Ava Reed Alles. Nichts. Und ganz viel dazwisch | BUCHSZENE

Eines Tages wird es Leni klar: Sie hat Depressionen. Da lernt sie Matti kennen, der keinen Schmerz fühlt. Ava Reeds „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ erzählt von zweien, die einander helfen.

Ava Reeds „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ ist ein sehr gelungener Roman über Depression

10. April 2019 | Von Frau Bluhm

Titelbild Alles.Nichts.Und ganz viel dazwischen

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Frau Bluhm liest „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“: 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


In ihrem letzten Schuljahr passiert etwas Seltsames mit Leni

Eigentlich müsste es eine aufregende Zeit für Leni sein: Es ist der erste Schultag ihres letzten Jahres vor dem Abitur. Eine Zeit vieler neuer Erfahrungen und Möglichkeiten, doch natürlich auch voller Wehmut und geprägt von ein wenig Zukunftsangst. Da sie schon immer der grüblerische Typ war, denkt sich niemand etwas dabei, dass Leni sich auf einmal intensiv Gedanken über ihr Leben macht. Weder ihre Eltern, noch ihre beste Freundin Emma, und am allerwenigsten Leni selbst.

Plötzlich befallen sie Übelkeit und Panikattacken

Doch was als in der Magengrube grummelnde Sorge beginnt, weitet sich schon kurze Zeit später zu echten Angstzuständen aus. Die sonst fröhliche Leni, wird immer öfter von Übelkeit und Panikattacken geplagt, für die es, von außen betrachtet, keine Erklärung gibt. Als die Phasen des Wohlbefindens immer kürzer werden, bittet Leni ihre Eltern um Hilfe. Eine nicht enden wollende Reihe von Arztbesuchen beginnt, doch findet keiner heraus, was Leni wirklich fehlt.

Irgendwann kommt die Diagnose: Leni hat eine Depression

Man rät ihr zu Stressabbau und Meditation, aber Lenis Zustand verschlechtert sich immer weiter. Bald schon ist sie nicht mehr dazu in der Lage, aus dem Haus zu gehen, und selbst die einfachsten Dinge werden zur Qual. Dann irgendwann die Diagnose: Depression. Für Lenis Umfeld ein Schock, für sie selbst ein Umstand, mit dem und an dem sie arbeiten will. Doch auch eine stationäre Therapie bringt nicht das gewünschte Ergebnis.

Leni lernt Matti kennen – er fühlt nichts; sie fühlt zu viel

In der Klinik lernt Leni den gleichaltrigen Matti kennen. Sein Problem: Eine genetisch vererbbare Krankheit, die sämtliche Schmerzrezeptoren lähmt. Lenis Seele fühlt zu viel und Mattis Körper kann nichts fühlen, doch sind es genau diese Unterschiede, die den beiden helfen, sich auf den Weg zu machen, ihre Krankheit zu bekämpfen.

Ava Reed beschreibt die Krankheit mit einfühlsamen Worten

„Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ ist nicht das erste Buch von Ava Reed, das ich lese, aber es ist bestimmt das intensivste und persönlichste. Die Frankfurter Autorin findet in diesem Roman unglaublich einfühlsame und wunderschöne Worte, um eine Krankheit zu beschreiben, die kaum in Worte zu fassen ist. Dass sie eigene Erfahrungen mit diesem Thema gemacht hat, ist auf jeder Seite deutlich zu spüren.

Dieser Roman macht definitiv Mut

In einem persönlichen Vorwort und auch in einem hinter der Geschichte abgedruckten Brief an ihre Leser*innen öffnet sich die Autorin ihren Zuhörern auf bewundernswerte Art und Weise, worin ich als große Möglichkeit sehe, dass jeder, der „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ liest und mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat, ein klein wenig Mut bekommt, sich intensiver mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen.

Es ist absurd, wie mit Depressionskranken umgegangen wird

Obwohl die Geschichte von Leni und Matti rein fiktiv ist, beschreibt Ava Reed dennoch den Kampf gegen eine Volkskrankheit, die leider nie als wirkliche Krankheit wahrgenommen wird. Einem Diabetiker würde man nie vorschlagen, sich mal zusammenzureißen, wenn ihm das Insulin im Blut fehlt, genauso wenig, wie man einem Menschen mit gebrochenem Bein sagen würde, dass bestimmt alles nicht so schlimm ist, wie er es sich ausmalt. Ein Knochenbruch wird mit einem Gips kuriert, der Diabetiker führt sich das Insulin eben künstlich zu. Problem gelöst.

Mir kamen beim Lesen des Öfteren die Tränen

Doch Depressionen können nicht vollständig kontrolliert oder geheilt werden. Diesen Prozess, der damit beginnt, sich auf den Weg zu machen, und überhaupt erst mal zu akzeptieren, dass man krank ist; und dann nach und nach die kleinsten Möglichkeiten zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation zu ergreifen, diesen Prozess schildert Ava Reed durch Lenis Augen so intensiv und anschaulich, dass mir des Öfteren beim Lesen die Tränen kamen.

Nachdenken über die Vergangenheit – Vermissen von Leichtigkeit

Es gibt zahllose Studien über die Entstehung und Weiterentwicklung von Depressionen. Viele depressionskranke Menschen sind in genau dieser Abwärtsspirale gefangen: Nachdenken über die Vergangenheit, das Hinterhertrauern einer Zeit, in der das Leben noch schön war, schwelgen in Erinnerungen, deren Leichtigkeit man nachlässigerweise damals nicht zu schätzen gewusst hat.

Von Lenis Kampf zu lesen ist herzzerreißend und inspirierend

Ava Reed lässt uns in „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ teilhaben an Lenis Gedanken, die sich um genau diese Themen drehen. Und dann geht sie hin und verwandelt Lenis Denkweise, und damit auch die ihrer Leser, und dreht die Spirale um. Von Lenis Kampf zu lesen, der durch eigens geschriebene Tagebucheinträge noch anschaulicher wird, ist für mich gleichermaßen herzzerreißend wie inspirierend. Der Autorin gelingt es, genau das zu vermitteln, was im Umgang mit einem depressiven Menschen das Allerwichtigste ist: Den Fokus auf die Zukunft zu richten und Wege zu finden, im Einklang mit der Krankheit zu leben. Besonders gut gefällt mir dabei, dass sie die negativen Emotionen, das Gefühl der Frustration und die Lähmung, die man dabei empfindet, nicht ausspart, oder weißwäscht. Sie legt Lenis Angehörigen Gedanken und Worte in den Mund, die jederzeit authentisch und realistisch sind.

Und tappt Ava Reed am Ende in die Kitschfalle?

Man könnte sagen, Ava Reed macht einfach alles richtig mit ihrem Text, denn auch die Kitschfalle umschifft sie erfolgreich. Ich hasse nichts mehr, als ein Buch über seelische Krankheit zu lesen, das am Ende ein schwulstiges Happy End hat. Leni und Matti bekommen vielleicht kein schwulstiges, aber doch ein glückliches Ende. Eines, das ihnen erlaubt, sich so zu akzeptieren wie sie sind, und ihre Krankheit als lebenslange Verantwortung wahrzunehmen. Leni, die nach eigener Aussage früher einmal „Alles“ hatte, um dann durch ihre Krankheit mit „Nichts“ dazustehen, lernt durch Matti, dass es eben noch ganz viel gibt, das zwischen diesen beiden Polen liegt.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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