Krimiautoren schaffen Charaktere, die grausam und gemein sind. Kann man daraus auf ihre Psyche schließen? Ex-Kripo-Mann Dieter Aurass, Autor von „Zwang zu töten“, über menschliche Macken und sein neues Werk.

Dieter Aurass rätselt im Werkstatt-Bericht über abartige Fantasien von Krimiautoren

1. November 2021 | Syndikat

Titelbild Zwang zu Töten

Ich habe eine kleine Macke – man könnte es eine Zwangsstörung nennen

Ich habe eine kleine Macke! Man könnte es fast eine Zwangsstörung nennen, na ja, eben nur fast. DER ZWANG ZU TÖTEN … nein, halt, das ist nicht meine Macke, aber mein Buch mit diesem Titel ist eben daraus entstanden, dass ich eine andere kleine Macke habe, die mich nervt, schon ein Leben lang begleitet, aber einfach nicht aus mir herauszukriegen ist.

Niemand ist so wie er ist, weil er so sein will

Mein Zwang, der wirklich niemanden außer mich selbst stört, ist es, Treppenstufen beim Hinauf- oder Hinabgehen zu zählen. Er hat dazu geführt, dass ich mich schon mein Leben lang für Psychologie, die Macht des Unterbewusstseins und für psychologische Hintergründe interessiert habe. Niemand ist so wie er ist, weil er so sein will … etwas in seiner Vergangenheit hat ihn so gemacht! Das sagte zumindest Siegmund Freud und ich dachte immer: Na, der muss es ja wissen, oder?

Wir Krimiautoren schaffen grausame, abartige Charaktere

Aber das ist doch genau das, was uns Krimiautoren immer so beschäftigt. Wir schaffen Charaktere, die grausam, abartig, brutal, gemein und noch viele andere schlimme Dinge sind. Ich habe mich allerdings immer gefragt, was sie wohl so hat werden lassen und habe nicht immer die Antwort auf diese interessanteste aller Fragen gefunden.

Ich arbeitete über 40 Jahre als Kriminalbeamter

In meinem über 40 Jahre währenden Berufsleben als Kriminalbeamter habe ich sehr viele … sehr, sehr seltsame Menschen kennengelernt und viel über Motive, Motivationen, Auslöser und ungewöhnliche Lebensgeschichten erfahren müssen … oder dürfen. Also lag nichts näher, als diese Erfahrungen in meinen Büchern zu verarbeiten. Und als nun die Fortsetzung eines Romans anstand, hatte ich, als ich wieder mal die 17 Treppenstufen vom Hauseingang ins erste Obergeschoss unseres Hauses erklommen hatte, auf einmal den Gedanken, meine Macke in einem Buch zu thematisieren … und natürlich auch noch viele andere und wesentlich schlimmere Zwangsstörungen.

Wenn jemand einen in seinen Augen „Bekloppten“ tötet …

Was machen Zwangsstörungen wie Zählzwang, Waschzwang, Kontrollzwang, Sammelzwang und die unzähligen anderen Arten psychischer Erkrankungen mit den betroffenen Menschen? Und wie reagieren die Personen in ihrem Umfeld auf die an diesen Krankheiten leidenden Menschen? Oft werden Sie belächelt, manchmal leider sogar offen ausgelacht, aber sie gehen vielen auch auf die Nerven und werden als lästig und störend empfunden. Kann es dann nicht vielleicht sogar so weit gehen, dass ein selbst geistig nicht wirklich gesunder Mensch sich gezwungen sieht, diese in seinen Augen „Bekloppten“ zu töten? Und wenn ja, warum genau? Es sind solche Fragen, die den Ausgangspunkt für Geschichten darstellen und wir Autorinnen und Autoren wissen, wozu das führt.

Wie oft hat sie ihm schon den Tod an den Hals gewünscht?

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich nach einem „Sex on the beach“ (nein, ich hatte nicht gerade Sex am Strand – das ist ein Cocktail) in der Bar des Kreuzfahrtschiffes, auf dem ich heute eine Lesung hatte. Ich sehe Pärchen zur Musik von Helene Fischer und Elvis Presley tanzen … und kann mich nicht dagegen wehren, mich immer wieder zu fragen: Welche Macke hat der da wohl? Ist die da ihrem Mann treu, der sieht doch so viel älter aus? Wie lange sind die beiden wohl verheiratet und wie oft hat sie ihm schon den Tod an den Hals gewünscht?

Bin ich krank, weil ich mir solche Dinge ausdenke?

Bin ich krank, weil ich solche Gedanken habe oder ist das das schwere Los von Menschen mit einer überbürdenden Fantasie? Ich weiß es nicht, aber vielleicht meldet sich ja bald nach dem Lesen dieser Zeilen ein netter Psychotherapeut bei mir und bietet mir aus lauter Mitleid eine kostenlose Behandlung an. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich das überhaupt will, … aber ich würde mich über das Angebot schon irgendwie freuen.

Davon handelt Dieter Aurass‘ Krimi „Zwang zu töten“:

Im ansonsten eher ruhigen Koblenz am Rhein wird ein Mann an den Füßen aufgehängt und vollständig ausgeblutet aufgefunden. Ein skurriler Einzelfall? Die Mordkommission um Hauptkommissar Auer ermittelt. Als eine weitere Leiche entdeckt wird, offenbart sich eine Gemeinsamkeit: Beide Opfer litten an einer Zwangsstörung und waren bei demselben Psychotherapeuten in Behandlung. Droht weiteren Patienten Gefahr? Wer bringt diese Leidensgenossen um und … warum? Die dritte Leiche bestätigt den Verdacht, dass es tatsächlich jemand auf die Mitglieder einer Gesprächstherapie-Gruppe abgesehen hat. Der Fall entwickelt sich zu einem Albtraum für Auer, da er bei den Ermittlungen mit der Erinnerung an ein traumatisches Ereignis aus seiner Vergangenheit konfrontiert wird.


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