Christian Stöcker: Das Experiment sind wir | BUCHSZENE.DE

Warum ist die Exponentialfunktion brandgefährlich für uns? Werden wir eines Tages künstliche Intelligenzen echten Menschen vorziehen? Prof. Dr. Christian Stöcker über sein Hörbuch „Das Experiment sind wir“.

Prof. Dr. Christian Stöcker im Interview über sein Hörbuch „Das Experiment sind wir“

20. November 2020 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Das Experiment sind wir

©Tereshchenko Dmitry shutterstock-ID 1214309197

Herr Professor, wieso sind wir Menschen laut Ihrem neuen Hörbuch ein „Experiment“?

Das Schicksal der Menschheit unterliegt im Moment nicht nur einem, sondern gleich einem ganzen Bündel aus Exponentialfunktionen, also Veränderungen, die sich immer schneller und schneller vollziehen. Wissenschaftler sprechen von der „Großen Beschleunigung“. Wir Menschen sind aber psychologisch betrachtet äußerst schlecht darin, Exponentialfunktionen zu begreifen. Das ist das titelgebende Experiment: Schaffen wir es doch noch, uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen? Oder richten wir uns selbst zugrunde?

Sie machen drei Faktoren aus, die unser Leben in der nahen Zukunft besonders stark prägen werden. Das müssen Sie bitte erklären.

Es spielen sogar noch deutlich mehr exponentiell wachsende Faktoren wichtige Rollen, aber drei der wichtigsten sind: die exponentielle Zunahme von CO2 in der Atmosphäre, die immer noch exponentielle Entwicklung digitaler Technologie und das Wachstum der Weltbevölkerung. Letzteres verläuft allerdings glücklicherweise nicht mehr exponentiell, die Weltbevölkerung wird vermutlich noch in diesem Jahrhundert wieder zu schrumpfen beginnen. Was viele Leute aber gar nicht wissen: Auch ein prozentual konstantes Wirtschaftswachstum von, sagen wir mal, zwei Prozent ergibt auf die Dauer eine Exponentialfunktion.

Sie warnen vor den Auswirkungen exponentiellen Wachstums. Wenn wir an die industrielle Revolution denken, an die Pestwellen der Vergangenheit oder an das deutsche Wirtschaftswunder – gab es exponentielles Wachstum nicht schon immer?

Exponentielles Wachstum gab es in der Tat schon immer, in der Vergangenheit vollzog es sich aber in der Regel in der Natur und stieß dann schnell an seine Grenzen. Bakterien in einer Petrischale voll Nährlösung vermehren sich unter Umständen exponentiell – und wenn die Nährlösung aufgebraucht ist, sterben alle auf einmal. Die exponentiellen Entwicklungen, um die es im Buch geht, haben alle eins gemeinsam: Sie sind keine natürlichen Prozesse, sondern samt und sonders Auswirkungen menschlichen Handelns. Wir verändern den Planeten so sehr, dass Wissenschaftler jetzt vom Anthropozän reden, dem Menschenzeitalter. Erdbewohner der Zukunft werden unser Wirken in Form von Sedimentschichten wiederfinden können, noch in Millionen Jahren.

Sie stellen auch eine Verbindung zwischen exponentiellem Wachstum und negativen Entwicklungen in Sachen Rassismus, Menschenverachtung und Gewaltbereitschaft her. Wie meinen Sie das?

Es gibt eine lose, mittlerweile in vielen Ländern der Welt vertretene Gruppierung von Leuten, die an sogenannte akzelerationistische Ideen glauben. Sie nehmen die sich immer mehr beschleunigende Entwicklung wahr und sind überzeugt, dass sie die Menschheit in eine Katastrophe führen wird, einen gigantischen Bürgerkrieg oder den Kollaps des Wirtschaftssystems zum Beispiel. Rechtsextreme Akzelerationisten wie der Massenmörder von Christchurch oder der Mann, der in Halle in eine Synagoge eindringen und möglichst viele Menschen töten wollte, glauben, dass sie selbst diesen Prozess mit Gewalttaten beschleunigen können. Dass sie eine Art Endkampf herbeiführen werden. Das möchten sie deshalb, weil sie glauben, dass sie oder ihresgleichen dabei einen großen Sieg davontragen werden. Sehr oft sind das extreme Rassisten, aber interessanterweise gibt es ähnliche Ideen von der kriegerischen oder ökonomischen Apokalypse als Erlösung und Chance zum Sieg der eigenen Gruppierung auch bei manchen Linksextremisten – und auch bei fanatischen Islamisten wie den Anhängern des IS.

