Wie entsteht der perfekte Krimi? „Johannas Rache“ | BUCHSZENE

Wie entsteht ein Krimi? Wieso klingelt genau dann das Telefon? Was passiert in einer Mordnacht? Lebendig und mit Witz gibt Jens J. Kramer vom Syndikat Einblick in die Entstehung seines Romans „Johannas Rache“.

Wie entsteht der perfekte Krimi? Syndikats-Chef Jens J. Kramer verrät es uns mit seinem Roman „Johannas Rache“

10. August 2020 | Jens J. Kramer

Titelbild Johannnes Rache

©nito shutterstock ID 273759779

Jens J. Kramer über Gefühl und Dramatik beim Krimi-Schreiben

Manchmal entfaltet sich eine Geschichte aus einer einzigen Szene. Einem Bild, das mir vor Augen steht und das ich drehe und wende, bis es sich in Bewegung setzt. Bei „Johannas Rache“ war es die Begegnung im Zug.

Wildfremde Menschen, deren Wege sich sonst nie kreuzen würden, treffen in einem Abteil aufeinander, einem Raum, der gleichzeitig durch die Landschaft rast. Mich haben solche Begegnungen immer fasziniert, weil sie sich in der Spanne zwischen Zufall und Schicksal abspielen. Weil für einen Moment alles möglich ist. Weil in dem Bewusstsein, dass man sich in wenigen Stunden trennen wird, ohne sich vielleicht je wiederzusehen, größte Intimität entstehen kann.

In meiner Geschichte treffen sich Johanna und Adrian, eine Frau mit einer ahnbaren, aber geheimnisvoll bleibenden Vergangenheit, und ein Mann, der Vergangenheit mit der wissenschaftlichen Lupe erforscht. Es soll die Geschichte der Frau werden, aber ich entscheide mich, den Mann zum Erzähler zu machen. Die ersten fünfunddreißig Seiten, in denen ihre Entscheidungen die beiden Akteure aneinanderbinden, schreibe ich in zwei Tagen nieder. Diese Seiten zusammen mit dem Exposé überzeugen meinen Verlag. Mit einem Vertrag und einem Abgabetermin begebe ich mich in mein Schreibexil in der Bretagne. Nun beginnt die eigentliche Arbeit.

Adrian bricht aus seinem Leben aus und reist Johanna hinterher. Es muss ein Konflikt her, der es den Akteuren nicht zu leicht macht. Ich benutze Adrians Fantasie. Er stellt sich vor, wie sie sich in die Arme fallen. Das tatsächliche Wiedersehen muss dann zum Sturz der Illusionen werden. Hm, wie mache ich das? Und wieso klingelt jetzt ausgerechnet das Telefon? Ich habe mich überall abgemeldet. Die Buchmesse? Was? Ja, ich mache Veranstaltungen. Sie brauchen jetzt die Vorschläge? Ich bin mitten in meinem Roman! Gut, ich kläre das. Zurück zu Johanna und Adrian.

Auf einem alten Friedhof kommt es zu einer weiteren rätselhaften Begegnung (ich liebe alte Friedhöfe). Adrian erfährt, dass Johanna einen Menschen getötet hat. Hat er sich in eine Mörderin verliebt? Mehr und mehr öffnet sich der Spalt zwischen seinem gewohnten Leben und dem Sog, den Johanna auf ihn ausübt. In einem Moment verweigert sie sich ihm komplett, im nächsten reißt sie ihn in einen Strudel aus Leidenschaft, der ihn den Boden unter den Füßen verlieren lässt. Er muss unbedingt …

Schon wieder die Messe. Eine verzweifelte Stimme am Telefon. Wir brauchen, wir brauchen … Jaja, schon gut. Wo war ich?

So langsam stellt sich die delikate Frage, was da eigentlich wirklich in der Mordnacht passiert ist. Ich habe nämlich keine Ahnung. War sie es vielleicht doch? Wenn nicht, wer sonst? Darf ja auch nicht zu offensichtlich sein. Verdammt, ich hänge fest.

Wie? Ich soll die Veranstaltungen eintragen? Wie geht denn das? Ich verzweifle an der Technik.

Mitten in der Nacht wache ich mit Herzrasen auf. Der Abgabetermin rückt näher, und ich weiß immer noch nicht, wie es ausgeht. Ich muss mich entspannen. Wo ist der Whisky? Schön und gut, aber dadurch löst sich die Geschichte auch nicht. Aber das Meer! Und der Wind! Und die Austern! Ich könnte doch … Yeah, da ist sie, die entscheidende Idee. Schnell weiterschreiben. Och nö, nicht schon wieder die Messe.

Herr Kramer, wir brauchen … Sie müssen … – Wie war nochmal die Idee?

Nur noch zwei Wochen. Mir fehlen noch über hundert Seiten. Ich muss eine falsche Fährte legen. Außerdem muss sie in Gefahr geraten. Wer rettet sie? Der Mann? Och nö!

Die Wein- und Whiskyvorräte verschwinden immer schneller. Ich beginne mir Sorgen um meine Leber zu machen. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen. Mehr Austern essen, das ist gesund. Glaube ich wenigstens.

Noch drei Tage, aber ich bin im Finale. Großer Showdown. Hm, einer sollte noch draufgehen. Ich weiß schon wer. Ja, so geht es. Action! Nun noch auflösen. Muss nicht alles erklären, das ist mir zu deutsch. Die Leserinnen können auch selber denken. So jetzt noch meine Theorie über den Sündenfall unterbringen. Voilà! Vierhundertfünfunddreißig Seiten – passt.

Ich schicke das Manuskript an den Verlag. Die letzten Tage genieße ich mit meiner Frau am Ende der Welt, dem Finistère. Dann geht’s zurück nach Berlin. Anruf der Buchmesse: Herr Kramer … Bin unterwegs!

Über Jens J. Kramer

Werkstattberichte aus dem Syndikat: Wie arbeiten Kriminalschriftsteller? Was inspiriert sie zu ihren Romanen? Welche Marotten quälen sie beim Schreiben?

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