Was Bücher über ihre Besitzer verraten | BUCHSZENE

Ein gebrauchtes Buch ist wie ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Jörg Steinleitners Kolumne über geheimnisvolle Zettel in Büchern, über die Liebesgeschichten, die sie andeuten und über persönliche Katastrophen.

Steinleitners Woche über gebrauchte Bücher und die Geheimnisse, auf die wir in ihnen stoßen

9. September 2019 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Titelbild Steinleitners Woche gebrauchte Bücher

© Franconiaphoto shutterstock-ID: 1393950833

Leute, die Bücher wegwerfen sind schon ein bisschen suspekt

Ich kann Bücher einfach nicht wegwerfen. Selbst solche, die ich ziemlich sicher niemals wieder lesen werde. Und auch solche, die gar nicht von mir sind. Heute stieß ich im Bücherstapel auf unserer Toilette auf ein Buch der verstorbenen Großmutter meiner Frau. Es stammt aus dem Jahr 1960 und heißt „Von Ananas bis Zitrone – Über unser Obst“. Es hat einen wunderschönen, bunten Schutzumschlag und wurde von Erika Sangerberg geschrieben. Auf die Innenseite des Umschlags hat Helenas Großmutter mit Tesafilm einen Zeitungsausschnitt geklebt. Er verrät ein Rezept zu Chrysanthemen-Salat und ist schon ganz vergilbt. Im Buch drin hat die Großmutter vieles, was ihr wichtig erschien, mit einem Bleistift unterstrichen. Meist sind dies Hinweise auf Hausmittel gegen alltägliche Krankheiten. Die Großmutter meiner Frau interessierte sich für gesunde Ernährung.

Auf dem Zettel im Buch stand: „Bernd muss weg!!!“ – ein Mordplan?

Ein gelesenes Buch verrät so viel über einen Menschen! Vor einigen Jahren haben wir eine Mini-Bücherei in einer ehemaligen Telefonzelle gegründet (Eine Bücherei zum verlieben). Dort laden immer wieder Menschen alte Bücher ab. Dies ist eigentlich nicht der Sinn der Sache, denn wir wollen eine attraktive Bibliothek mit aktuellen Lektüren. Dennoch freue ich mich über einzelne Fundstücke. Gar nicht so sehr, weil ich die Bücher lese, sondern weil ich in ihnen Spuren ihrer Besitzer finde. Einmal entdeckte ich in einem Buch, es war der Band „Partnerschaftsprobleme: Möglichkeiten zur Bewältigung – Ein verhaltenstherapeutisches Programm für Paare“ aus dem Jahr 1980, einen Zettel, auf dem waren auf der einen Seite die zu erledigenden Einkäufe notiert – „Milch, Butter, Gurke, Campari“. Als ich den Zettel umdrehte, stand da aber auch noch: „Bernd muss weg!!!“

Sind Bernd und die Buchbesitzerin nun kein Paar mehr? Ist Bernd tot?

So etwas passiert mir häufiger: Dass ich in alten Büchern stöbere und das Gefühl habe, auf ein familiäres Problem oder sogar einen echten Kriminalfall gestoßen zu sein. Ob Bernd wohl noch lebt – oder ob sie ihn um die Ecke gebracht hat? Ob das Buch seiner Besitzerin geholfen hat, ihre Beziehungsprobleme zu bewältigen – oder ob es daran schuld war, dass sie und Bernd kein Paar mehr bleiben konnten?

  • Kolumne Steinleitners Woche Alte Bücher 1

Die Familie von Karin, Paul und Sybille braucht wohl einen Psychologen

In einem anderen Buch, es handelt sich um die 5. Auflage von Günter Grass‘ „Der Butt“ aus dem Jahr 1978, fand ich ein zusammengefaltetes Blatt mit einer komplizierten Zeichnung, vermutlich eine Familienaufstellung: Auf der einen Seite befindet sich ein Dreieck, an dessen Ecken Karin, Paul und Sibylle notiert sind, wobei man den Namen Sybille fast nicht lesen kann, weil er ziemlich lieblos hingeschmiert wurde. Rechts außen, außerhalb des Dreiecks, befinden sich Inge und H., wobei Inge nachträglich mit einem andersfarbigen Kugelschreiber durchgestrichen worden ist. Links lese ich „Manni & Klausi, Gerti, Susi, Juliane etc.“ Unten hat der oder die Schreiberin noch „Psychologe!“ notiert, sowie „Vater = Idiot“. Und daneben ein Wesen zwischen Monster und Pumuckl gezeichnet. Ganz unten steht „Alles Scheisse“.

In dem erotischen Roman „Fanny Hill“ fand ich ein Liebesgedicht

Häufig finde ich auch Quittungen in alten Büchern oder Werbeprospekte und Ausrisse aus in alter Schrift geschriebenen Haushaltsbüchern. In einer Ausgabe von John Clelands Prostituiertenroman „Fanny Hill“ aus den 70er-Jahren entdeckte ich ein schlecht gereimtes Gedicht, gerichtet an eine Diana, dessen Vers „Für deine schönen Brüste / geh ich durch die Wüste“ mir wegen seiner Unbeholfenheit nicht aus dem Gedächtnis geht. Ich weiß noch, dass die Handschrift sehr grob und unbeholfen daherkam. Weil ich das Buch schon in meiner Bibliothek habe, ließ ich es in der Mini-Bücherei samt Liebesgedicht stehen. Irgendwer anderer muss sich Dianas Brüste gesichert haben, denn das Buch ist weg.

Was Bücher sonst noch so über ihre Besitzer verraten

Aber es sind nicht nur die Zettel und anderen Hinterlassenschaften, die Notizen und Unterstreichungen in Büchern, die uns etwas über ihre Vorbesitzer verraten; es ist auch ihr allgemeiner Zustand: Ist das Buch auf einer Seite ausgebleicht, dann hat sein Mensch vielleicht lange in einer sonnigen Wohnung gewohnt? Riecht es nach Rauch, hat dann sein Mensch womöglich nicht so gesund gelebt? Ist sein Umschlag wellig und finden sich im Buch drin Sandkörner, war es vielleicht mit dabei in einem schönen Urlaub? Sind auf seinem Umschlag rote Flecken, dann können diese auf Rotwein hindeuten – oder, wenn beim Rot noch Schwarz mit dabei ist – auf totgeschlagene Mücken.

Der Mann mit Schnurrbart und das Mädchen Viktoria – in Glitzerschrift

Einmal fand ich in einem Konversationslexikon vom Anfang des 20. Jahrhunderts vier Postkarten (siehe oben). Eine zeigt ein zauberhaftes Mädchen in hessischer Tracht vor einem sehr baufälligen Haus; eine das Porträt eines Mannes in schlichter Uniform mit stolzem Schnurrbart und eine die weichgezeichnete Schwarz-weiß-Aufnahme eines Mädchens mit dem Glitzerschriftzug „Viktoria“. Leider sind die Texte in altdeutscher Schrift verfasst, so dass ich sie nicht entziffern kann. Ein paar Geheimnisse müssen wir den Büchern lassen.

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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