Das hört sich nicht hoffnungsvoll an. Gibt es für uns einen Weg raus aus dem Dilemma

Die Große Beschleunigung, um die es im Hörbuch zentral geht, hat der Menschheit nicht nur Schlechtes, sondern auch sehr viel Gutes gebracht. Früher einmal prognostizierte, gigantische Hungersnöte sind ausgeblieben, weil Landwirtschaft so viel effizienter geworden ist, die Kindersterblichkeit geht weltweit seit vielen Jahren immer mehr zurück, überall auf der Welt leben die Menschen wesentlich länger als früher, es gibt weit weniger extreme Armut, elementare Bildung bekommen Kinder – auch Mädchen – mittlerweile fast überall auf der Welt. Das sind alles extrem positive Entwicklungen. Wir haben uns aber – Stichwort Klimakrise – und damit verbunden – Stichwort Artensterben – auch in eine sehr gefährliche Lage gebracht. Was wir tun müssen – und meiner Ansicht nach auch tun können – ist, endlich bewusster zu entscheiden, wo wir exponentielles Wachstum wollen und wo eben nicht mehr. Im Moment wächst zum Beispiel die globale Kapazität von Photovoltaikanlagen zur CO2-freien Stromerzeugung exponentiell. Das ist die Art von Beschleunigung, die wir dringend brauchen.

Unsere Politik basiert auf permanentem Wirtschaftswachstum. Kann das gut gehen?

Wenn wir einfach weitermachen wie bisher, kann das nicht gutgehen, das ist mittlerweile offenkundig. Man muss hier aber stark differenzieren: In den westlichen Industrienationen geht das Wachstum ohnehin seit Jahren zurück. Es stimmt nämlich gar nicht, dass wirklich alle Menschen einfach immer mehr im Sinne von immer mehr Produkte kaufen wollen. Viele wollen lieber mehr Zeit haben, mehr positive Erlebnisse, mehr Bildung. In Schwellen- und Entwicklungsländern dagegen ist das Wachstum für viele noch essentiell, um Armut, Krankheiten, gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen und anderem zu entgehen. Es kommt, das hat schon der Erfinder des Bruttosozialproduktes vor Jahrzehnten so formuliert, darauf an, was da wächst und wozu.

„In bestimmten, klar umgrenzten und wohldefinierten Bereichen sind lernende Maschinen in der Lage, schöpferisch zu sein“, heißt es in Ihrem Hörbuch. Was bedeutet das für uns?

Lernende Maschinen werden uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten extrem nützlich sein. Sie werden zum Beispiel Medikamente erfinden – das ist längst passiert, es gibt Antibiotika, die mit lernenden Maschinen konstruiert wurden. Maschinelles Lernen wird Forschung und Entwicklung in vielen Bereichen noch einmal enorm beschleunigen. Das ist sehr gut, wenn es dabei um effizientere Solarzellen, neue Stromspeichertechnologien oder intelligente Stromnetze geht. Oder vielleicht um Bakterien, die CO2 fressen. Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können, um uns selbst zu retten.

Müssen wir uns langfristig vor künstlicher Intelligenz schützen, weil sie uns gefährlich werden könnte?

