Chinesen kochen fantastisch gutes Essen, aber ihr Regime drängt ohne jeden Skrupel nach der Weltherrschaft. Ex-ZDF-China-Korrespondent Thomas Reichart spricht über sein Buch „Das Feuer des Drachen“.

Thomas Reichart im Interview über seine Zeit als ZDF-Korrespondent und sein China-Buch „Das Feuer des Drachen“

21. Dezember 2020 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Das Feuer des Drachen

©Maxx-Studio shutterstock-ID 1463791133

Herr Reichart, Sie sind nach fünf Jahren als ZDF-Korrespondent in Peking und Ostasien-Studioleiter nach Berlin zurückgekehrt und haben ein Buch geschrieben. Es gibt bereits viele Werke über China. Worauf kam es Ihnen beim Verfassen von „Das Feuer des Drachens“ besonders an?

Mein Ziel war ein Buch zu schreiben, das nicht aus dem Zettelkasten der Statistiken geschrieben ist, sondern den interessierten China-Laien erleben lässt, was diese neue Weltmacht für uns in Deutschland bedeutet. Ich schreibe aus der Perspektive des Heimkehrers, dem hier viel Vertrautes fremd und umgekehrt in China viel Fremdes vertraut ist. Ich glaube, man begreift Chinas Bedeutung für uns und auch seine Bedrohung nicht, wenn man nur Zahlen-Superlative präsentiert. Ich will China zu uns holen, mit dem ganzen Erzählschatz eines Korrespondenten, der in fünf Jahren ganz China und seine Nachbarn bereist hat, und ich versuche das einzuordnen in die großen Trends und Herausforderungen, die durch China auf uns zukommen.

Sie bemühen sich um einen Spagat: Einerseits zeigen Sie in Ihrem Buch die negativen Seiten wie den enormen Leistungsdruck, dem chinesische Bürger ausgesetzt sind oder die Unterdrückung der Menschen in den Provinzen Tibet und Xinjian. Andererseits gehen Sie auf die hervorragenden Kochkünste der Chinesen und ihren ausgeprägten Familiensinn ein. Wenn Sie an China denken – welcher Gedanke, welches Bild schießt Ihnen ganz spontan als erstes in den Kopf?

Ich mag China, und die Zeit dort war mindestens so aufregend wie sie manchmal auch aufreibend war. In einer Sommernacht, wenn ein Gewitter die Luft gewaschen hat, durch Pekings Altstadtviertel, die Hutongs, zu streifen, wo Frauen im Pyjama ihre Hündchen ausführen, vor neonbeleuchteten Läden die Leute auf Bierkisten sitzen und schwatzen, das mag ich sehr. Dann scharfe Nudeln oder ein Grillspieß an einer Ecke, herrlich. Ich finde, man muss unterscheiden zwischen den Menschen und dem Regime. Chinesen bewundere ich, und manchmal verwundern sie mich. Partei und Staat sind etwas ganz anderes, davor sollten wir auf der Hut sein, weil sie die Grundlagen unserer freien Gesellschaft bedrohen.

Wie hat sich Ihr Blick auf China in den fünf Jahren Ihres Aufenthalts dort verändert?

Meine Bewunderung für das Land und die Menschen ist ganz sicher gewachsen. Und natürlich auch für dieses großartige chinesische Essen. Politisch gab es zumindest zu Beginn meiner Zeit noch die Hoffnung, dass China den Weg der Reformen und schrittweisen Öffnung fortsetzen könnte. Darauf kann heute niemand mehr setzen. Das China, das ich als Korrespondent erlebte, wurde von Jahr zu Jahr unduldsamer, hartherziger und brutaler gegenüber allem, was es politisch, kulturell und ethnisch als anders wahrnahm. Da ist mein Blick ernüchtert und, ich fürchte, nicht sehr optimistisch. Ich plädiere in meinem Buch deshalb sehr dafür, dass Politik und Gesellschaft in Deutschland und Europa ihre China-Naivität ablegen müssen. Die Vorstellung durch Handel werde sich China wandeln hat sich als falsch erwiesen. China will umgekehrt, dass die Welt sich wandelt – und zwar nach den Vorstellungen seiner kommunistischen Diktatur.

Hat auch China während Ihres Aufenthalts seinen Charakter verändert? Staatspräsident Xi Jiping, der politisch andere Wege als seine Vorgänger eingeschlagen hat, stand ja bereits vor Ihrem Einsatz an der Spitze …

Das stimmt, aber es dauerte eine Weile, bis sich zeigte, wie groß der Einschnitt durch Xi für China und die Welt tatsächlich ist. Xi sorgte dafür, dass die Partei ihn zum Herrscher auf Lebenszeit machte. Er steht im Inneren für eine ideologische Rückwärtsrolle und den Aufbau einer digitalen Überwachungsdiktatur, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Im Äußeren bricht Xi mit Chinas traditioneller Zurückhaltung. Er verfolgt eine aggressive Politik, die Chinas Macht und Einfluss auch auf Kosten anderer wie zum Beispiel entlang der sogenannten Neuen Seidenstraße oder unter Bruch des Völkerrechts wie im südchinesischen Meer durchsetzen will.

