Leif Randt: Allegro Pastell. Bestseller-Check | BUCHSZENE

Wenn die Berliner Schriftstellerin Tanja und der Webdesigner Jerome einander lieben, ist jedes Detail wichtig. Virtuos erzählt Leif Randt in „Allegro Pastell“ von einer Generation, die sich selbst zerlegt.

Mit seinem Roman „Allegro Pastell“ präsentiert sich Leif Randt als präziser Beobachter

12. Mai 2020 | Jörg Steinleitner

Leif Randt

Allegro Pastell

ISBN 978-3-4-6205358-6

280 Seiten | € 22,00

Kiepenheuer & Witsch
Bestseller-Button Belletristik

Romantik (4/5)

Komik (2/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (4/5)

Titelbild Allegro Pastel

©pathdoc shutterstock-ID 342345002

Tanja und Jerome führen eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Frankfurt

Wer wissen will, wie die urbane Generation 30plus lebt, fühlt, denkt und liebt, muss Leif Randts Roman „Allegro Pastell“ lesen. Seine beiden Hauptfiguren Jerome Daimler und Tanja Arnheim führen eine Fernbeziehung. Der vierunddreißigjährige Jerome ist Webdesigner und lebt nahe Frankfurt in dem Bungalow, den er von seinen Eltern geerbt habt. Tanja ist neunundzwanzig und seit ihrem Roman „PanoptikumNeu“ eine gefeierte Schriftstellerin. Sie wohnt in Berlin.

Leif Randt erzählt von der Liebe zweier gebildeter, junger Menschen

„Allegro Pastell“ ist eine Art Liebesroman. Jedenfalls erzählt Leif Randt den Alltag von Jerome und Tanja. Das Erstaunliche dabei ist, dass in diesem Alltag genau genommen nichts Weltbewegendes passiert, außer küssen, essen, reden und miteinander schlafen. Dennoch ist die Geschichte keine Sekunde langweilig. Wir befinden uns in einem Deutschland vor der Corona-Zeit. Gebildete und gut verdienende junge Menschen wie Tanja und Jerome haben keine ernsthaften Sorgen. Ihre Verpflichtungen beschränken sich darauf, ihren interessanten, weil kreativen Jobs nachzugehen.

Jede alltägliche Handlung wird durch den Gedankenwolf gedreht

Diese komfortable Situation führt dazu, dass ihnen viel Zeit bleibt, sich intensiv mit dem Nachdenken über sich und die Welt zu beschäftigen. Tanja zum Beispiel hat analysiert, dass es sinnvoll ist, jährlich mindestens eine Fernreise zu machen: „Ihre Meinung war, dass viele Menschen ihr Potenzial verschenkten, weil sie ihren eigenen Kosmos zu selten verließen.“ Wer anderer würde eventuell aus Reiselust oder wegen der Freude an fremden Ländern und Kulturen reisen. Doch Tanjas Reisen ist ein Reisen zur Selbstoptimierung. Es geht ums persönliche Potential.

„Allegro Pastell“ ist ein skrupelloser Roman über Selbstbespiegelung

Obwohl also in Leif Randts Roman rein gar nichts Dramatisches passiert, ist er doch unterhaltsam. Woran liegt das? Der Autor von „Allegro Pastell“ stellt die permanente Selbstbespiegelung dieses Paars, seine Verkopftheit bis in die banalsten Dinge des Lebens hinein mit skrupelloser Brillanz dar. Jede Handlung, und sei sie noch so alltäglich, basiert auf Gedankenarbeit und ist wohlbegründet. Dies zu lesen kann schmerzen. Oder aber faszinieren, weil man annehmen darf, dass das reale Milieu, in dem wir Jerome und Tanja verorten, genau so tickt.

Ein anderer würde beim Küssen ans Küssen denken, nicht so Jerome

Das denkt Jerome beim Küssen in der U-Bahn: „Er merkte, dass er nicht die volle Kontrolle über seine Mimik hatte, und das empfand er als gutes Zeichen. Jerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unerträglich finden würde, könnte er sich hier in der U4 von außen sehen – das war typisch für den neuen Jerome, der mittlerweile spielerisch unterschied zwischen einer inneren Persönlichkeit, die nur er selbst kennen konnte, und einer äußeren Persönlichkeit, die sich aus den Zuschreibungen der Umwelt zusammensetzte.“

Mit seinem Schluss stellt Leif Randt Tanjas Liebeskonzept in Frage

Alle Figuren in diesem Roman sehen sich von außen und von innen und kreisen in einem dauernden Nachdenken um sich selbst. Sogar der Verlust der Kontrolle über das eigene Ich wird zu einem am Ende doch wieder kontrollierten Vorgang. Auch die Liebe muss sich dem Diktat des Intellekts unterwerfen. Und so passiert, was passieren muss: Ausgestattet mit der Freiheit, auch mit anderen Männern schlafen zu dürfen, macht Tanja die Bekanntschaft von Janis – und Jerome macht die von Marlene. Das muss kein Problem sein, denn schließlich vertrauen Jerome und Tanja einander. Zudem wissen beide, dass miteinander Sex haben und einander lieben zwei grundverschiedene Dinge sind. Doch dann geschieht etwas zutiefst Natürliches, mit dem beide nicht gerechnet haben. Und der überraschende Schluss von Leif Randts durch und durch gelungenem Roman stellt den Lebensstil eines ganzen, deutschen Milieus in Frage.

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