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Herr Reichart, Sie sind nach fünf Jahren als ZDF-Korrespondent in Peking und Ostasien-Studioleiter nach Berlin zurückgekehrt und haben ein Buch geschrieben. Es gibt bereits viele Werke über China. Worauf kam es Ihnen beim Verfassen von „Das Feuer des Drachens“ besonders an?
Mein Ziel war ein Buch zu schreiben, das nicht aus dem Zettelkasten der Statistiken geschrieben ist, sondern den interessierten China-Laien erleben lässt, was diese neue Weltmacht für uns in Deutschland bedeutet. Ich schreibe aus der Perspektive des Heimkehrers, dem hier viel Vertrautes fremd und umgekehrt in China viel Fremdes vertraut ist. Ich glaube, man begreift Chinas Bedeutung für uns und auch seine Bedrohung nicht, wenn man nur Zahlen-Superlative präsentiert. Ich will China zu uns holen, mit dem ganzen Erzählschatz eines Korrespondenten, der in fünf Jahren ganz China und seine Nachbarn bereist hat, und ich versuche das einzuordnen in die großen Trends und Herausforderungen, die durch China auf uns zukommen.
Sie bemühen sich um einen Spagat: Einerseits zeigen Sie in Ihrem Buch die negativen Seiten wie den enormen Leistungsdruck, dem chinesische Bürger ausgesetzt sind oder die Unterdrückung der Menschen in den Provinzen Tibet und Xinjian. Andererseits gehen Sie auf die hervorragenden Kochkünste der Chinesen und ihren ausgeprägten Familiensinn ein. Wenn Sie an China denken – welcher Gedanke, welches Bild schießt Ihnen ganz spontan als erstes in den Kopf?
Ich mag China, und die Zeit dort war mindestens so aufregend wie sie manchmal auch aufreibend war. In einer Sommernacht, wenn ein Gewitter die Luft gewaschen hat, durch Pekings Altstadtviertel, die Hutongs, zu streifen, wo Frauen im Pyjama ihre Hündchen ausführen, vor neonbeleuchteten Läden die Leute auf Bierkisten sitzen und schwatzen, das mag ich sehr. Dann scharfe Nudeln oder ein Grillspieß an einer Ecke, herrlich. Ich finde, man muss unterscheiden zwischen den Menschen und dem Regime. Chinesen bewundere ich, und manchmal verwundern sie mich. Partei und Staat sind etwas ganz anderes, davor sollten wir auf der Hut sein, weil sie die Grundlagen unserer freien Gesellschaft bedrohen.
Wie hat sich Ihr Blick auf China in den fünf Jahren Ihres Aufenthalts dort verändert?
Meine Bewunderung für das Land und die Menschen ist ganz sicher gewachsen. Und natürlich auch für dieses großartige chinesische Essen. Politisch gab es zumindest zu Beginn meiner Zeit noch die Hoffnung, dass China den Weg der Reformen und schrittweisen Öffnung fortsetzen könnte. Darauf kann heute niemand mehr setzen. Das China, das ich als Korrespondent erlebte, wurde von Jahr zu Jahr unduldsamer, hartherziger und brutaler gegenüber allem, was es politisch, kulturell und ethnisch als anders wahrnahm. Da ist mein Blick ernüchtert und, ich fürchte, nicht sehr optimistisch. Ich plädiere in meinem Buch deshalb sehr dafür, dass Politik und Gesellschaft in Deutschland und Europa ihre China-Naivität ablegen müssen. Die Vorstellung durch Handel werde sich China wandeln hat sich als falsch erwiesen. China will umgekehrt, dass die Welt sich wandelt – und zwar nach den Vorstellungen seiner kommunistischen Diktatur.
Hat auch China während Ihres Aufenthalts seinen Charakter verändert? Staatspräsident Xi Jiping, der politisch andere Wege als seine Vorgänger eingeschlagen hat, stand ja bereits vor Ihrem Einsatz an der Spitze …
Das stimmt, aber es dauerte eine Weile, bis sich zeigte, wie groß der Einschnitt durch Xi für China und die Welt tatsächlich ist. Xi sorgte dafür, dass die Partei ihn zum Herrscher auf Lebenszeit machte. Er steht im Inneren für eine ideologische Rückwärtsrolle und den Aufbau einer digitalen Überwachungsdiktatur, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Im Äußeren bricht Xi mit Chinas traditioneller Zurückhaltung. Er verfolgt eine aggressive Politik, die Chinas Macht und Einfluss auch auf Kosten anderer wie zum Beispiel entlang der sogenannten Neuen Seidenstraße oder unter Bruch des Völkerrechts wie im südchinesischen Meer durchsetzen will.
In Ihrem Vorwort gehen Sie auch auf Chinas Umgang mit der Corona-Pandemie um. Glauben Sie den Zahlen, die besagen, in China sei die Pandemie ausgestanden?
Natürlich weiß ich, dass man diesen Zahlen immer misstrauen muss. Besonders an den Zahlen der Covid19-Toten in Wuhan, dort wo die Seuche ausbrach und fatalerweise lange verheimlicht wurde, gibt es erhebliche Zweifel. Aber auch in einer Diktatur wie China lassen sich grundlegende Entwicklungen nicht völlig auf den Kopf stellen. China scheint die Pandemie im Moment zumindest tatsächlich im Griff zu haben. Aber eben nicht nur China, sondern das gilt auch für demokratische Staaten in Asien wie Südkorea, Japan oder Taiwan. Erfolgreiche Pandemiebekämpfung ist kein Markenzeichen einer kommunistischen Diktatur, wie Peking das der Welt jetzt glauben machen will. Asien hat schmerzhaft von früheren Pandemien wie Sars oder Mers gelernt. Es ist eher unser Versagen in Europa und auch unsere kulturelle Arroganz gegenüber Asien, dass wir davon so schrecklich wenig lernen wollten.
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