zerstören sich selbst und auf der Strecke bleiben das Land, „wir Bürger und unser aller Zukunft.“ Hier ist er wieder, der kleine Mann, der Sparer, der Dumme, der Brave, der von der Politik betrogen und von der Wirtschaft ausgenommen wird – oder anders herum.

Schließlich müssen auch noch die Flüchtlinge als Schuldige herhalten

Und wussten Sie, was der zweite Grund ist, den Marc Friedrich und Matthias Weik nennen, wenn es um die gestiegenen Preise für Wohnraum geht? „Die Zuwanderung von Flüchtlingen und EU-Bürgern.“ Seiten später lesen wir: „Fakt ist: Je mehr Menschen in Zukunft noch nach Deutschland kommen, desto krasser wird der Verteilungskampf um bezahlbaren Wohnungsraum in vielen städtischen Ballungszentren werden.“

Worum geht es jemandem, der seine Thesen so scharf formuliert?

Wer so formuliert, dem geht es nicht um die Warnung vor einem Crash – wer so schreibt, der begibt sich auf Stammtischniveau und hetzt mutwillig Menschen gegeneinander auf. Das aber ist in Zeiten, in denen der öffentliche Diskurs ohnehin bereits Respekt und Würde vermissen lässt, nichts weniger als unverantwortlich. Man kann die herrschenden Zustände kritisieren – tatsächlich läuft an den Finanzmärkten, in der Wirtschaft und der Politik vieles falsch. Aber man sollte doch die Form wahren und nicht wild um sich schlagen. Wir brauchen nicht mehr Öl im Feuer und schon gar keine Panikmache, sondern sachliche Argumente.

Wie steht es um die Substanz von „Der größte Crash aller Zeiten“?

Wie aber ist es nun um die Substanz dieses reißerischen Buchs bestellt? Im Untertitel versprechen Marc Friedrich und Matthias Weik zu verraten, „Wie Sie jetzt Ihr Geld schützen können“. Was dann kommt, sind die üblichen Sicherungsmöglichkeiten: Sachwerte, Gold & Co. Nichts Neues. Die Stiftung Warentest hat den Friedrich & Weik Wertefonds unter die Lupe genommen und kommt zu dem Ergebnis, dass er Schwächen und konzeptionelle Widersprüche enthält.

Professor Bofinger: „Keinerlei Anzeichen für eine Weltrezession“

Das Nachrichtenmagazin Spiegel ließ Marc Friedrich im Interview gegen den Ökonomen Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und langjähriges Mitglied des Sachverständigenrats, antreten. Der Professor sagte zu Marc Friedrichs Katastrophenszenario: „Ich sehe keinerlei Anzeichen für eine Weltrezession, einen Zusammenbruch der Finanzmärkte oder einen starken Anstieg der Inflation. Das Einzige, was ich sehe, ist eine konjunkturelle Gefahr für die deutsche Wirtschaft.“

<a href="https://buchszene.de/redakteur/joerg-steinleitner/" target="_self">Jörg Steinleitner</a>

Jörg Steinleitner

Geboren 1971, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule. Er veröffentlichte rund 25 Bücher für Kinder und Erwachsene. Steinleitner ist seit 2016 Chefredakteur von BUCHSZENE.DE und lebt mit Frau und drei Kindern am Riegsee.

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