Ich halte diese Debatte im Moment für völlig verfrüht und auch wenig relevant. Was wir verhindern müssen ist, dass lernende Systeme sich nur an der Welt, wie sie ist, orientieren, und damit zum Beispiel in der Personalauswahl oder bei in den USA im Strafrecht eingesetzten Systemen Ungerechtigkeiten fortschreiben. Algorithmen können Menschen diskriminieren, wenn sie aus der von Diskriminierung geprägten Vergangenheit und Gegenwart lernen. Dass eine intelligente Maschine demnächst aufwacht und die Weltherrschaft anstrebt, halte ich für ausgeschlossen. So funktionieren diese Systeme nicht. Was wir allerdings trotzdem tunlichst vermeiden sollten, ist etwa autonome Waffen- oder Handelssysteme zuzulassen, die plötzlich unkontrolliert agieren und dann gewaltige Schäden anrichten könnten.

Unser Bildungssystem entlässt viele in eine durchdigitalisierte Welt, ohne ihnen jemals erklärt zu haben, was diese Welt antreibt, heißt es in Ihrem Hörbuch. Was genau treibt unsere Welt an?

Im 19. Jahrhundert war es die Dampfmaschine, im 20. Jahrhundert der Verbrennungsmotor, im 21. Jahrhundert ist es digitale Technik. Wie Dampfmaschinen und Verbrennungsmotoren funktionieren, lernt bis heute jedes Kind in der Schule. Man kann aber auch 2020 in Deutschland noch Abitur machen, ohne irgendeine Ahnung davon zu haben, wie ein Computer oder gar Software grundsätzlich funktionieren. Das halte ich für einen fatalen Fehler.

Wir vernichten gerade zielsicher unsere Umwelt. Wo sehen Sie hier „das Experiment“?

Ich weiß nicht, ob „zielsicher“ hier wirklich ins Schwarze trifft. Wir schädigen unsere eigenen Lebensgrundlagen, aber eher unabsichtlich, auch wenn wir mittlerweile genau wissen, dass das so ist. Das Experiment besteht darin: Schaffen wir es, unser mittlerweile verstandenes und wissenschaftlich gut erforschtes selbstzerstörerisches Verhalten kollektiv zu ändern – oder eben nicht? Wir haben dabei einen entscheidenden Vorteil, der erst ein paar Jahrzehnte alt ist: Wir verstehen jetzt auch die kognitiven Verzerrungen, die uns selbst beim Denken und Handeln oft in die Irre führen. Der Mensch kennt sich mittlerweile selbst besser als je zuvor.

Welche Maßnahmen würden Sie sofort ergreifen, wenn Sie die Macht dazu hätten?

Ich würde den Ausstoß von CO2 global hoch besteuern – das Umweltbundesamt schätzt, dass jede weitere Tonne CO2 in der Atmosphäre Folgeschäden in Höhe von 180 Euro erzeugt. Im Moment vergesellschaften die Unternehmen, die fossile Brennstoffe verkaufen und verbrennen, fast alle Schäden, die sie anrichten. Ich würde Photovoltaik-, Wind-, Wasser- und Gezeitenenergiegewinnung massiv unterstützen und Elektromobilität stark fördern und Einwegplastik global verbieten. Dann würde sich das weitere Fördern und Verbrennen fossiler Brennstoffe sehr schnell noch weniger rechnen als jetzt.

Zum Schluss noch eine Frage über die Zukunft menschlichen Zusammenlebens: Meinen Sie, eines Tages werden es viele Menschen vorziehen, mit einer künstlichen Intelligenz zusammenzuleben anstatt mit einem richtigen Menschen?

Das halte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt für extrem unwahrscheinlich. Wir mögen andere Menschen ja nicht nur deshalb, weil wir uns gerne unterhalten – einen virtuellen, simulierten Gesprächspartner wird man vermutlich relativ bald bauen können, aber was bringt das? Wir schätzen an Menschen ja, dass sie sind wie wir. Dass wir sie verstehen, uns in sie einfühlen können und sie sich in uns. Dass man sie sehen, anfassen, riechen kann. Das können Maschinen auf absehbare Zeit unmöglich ersetzen. Was nicht heißt, dass sie uns nicht in vieler Hinsicht enorm werden helfen können.

Gibt es überhaupt etwas, was der Mensch kann, aber eine Maschine nicht?

Eine Maschine kann möglicherweise alles Mögliche lernen, aber eines eben auf gar keinen Fall: ein Mensch sein.


Über Christian Stöcker

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