In Ihrem Vorwort gehen Sie auch auf Chinas Umgang mit der Corona-Pandemie um. Glauben Sie den Zahlen, die besagen, in China sei die Pandemie ausgestanden?

Natürlich weiß ich, dass man diesen Zahlen immer misstrauen muss. Besonders an den Zahlen der Covid19-Toten in Wuhan, dort wo die Seuche ausbrach und fatalerweise lange verheimlicht wurde, gibt es erhebliche Zweifel. Aber auch in einer Diktatur wie China lassen sich grundlegende Entwicklungen nicht völlig auf den Kopf stellen. China scheint die Pandemie im Moment zumindest tatsächlich im Griff zu haben. Aber eben nicht nur China, sondern das gilt auch für demokratische Staaten in Asien wie Südkorea, Japan oder Taiwan. Erfolgreiche Pandemiebekämpfung ist kein Markenzeichen einer kommunistischen Diktatur, wie Peking das der Welt jetzt glauben machen will. Asien hat schmerzhaft von früheren Pandemien wie Sars oder Mers gelernt. Es ist eher unser Versagen in Europa und auch unsere kulturelle Arroganz gegenüber Asien, dass wir davon so schrecklich wenig lernen wollten.

China unterdrückt Menschen und ihre ganz grundsätzlichen Rechte. Und zwar zwischenzeitlich nicht mehr nur im eigenen Land. Ist China eine Gefahr für die Welt?

Ich denke wir müssen uns in Deutschland und Europa klarmachen, dass Xi Jinping die Welt in einem fundamentalen Systemstreit sieht, in dem es am Ende nur einen Sieger geben kann. Der Kern seiner Herrschaft und das klare Ziel ist der Triumph des chinesischen Staatssozialismus über den Westen. China will dafür auch sein Modell einer kommunistischen Überwachungsdiktatur exportieren in die Welt. Und es will die Regeln, nach denen diese Welt geordnet ist im Völkerrecht, in den Vereinten Nationen, im Handel nach seinen Vorstellungen ändern und prägen. Das ist eine existentielle Herausforderung für alle freien Gesellschaften.

Sie haben in den vergangenen Jahren auch das Buch „Der Wahnsinn und die Bombe“ über Nordkorea verfasst. Darin berichteten Sie auch von gefährlichen Situationen bei Ihrer Arbeit als Reporter des ZDF. Haben Sie vergleichbare Situationen in China erlebt?

Berichterstattung über kritische Themen war für uns immer mit Gefahren verbunden. Nicht nur für uns, sondern zuallererst für unsere chinesischen Gesprächspartner. Die wurden oft vorab schon so unter Druck gesetzt, dass sie Interviews absagten, oder sie wurden verhaftet. Es kam vor, dass wir bei Drehs festgehalten wurden, dass Schlägertrupps von Staatskonzernen uns bedrohten und verlangten, dass wir unliebsames Drehmaterial löschten. Chinas Polizei war da meist Komplize, statt uns vor Angriffen zu schützen. Das alles stand immer in einem krassen Gegensatz zu den offiziellen Versprechungen Pekings, das internationalen Korrespondenten eine freie Berichterstattung zusichert.

Sind Sie einverstanden mit der Politik der Bundesregierung gegenüber China?

Ich finde, dass die Bundesregierung erst langsam dabei ist, einen realistischen Blick und damit auch eine klare Antwort auf dieses neue und aggressive China zu finden. Der Wind dreht sich langsam auch in Berlin, aber in manchen Ministerien und im Kanzleramt herrscht noch immer die alte China-Naivität vor. Also die Vorstellung, dass man durch Wohlverhalten gegenüber China auch weiter gute Geschäfte mit China machen kann. Das halte ich für falsch. Unsere Chinapolitik muss viel europäischer werden, weil nur die EU als Ganzes es auch nur annähernd macht- und wirtschaftspolitisch mit China aufnehmen kann.

Ihre Kinder sind in China aufgewachsen. Gibt es etwas, das sie vermissen?

Oh ja. Unser Jüngster fragt mich öfter, wann wir mal wieder nach China fahren. Und er besteht auf Reisnudelsuppe zum Frühstück. Beide Kinder vermissen ihre chinesischen Freunde, die Abenteuer, die wir in China gemeinsam erlebten, das ruppig-wilde Straßenleben von Peking und die Toleranz der Chinesen gegenüber Kindern.

Und Sie selbst?

Mir geht es genauso. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich an chinesische Reisegruppen heranschleiche, einfach nur, um Chinesisch zu hören. Dieses raue, aufgeregte Durcheinander-Reden. Ich vermisse das Essen, die unverstellte Neugier der Chinesen, ihre Alltagsanarchie und ihren Pragmatismus. Wir sind jetzt Stammkunden in einem großen Asialaden. Das hilft zumindest ein bisschen.

Über Thomas Reichart

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Thomas Reichart

Geboren 1972 im Allgäu, studierte Thomas Reichart Geschichte, Romanistik und Politik in Tübingen, San Diego und Köln. Danach absolvierte er die Berliner Journalistenschule und war Redakteur der ZDF-Sendungen „Kennzeichen D“ und „Frontal 21“ …


Zur Biografie von Thomas Reichart



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