Alle wollen Sex, doch eigentlich geht es ihnen um mehr. Thomas Melles Roman „Das leichte Leben“ garantiert ein animalisch-intellektuelles Leseerlebnis.

Thomas Melles „Das leichte Leben“ ist ein Roman über unerfüllte Begierden

3. Oktober 2022 | Jörg Steinleitner

Thomas Melle

Das leichte Leben

ISBN 978-3-462-00257-7

352 Seiten | € 24,00

Kiepenheuer & Witsch

Romantik (4/5)

Komik (2/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (5/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Das leichte Leben

Der Sex in Thomas Melles Roman reißt emotionale Wunden auf

Drücken wir es mal ungeschminkt aus: Die Figuren in Thomas Melles Roman „Das leichte Leben“ haben viel Sex. Und zwar meist welchen, der den gesellschaftlichen Konventionen widerspricht und damit Wunden aufreißt, die sich nicht so einfach schließen lassen. Wer also nicht so gerne Sexszenen liest, sollte dieses Buch nicht lesen. Allerdings geht es in „Das leichte Leben“ um viel mehr und die Getriebenheit der von Thomas Melle erdachten Charaktere spiegelt letztlich nur ihre Verlorenheit in einer zerfledderten Welt.

Kathrins und Jans Ehe ist nicht mehr so prickelnd wie sie einmal war

Im Mittelpunkt steht die Familie von Kathrin und Jan. Sie war mal eine gefeierte Schriftstellerin und arbeitet jetzt als Lehrerin. Er war Redakteur und wurde von seinem Sender als Moderator an die Fernsehfront genötigt. Nun ist er prominent, was nicht nur Vorteile mit sich bringt. Die beiden haben zwei Teenager-Kinder: Tochter Lale und Sohn Severin. Und ihre Ehe ist nicht mehr so prickelnd wie sie einmal war.

In ihrer Sehnsucht nach Eskapaden landet Kathrin auf einer Sexparty

Besonders Kathrin sehnt sich nach erotischen Eskapaden. So landet sie auf einer privaten Sexparty, bei der sie sich wie eine Hündin nehmen lässt und sich hinterher noch weniger in ihren Gefühlen auskennt als vorher. Wenn man diese Szene liest, die Thomas Melle gleich an den Anfang seines Romans platziert, überlegt man tatsächlich, ob man diese Rohheit und Explizitheit ertragen wird, sollte das den gesamten Roman so weitergehen. Zur Beruhigung: So heftig wie am Anfang des Romans geht es später nicht mehr zur Sache. Aber begehrt und gevögelt wird auch weiterhin.

Jan hat es mit einem anonymen Erpresser zu tun, der ihm Fotos schickt

Für Spannung sorgt auch Jans Problem: Ein Unbekannter schickt ihm Fotos, die ihn als Kind zeigen und die die Möglichkeit eines Missbrauchs durch seine seinerzeitigen Erzieher andeuten. Es ist nicht klar, was der Unbekannte mit diesen Fotos bezwecken will: Jan erpressen? Aber warum stellt er dann keine Forderungen, sondern droht nur mit der Veröffentlichung? Jan nimmt Kontakt mit seinen früheren Klassenkameraden auf, um herauszufinden, ob sie meinen, dass es damals einen Missbrauch gegeben habe und ob sie auch derlei Bilder zugeschickt bekommen.

Der schöne Teenager ist für Mutter und Tochter ein Objekt der Begierde

Um seinen Protagonisten „das leichte Leben“ noch schwerer zu machen, schickt Thomas Melle zusätzlich den schönen Jüngling Keanu ins Rennen. Er ist so alt wie Tochter Lale, entstammt einer nicht so wohlsituierten Familie und wird von Tochter und Mutter gleichermaßen begehrt. Als der Teenager sein Zuhause verliert, zieht er bei Kathrin, Jan, Lale und Severin ein. Klar, dass dies die Situation nicht vereinfacht. Derweil versucht der sexuell frustrierte Vater Jan sein Glück bei einer viel zu jungen Praktikanten, was allerlei Peinlichkeiten mit sich bringt.

„Das leichte Leben“ ist ein Roman über unerfüllte Begierden

Es ist faszinierend, wie es Thomas Melle gelingt, anhand der Beschreibung der unerfüllten Sehnsüchte seiner Charaktere und ihrer hilflosen Versuche, durch gesellschaftlich geächteten Sex Erfüllung zu finden, die ganze Problematik einer wertemäßig zerfallenden Gesellschaft darzustellen, ohne ins Seichte, Langweilige oder Platte abzugleiten.

Eine erotische, mitunter animalische und dabei intellektuelle Lektüre

Thomas Melles Roman „Das leichte Leben“ garantiert ein erotisches, mitunter schmutzig-animalisches, und zugleich intellektuelles Leseerlebnis. Seine treffsichere, rohe, schnelle Sprache treibt einen beim Lesen mit derselben Intensität weiter, mit der die Figuren der Geschichte von ihrer Lust getrieben werden. Und am Ende gibt es zusätzlich zu den vielen „petites morts“ – den kleinen Toden, wie der Orgasmus im Französischen genannt wird – auch noch zwei echte Leichen, mit denen nicht zu rechnen war. Das Leben ist alles andere als leicht.

 

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