Eine Bücherei zum Verlieben – eine Kolumne über Lesebegeisterung und Kinder, die Verantwortung übernehmen | BUCHSZENE.DE

Die ganze Geschichte klingt ein wenig nach einem Roman wie „Ein Buchladen zum Verlieben“, aber sie ist wahr. Lesen Sie von einem kleinen Dorf und seinen Kindern, die sich einen Traum verwirklichten, der ihnen tolle Lektüren beschert und sie obendrein zusammenschweißte.

Eine Bücherei zum Verlieben – eine Kolumne über Lesebegeisterung und Kinder, die Verantwortung übernehmen

18. November 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Wie kommt man kostenlos an gute Bücher?

Am Anfang stand mein Traum davon, in unserem kleinen Dorf eine Möglichkeit zu schaffen, die es Kindern und Erwachsenen ermöglicht, unkompliziert und kostenlos an Bücher zu kommen. Denn ich hatte beobachtet, dass zum Beispiel meine Romane im Dorf viel gelesen werden, dass aber meist nur ein oder zwei Exemplare davon kursieren, die dann von Haus zu Haus weiterverliehen werden. Die Lesebegeisterung schien also begrenzt zu werden durch die Tatsache, dass meine Dorfmitbewohner nicht viel Geld für Bücher ausgeben wollten. Und eine Dorfbücherei gab es bei uns nicht, dazu sind die paar Hundert Einwohner einfach zu wenige.

Lesen verbindet, macht einfühlsam und schlau

Bei mir ist es nun so, dass ich natürlich auch viele Bücher verkaufen muss, um überleben zu können. Aber ein sehr starkes Gefühl neben meiner Existenzangst ist der Wunsch, noch mehr Menschen fürs Lesen zu begeistern. Ich glaube an die verbindende Kraft des Lesens, ich glaube, dass uns Lesen zu einfühlsameren und klügeren Menschen macht. Und zwar in einer Weise, die weit über die Literatur hinausgeht.

Kinder können ganz schön viel, wenn sie nur wollen

Wenn also im Dorf die Lesebegeisterung dadurch vergrößert werden kann, dachte ich mir, dass es tolle Bücher kostenlos gibt, dann müssen wir welche ranschaffen. Ich wollte einen Bücherschrank, der den Austausch von Büchern ermöglicht. Davon erzählte ich dem Holzbildhauer Johannes Volkmann. Der macht seit vielen Jahren soziale Kunst. Das heißt, jedes seiner Werke entfaltet eine Wirkung, die Menschen verbindet. Als er von meinen Traum erfuhr, schlug er vor: „Lass uns gemeinsam mit unseren Dorfkindern eine Bücherei schnitzen.“ Im Rahmen eines Sommerprojekts verwandelten hierauf rund 15 Kinder eine ehemalige Telefonzelle in eine Mini-Bücherei. Die Kinder waren für die Verschönerung und den Innenausbau der Zelle zuständig. Sie schnitzten Verzierungen und Schilder für die einzelnen Rubriken unserer kleinen Bibliothek. Sie malten und entwarfen Schriften.

Für manche ist die Mini-Bücherei der Einstieg ins Lesen

Ganz ehrlich: Zunächst war ich nur froh, jemanden gefunden zu haben, der mir meinen Traum vom Bücherschrank erfüllte. Doch nun, nachdem unsere Bücherei seit drei Monaten in Betrieb ist, sehe ich, dass hier noch mehr erreicht wurde: Dadurch, dass die Kinder die Bücherei selbst geschnitzt haben, ist sie zu „ihrer“ Bücherei geworden. Sie haben für sie Verantwortung übernommen und achten penibel darauf, dass sie ordentlich aussieht, dass keine Lieblingsbücher verschwinden und dass keine „doofen“ Bücher die Bücherei verstopfen. Außerdem gibt es Kinder, die über den Schnitzkurs und die eigene Bücherei überhaupt erst auf die Idee gekommen sind, dass Lesen ja interessant sein könnte. Ein Mädchen sagte kurz nach der Eröffnung: „Ich lese eigentlich nicht. Aber jetzt, wo wir eine eigene Bücherei habe, fange ich es vielleicht an.“

P.S.: So toll alles läuft mit unserer Bücherei – einen Wehrmutstropfen gibt es: Manche Menschen meinen, sie täten uns was Gutes, wenn sie uns Bücher aus den Fünfzigerjahren in die Bücherei legen, von Autoren, deren Namen niemand kennt und die zum Teil in Frakturschrift gedruckt sind.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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