Adriana Popescu: Goldene Zeiten im Gepäck | BUCHSZENE

Karla ist eine frustrierte Altenpflegerin, die mit Marihuana dealt. Elisabeth ist eine Seniorin mit Plänen. Adriana Popescu schickt die beiden in „Goldene Zeiten im Gepäck“ auf eine tolle Reise.

Adriana Popescus „Goldene Zeiten im Gepäck“ erzählt von Mut, Freundschaft und zweiten Chancen

4. September 2019 | Frau Bluhm

 

Titelbild Goldene Zeiten im Gepäck

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Adriana Popescus Heldin Karla ist Altenpflegerin und handelt mit Drogen

Karla steckt fest. Seit sie vor einem Jahr kurz vor dem Altar gekniffen hat, tritt sie in ihrem Aushilfsjob als Pflegehelferin in einem Altenheim in Stuttgart auf der Stelle. Ohne Perspektive – und wenn sie ehrlich ist: auch ohne wirkliche Lebensfreude. Geldknappheit ist sowieso an der Tagesordnung. Gut, dass sie seit einiger Zeit für das Gewächshaus der Seniorenresidenz verantwortlich ist. Dort, zwischen Tomatenstauden und Bohnenranken, bessert sich Karla ihr Gehalt mit dem Eigenanbau von Marihuana auf, das sie an die Heimbewohner, zwecks Linderung diverser Beschwerden verkauft. Das alles ändert sich jedoch schlagartig, als Elisabeth Kaiser die Bildfläche betritt und Karla ganz genau unter die Lupe nimmt. „Kaiser“ entdeckt das Geheimnis der Pflegerin und nutzt die Gelegenheit zu eiskalter Erpressung: Karla soll sie auf einen Roadtrip in die Vergangenheit begleiten, auf dem die alte Dame so einige Rechnungen begleichen will.

Die alte Dame und die junge Frau begeben sich auf einen Roadtrip

Unterschiedlicher hätten die beiden Protagonistinnen wohl kaum sein können, die Adriana Popescu da auf Reisen schickt, doch im Laufe des Trips, den sie in Karlas altersschwachem Auto Lola unternehmen, entdecken die beiden Frauen viele Gemeinsamkeiten. Besonders gut gefällt mir dabei, wie die Autorin es schafft, die beiden Generationen in einem Wortwitz zu vereinen. Denn obwohl die beiden einen komplett unterschiedlichen Sprachgebrauch und natürlich durch ihren Altersunterschied andere Ansichten haben, finden sie einen gemeinsamen Kommunikationsweg, bei dem die eine immer wieder von der anderen lernen kann, obwohl das natürlich keine von beiden wirklich möchte. Denn am Anfang sind Karla und Kaiser sich spinnefeind, obwohl uns Lesern von Anfang an klar ist, dass beide auf ihre Art ein Herz aus Gold haben. Mir gefällt, wie Adriana Popescu diese Hürde überwindet.

Die 17-jährige Weltklasseschwimmerin verliebt sich unsterblich

Ein weiteres Highlight des Romans sind die Rückblenden, die aus Kaisers Sicht geschrieben sind, und im Jahr 1956 spielen. Kaiser war nämlich in ihrer Jugend die deutsche Hoffnung auf Gold bei den Olympischen Spielen in Melbourne.  Im Schwimmbecken war die junge Frau damals Weltklasse, doch im Bereich Liebe ein unbeschriebenes Blatt, was sich rapide änderte, als die damals 17-Jährige dem Rumänen Florin begegnete, und sich unsterblich in ihn verliebte.

Die Olympischen Spiele in Melbourne spielen eine interessante Rolle

Ich finde die Darstellung der damals so jungen und unschuldigen Elisabeth herzerwärmend und natürlich auch hochinteressant. Nebst den sowieso schon sehr gut recherchierten Details der damaligen Olympiade, hat Adriana Popescu noch ein weiteres, sehr interessantes Schmankerl eingebaut: In ihrer Geschichte treten die wahren Helden von damals auf. Wer sich gerne mit den Olympischen Spielen beschäftigt, der weiß dieses kleine Extra zu schätzen.

Wird Elisabeth ihren geliebten Florin je wiedersehen?

Genau jener Florin ist es, der am Ende von Kaisers Roadtrip (hoffentlich) auf sie wartet. Die beiden konnten damals den Ost-West-Konflikt nicht überwinden, beide haben andere Partner geheiratet und getrennte Leben geführt. Mehr als 60 Jahre später macht sich Kaiser nun auf, das Versprechen, das sie damals gegeben hat, einzulösen. Im Gepäck eine Goldmedaille und sehr viele wundervolle Erinnerungen, die Adriana Popescu mit wunderschön gestalteter Sprache wiederaufleben lässt.

„Goldene Zeiten im Gepäck“ macht richtig Lust, selbst die Koffer zu packen

Dritter Hauptdarsteller der Geschichte ist die Landschaft selbst. Als ich lesend mit Karla, Kaiser und Lola durch Deutschland, Österreich, Ungarn und die Slowakei bis nach Bukarest fuhr, bekam ich selbst Lust die Koffer zu packen und mich einfach mal ins Abenteuer zu stürzen. Ein bisschen mutig zu sein wie Kaiser, die eigenen Grenzen aufzubrechen wie Karla. Einfach mal ins kalte Wasser zu springen. Sinnbildlich und buchstäblich gesehen. Gemeinsam kommen die beiden ganz schön weit. Adriana Popescus „Goldene Zeiten im Gepäck“ ist ein gelungener Roman über Freundschaft, Mut und zweite Chancen.

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Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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