Catrin George Ponciano: Leiser Tod in Lissabon | BUCHSZENE.DE

Wer Romane schreibt, macht irre Erfahrungen. Catrin George Ponciano, Autorin des Krimis „Leiser Tod in Lissabon“ begegnete ihrer Hauptfigur im Zug. Der Mann gestand ihr eine unglaubliche Geschichte.

Die Schriftstellerin Catrin George Ponciano über die erstaunliche Entstehungsgeschichte ihres Romans „Leiser Tod in Lissabon“

24. August 2020 | Catrin George Ponciano

Titelbild Leiser Tod in Lissabon

©Oleg D shutterstock-ID 1777638749

Ich schrieb, als plagte mich hohes Fieber …

Ich schrieb, als plagte mich hohes Fieber. Stechend böiger Wind aus Afrika pustete durchs Haus, nachts um elf, frühmorgens um fünf, immerzu strich er rau über meinen Leib, umwehte mich wie ein überdimensionaler Fön mit Heißluft. Die Wangen gerötet, die Lippen trocken, die Handflächen feucht, so saß ich am Schreibtisch, am Laptop, meine Finger flohen über die Tasten.

Koffer packen und aufbrechen bei 42 Grad Celsius

Hundert Seiten wollte ich schaffen, zehn Tage hatte ich Zeit dafür, danach musste ich Koffer packen und aufbrechen und bei 42 Grad C Grad Celsius Tagestemperatur eine Reisegruppe in der Kulturlandschaft Portugals „bespaßen“, und im Anschluss die nächste, und die nächste, und ich hatte Angst, die Geschichte zu verlieren, sollte ich nicht jetzt schreiben.

Ich begegnete meiner Hauptfigur im Zug

Zehn Tage, um den Anfang, ein aussagekräftiges Exposé aufzublättern, mit einem Plot, den ich weder strukturiert geplant hatte und der auch zuvor überhaupt nicht in meinem Kopf herumgespukt ist. Ich war fokussiert auf einen neuen literarischen Reiseführer, aber nicht auf Krimi. Bis ich Jósua begegnet bin. Der natürlich nicht Jósua heißt, sondern nur in meinem Buch. Er erzählte mir seine Geschichte.

Ein Fremder, Portugiese, das Haar voll, tiefgründige Augen

Auf der Rückfahrt von Lissabon an die Algarve saß er neben mir im Zug, zufällig, ein Fremder, ein Portugiese, älteres Baujahr, das Haar voll, aber ergraut, sein Schnurrbart dicht, seine Augen tiefgründig. Viel hat er in seinem Leben in Portugal gesehen, wusste ich, dazu brauchte ich nicht einmal ein Gespräch mit ihm zu beginnen, das verriet mir sein Alter – und sein Blick.

Ein Tagelöhner, aufgewachsen in der Diktatur

Der Fremde war in der Diktatur aufgewachsen, im südlichen Alentejo in Sabóia, erfuhr ich. Auf dem Land, auf einem Latifundium, als Tagelöhner. Seine Eltern bewohnten ein Gesindehaus, mit bloß einem Raum für die gesamte Familie, von der Oma bis zum frisch geborenen Nachwuchs. Festgetretener Lehm am Boden, ein Tisch, niedrige Stühle, die Matratzen oben auf die Balken im offenen Giebel gelegt. Abends tauschten sie Stühle gegen Matratzen und schoben den Tisch an die Seite an die Wand.

Nach 46 Jahren Faschismus begann die dritte Republik

Sein Schicksal war eines von hunderttausenden von Portugiesen, die sich während der Diktatur täglich den Rücken krumm geschuftet haben für eine Schale voll mit Milch und einen Kanten Brot, und die sich in den Sechziger/Siebzigerjahren zusammengerottet und am Rad der Geschichte gedreht haben. Am 25. April 1974 hat sich Portugal von der diktatorischen Knute mit einer Militärrevolte befreit, das Volk stand auf und hat gewonnen. Die dritte Republik begann – nach 46 Jahren Faschismus.

Er erzählte mir von der Miliz, von Schlägen und von Folter

Der Fremde, den ich Jósua nenne, erzählte mir jedoch noch viel mehr von damals. Leise, im Halbdunkel des Zuges, während der Alfapendular Zug die kurvenreiche Strecke durch die Sado-Ebene in den Alentejo glitt. Er erzählte mir von den Verhören seitens der Miliz, von Schlägen, von Misshandlung, von Folter.

„Zerschmettert“ haben sie ihn, gab er leise zu, und seine Stimme brach, als er beichtete: „Vier Männer quälten mich, einer sah bloß zu – und lachte.“ Danach schwieg er.

Sein Schweigen überzog meinen Leib mit Gänsehaut

Es war sein Schweigen, das meinen Leib mit Gänsehaut überzog. Sein Schweigen, in dem sein Schmerz, seine Scham, sein Zorn nachhallten, und meine Fantasie auf Hochtouren trieb. Ich hörte seinen nie gelöschten Zorn, und wusste; seine Geschichte wird mein Buch.

