
©Lupulupupu shutterstock-ID 1431249272
Frau Haigh, Ihr Roman „Das schwarze Gold des Südens“ erzählt von einer Bamberger Süßholzdynastie. Die Imhoffs bauen im heißen Kalabrien Süßholz an, aus dem Lakritz gefertigt wird. Wie sind Sie auf dieses exotische Thema gestoßen?
Reiner Zufall oder „meant to be“. Ich war für meine Komödie „Kann Gelato Sünde sein?“ auf Recherchereise in Kalabrien und sollte jemandem aus der Verwandtschaft Lakritz von Amarelli mitbringen. Einmal dort, die Fabrik besichtigt, von der Vielfalt der Lakritzprodukte überwältigt und während der Führung in die Welt des Lakritz eingetaucht, fing ich Feuer. Das Thema hat mich sozusagen magisch angezogen und nach ersten Recherchen wurde es immer interessanter und vielfältiger – vor allem historisch. Ich musste einfach einen Roman schreiben, bei dem Süßholz die Erzählfolie spannt.
Im Zentrum der Geschichte stehen die Schwestern Elise und Amalie. Die beiden sind ziemlich unterschiedliche Charaktere …
Elise hat gemessen an der damaligen Zeit ziemlich viele Hummeln im Hintern, ist freiheitsliebend und hat einen Traum, der sie gegen alle Widerstände nach vorne zieht. Dabei hilft ihr die Ausbildung zur Lehrerin. Wissen ist der Schlüssel zu neuen Welten. Ihre Schwester, Amalie, ist das genaue Gegenteil. Sie hat ihre Träume längst vergessen, steckt im engen Korsett der damaligen Zeit, ist in einer Vernunftehe gefangen und von Pflichterfüllung und Gehorsam geknebelt. Sie redet sich das Leben schön, doch der Leidensdruck steigt ins Unermessliche, als sie in Kalabrien einem Mann begegnet, der alles, woran sie bisher geglaubt hat, auf den Kopf stellt. Die beiden Schwestern beschreiten unterschiedliche Wege und müssen die Bande, die sich nach der Kindheit verlor, neu knüpfen.
Die Familie Imhoff lebt im Bamberg des Jahres 1887. Hatten Sie für diese Unternehmerdynastie ein reales Vorbild oder warum haben Sie das nach Bamberg und ins Jahr 1887 verlegt?
Der Spielort Bamberg hat sich aus der Recherche ergeben. Mich hat überrascht, dass ausgerechnet die fränkische Gärtnerstadt im Mittelalter eine Hochburg der Lakritzproduktion war und weltweit den besten Ruf genoss. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist vor allem aufgrund der aufkommenden Konkurrenz zur Gewinnung von Süße, Zuckerrohr und Zuckerrüben, nicht mehr viel vom einstigen Glanz übriggeblieben. China, Russland und Kalabrien dominieren die Süßholzproduktion.
Es ist faszinierend, was man in Ihrem Roman alles über die Lakritzherstellung erfährt. Mögen Sie selbst Lakritze?
Norddeutsche lieben Lakritz, Süddeutsche eher nicht. Ich mochte Lakritz überhaupt nicht – bis ich mir auf der Berlinale einen Mageninfekt zuzog. Mein Körper schrie förmlich nach Lakritz und auf einmal kam ich auf den Geschmack. Nach zwei Wochen war Ruhe im Magen, was, wie ich jetzt weiß, den Wirkstoffen des Lakritz zuzuschreiben ist.
Für was mussten früher eigentlich die Apotheken mit Lakritzblöcken beliefert werden?
Sie stellten daraus Pastillen her oder verkauften die kleinen Blöcke unbearbeitet, um sie vorwiegend bei Magenverstimmungen und Atemwegserkrankungen zu verabreichen.
Die Imhoffs stecken in großen finanziellen Schwierigkeiten, weil die Süßholzernte schlecht ausfällt. Und die Rettung, die sich anböte, ist so gar nicht nach Elises Geschmack.
Das stimmt. Nach einem Parasitenbefall der Felder steht die Firma vor dem Aus. Einen Kredit, um die schwierige Zeit zu überbrücken, bekommen sie nicht, außer die junge Elise würde das ihr von einem Bankier entgegengebrachte Interesse erwidern. Doch sie hat andere Pläne und einen Geliebten. Eine Heirat ohne Liebe, um das Familienunternehmen zu retten, kommt nicht in Frage, zudem sich ihr Vater gegen Elises Ideen, den Betrieb anderweitig zu retten, stemmt. Es kommt zu einem Zerwürfnis, das sie von ihrem Vater, aber auch ihrer Schwester, entzweit.
Elises Mutter ist die einzige, die sie in ihrer Liebe zu Ferdinand unterstützt. Aber bei der Jagd fällt sie einem schlimmen Unfall zum Opfer. Was macht der Tod der Mutter aus der in der Krise steckenden Familie?
Mit dem Tod der Mutter gibt es nichts mehr, was Elise in der Heimat hält. Die Familienbande sind endgültig zerschnitten, zumal sie glaubt, dass ihr Vater den Tod der Mutter zu verantworten hat. Ihn plagen seitdem Schuldgefühle.
Plötzlich, in all dem Unglück, sieht der Vater einen Ausweg in einer Reise nach Italien. Was erhofft er sich davon?
Ihm bleibt keine andere Wahl als Süßholz anzukaufen, um die wenigen Aufträge, die der Betrieb noch hat, auszuführen. Doch in Venedig, einem der Umschlagsplätze für günstiges Süßholz aus China, stellt sich dessen minderwertige Qualität heraus. Da tut sich die Möglichkeit auf in Kalabrien ein Süßholzfeld selbst zu bewirtschaften …
Für den Chat bitte einloggen