Wir verabschiedeten uns – und ich stellte ihm die Frage

Als wir uns verabschiedeten, kurz bevor er in Sabóia ausstieg, fragte ich ihn, ob ich sein Geständnis für eine Figur in einem Buch verwenden dürfte. Seine Augen glänzten das erste Mal fröhlich auf unserer gemeinsamen Fahrt durch den nächtlich verlassenen Alentejo, fast spitzbübisch, und er sagte: „Ich wusste gleich, dass unsere Begegnung einen tieferen Sinn hat.“

Noch in der gleichen Nacht begann ich mit „Leiser Tod in Lissabon“

Noch in der gleichen Nacht begann ich meine Arbeit an „Leiser Tod in Lissabon“ und spann einen Plot um den Fremden, dem ich in meinem Buch den Namen Jósua gegeben habe. Die Vertrautheit zwischen dem reellen Fremden und mir, ließ ich auferstehen zwischen meiner Ermittlerfigur Inspetora-Chefe Dora Monteiro, und Jósua, dem Bruder des Mordopfers.

Elías – brutal ermordet mit einem Bildhauerwerkzeug

Dora Monteiro trat am nächsten Tag in meinem Kopf auf, als würde sie darin schon lange wohnen, und geleitete mich während meiner Arbeit am Manuskript in die Kirche São Miguel in Lissabons Altstadtviertel Alfama zum Tatort, und zum ermordeten Elías, dem ein Bildhauerwerkzeug in die Stirn gestoßen, einen raschen, leisen Tod gebracht hatte. Dora spürt dem spirituellen Grund für die täglich wiederkehrenden Besuche ihres Mordopfers in dieser Kirche nach und gerät selbst zwischen Schuld und Sühne, zwischen Rache und Reue. Gänzlich von dieser ersten Welle ihrer Wahrnehmungen erfasst, schwimmt sie durch das malerische, von Touristen bevölkerte Altstadtviertel Alfama zu ihrer ersten Begegnung mit Jósua, der als ein mutmaßlicher Verdächtiger ist, weil die Tatwaffe mit seinen Fingerabdrücken übersät ist, und er ein Bildhauer.

Freiheitskämpfer und Militärpolizist – eine politische Fährte

Von Jósua erfährt Dora politische Zusammenhänge innerhalb der Familie, und dass die Zwillingsbrüder beide in die Geschehnisse vor, während, und nach der Nelkenrevolution involviert gewesen sind – allerdings in gegnerischen Lagern. Elías war ein Faschist. Jósua ein Freiheitskämpfer und Militärpolizist. Die politische Fährte führt Dora weiter, bis in die obersten Chefetagen in Lissabon, in die Justiz, ins Parlament, in den Polizeiapparat. Überall deckt sie skandalöse Verbindungen die einst bis in die faschistische Partei Portugals zurückreichen. Und sie spürt einen Mann auf, der seit 46 Jahren für tot erklärt ist. Gemeinsam mit ihrem Inspetor Cardoso, fügt sie im Laufe der Ermittlungen alle politischen Einzelteilchen zusammen und stößt auf ein grausames Geheimnis – und noch mehr. Der totgeglaubte einstige Oberkommandant der faschistischen Miliz lebt, aber niemand weiß, wer er heute ist.

Auch ein Kolkrabe zählt zu Inspetora Doras Helfern

Dora steht eine schwierige Aufgabe bevor. Sie muss den Kopf der neo-faschistischen Vereinigung enttarnen und beweisen, wer der Mann tatsächlich ist. Dabei helfen ihr neben Inspetor Cardoso, Jósua, dessen Compadre Aurélio, Doras Großvater Maurice, und ein Kolkrabe, der Dora quer durch Lissabon folgt.

Ich wollte eine Überraschung, einen Knall

Bis genau hierhin hatte mich die Geschichte des Fremden im Zug an einem Stück getippt getrieben, danach musste ich eine Pause von mehreren Wochen einlegen, um mir über das Tatmotiv klar zu werden, denn dass der gesuchte, tot geglaubte, wiederauferstandene Miliz-Kommandant der Täter ist, war mir zu einfach für das Ende. Ich wollte eine Überraschung. Einen Knall.

Es lag die ganze Zeit in der Geschichte verborgen

Für das letzte Viertel habe ich mehrere Ansätze skizziert und wieder verworfen, bis ich den Zusammenhang zwischen dem Oberkommandanten, Jósua, und dem Täter erkannt habe. Der von mir gesuchte Knall lag die ganze Zeit bereits in der Geschichte verborgen. Endlich konnte ich das Ende schreiben. Drei Monate nach Abgabetermin erreichte mich vom Emons Verlag die Bitte, etwas mehr Lokalkolorit aus dem Herzen Lissabons einzustreuen. Das hat mir, und dem Buch wohlgetan.

Über Catrin George Ponciano

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