
Frau Förg, „Zornige Söhne“ ist ein Krimi-Jubiläum: Es ist der 15. Fall für Irmi Mangold, was ist das Erfolgsgeheimnis?
Ja, es sind wirklich schon 15 Bücher! Eigentlich schier unglaublich und ich bin sehr glücklich – und demütig –, dass eine Serie auf einem so hohen Niveau so lange laufen darf. Beliebte Serien brauchen meiner Ansicht nach zwei Dinge: Hauptfiguren, die authentisch sind, die sich entwickeln und mit deren Freuden und Sorgen man mitfühlen will. Und zum anderen brauchen sie mit jedem Buch eine Story, die neue und spannende Facetten zeigt. Es ist ja fad, dasselbe Buch mehr oder minder fünfzehnmal zu schreiben. Vor allem aber fad, es fünfzehnmal zu lesen und die Leser*innen spüren Authentizität und Passion in den Geschichten sehr wohl.
Wissen Sie noch, worauf es Ihnen damals, beim ersten Irmi-Krimi bei der Konzeption dieser Figur ankam?
Als Irmi 2009 auf die kriminalistische Bühne trat, war mir auf jeden Fall wichtig, dass sie eine Frau ist, die anders wie in vielen TV-Formaten weder drogenabhängig, noch alkoholsüchtig oder sonstwie psycho ist. Sie stammt auch nicht aus dem Ausland oder dem Norden Deutschlands und stolpert ergo dauernd platt in dumme Situationen, weil sie die Mentalität und den Humor der neuen Heimat nicht versteht. Irmi kennt „ihre“ Werdenfelser durchaus, auch wenn man aus der Gegend stammt, darf man kritisch denken können, denn ich wollte auch wirklich keine Klamauk-Ermittlerin erschaffen! Irmi ist eine Frau, die im Kern optimistisch ist, klar und bodenständig, auch mitfühlend, aber auch sie hadert mal mit dem Leben. Mit ihrem mundfaulen Bruder, ihrer Kollegin, die wie eine Gewitterfront auftritt, mit tragischen menschlichen Schicksalen in ihren Fällen und sie hadert auch mal wie viele Frauen mit ihrem Gewicht, ihrem Aussehen und ihrer Art zu ermitteln. Echte Menschen haben Zweifel …
Hat sich die Irmi im Laufe der Jahre verändert?
Natürlich, Irmi wurde 15 Jahre älter! Sie hat mit 50 begonnen, nun ist sie 65. Sie weiß – denn sie ist Pragmatikerin –, dass das Hausbankerl auf einer Seite immer kürzer wird. Und natürlich blickt man da auf das eigene Älterwerden und mehr auf den Zustand der Welt! Mit 25 liegt dir die Welt zu Füßen, alles ist möglich, mit 65 ist vieles eben nicht mehr möglich. Und sie muss über ihre Pensionierung nachdenken, auch darüber, was sie dann tun wird. Sie ist ja nicht der Typ, der sein Heil bisher in Reisen oder Yoga Retreats fand, sie kocht ungern und macht keinen Sport. Da ist die Rente ein Stück weit auch bedrohlich, wenn der Job so lange Jahre das Leben regiert hat. Privat hatte sie ja lange eine Beziehung auf Distanz mit einem verheirateten Mann geführt, ist jetzt aber seit einigen Jahren mit dem Spurensicherer Fridtjof Hase verbandelt. Ein intellektueller Typ, eine Art wandelndes Lexikon, ein Mann, der auch ab und zu die Frage aufwirft, ob sie als Landei ihm überhaupt gerecht wird. Auch ohne zusammen zu wohnen, ist er dennoch ihr Hafen; und was ihrem Leben auch eine neue Basis der Zuneigung gibt, ist die Tatsache, dass ihre Freundin Louise, eine kernige Niederbayerin, auf Irmis Hof eingezogen ist. Louise nennt das Alte-Mädels-WG.
In „Zornige Söhne“ geht es nicht um Umweltschutz oder Tierthemen – wie oft in Ihren Büchern. Der Roman hat aber eine brandaktuelle gesellschaftspolitische Dimension.
In der Tat. Zu Beginn wird ein junger Mann in einem Garten am Staffelsee erschossen. Wurde er Opfer einer Diebesbande, die knappe Baustoffe stiehlt? In der Mordnacht hielt er nämlich auf der Baustelle seiner Tante Wache. Weil er aber das Hoody der Mutter trug, gibt es die Spekulation, der Schuss könnte womöglich seiner Mutter gegolten haben, einer engagierten Lehrerin.
Und diese Lehrerin gerät ins Kreuzfeuer?
Ja, denn leider ist das heute gang und gäbe, dass Lehrer keine Respektspersonen mehr sind. Sie erhalten per E-Mail oder WhatsApp auch offene Drohungen von Eltern, wenn die Bewertungen der Kinder nicht nach Wunsch ausfallen. Ich hatte während der Recherche Kontakt zu einigen Lehrer*innen und ich war nahe dran, komplett vom Glauben abzufallen, was da geschrieben wird. Mal abgesehen von der Orthografie und einer markanten das-dass-Schwäche, ist es schier unglaublich, was da für Mails eintreffen, mit welcher Chuzpe man Lehrer*innen attackiert, offen bedroht und Forderungen stellt. Hausaufgaben werden mit elterlicher Erlaubnis nicht gemacht, weil Mama den Sinn nicht sieht. Kinder sollen drei Tage vor den Ferien beurlaubt werden, weil man doch bis Argentinien fliegen muss. Schule als Wunschkonzert, die zudem auch noch erziehen soll, weil das die Eltern daheim komplett ablehnen.
Was ist für Sie – im Hinblick auf solche Auseinandersetzungen – das Besondere an der Diskussionskultur der heutigen Zeit?
Wenn es nur eine gäbe! Diskussionen heute sind sehr schnell polemisch und überemotional. Ganz schlimm wird es natürlich, wenn man anonym oder durch krude Nicknames geschützt, Verbalinjurien ganz weit unter der Gürtellinie auf Social Media platziert. Ich vermisse diejenigen mehr und mehr, die den Arsch in der Hose haben ihre Meinung sauber zu vertreten. Aber statt auf Argumente zu setzen, setzt man auf Lautstärke. Früher gab es eine These, eine Antithese, man hat fundiert argumentiert, fand am Ende eine Synthese oder behielt die eigene Meinung bei, aber doch mit Respekt vor Andersdenkenden. Ich finde es in heutigen Auseinandersetzungen beklemmend und es macht mir Angst, dass niemand mehr Quellen für sein Behauptungen angeben kann oder seine vermeidlichen Quellen zumindest überprüft. Und da stehen noch reale Schreiber dahinter, aber es kursieren auch schon absurde KI generierte Traktate, deren Wahrheitsgehalt erst recht nicht überprüfbar ist. Aber man wirft das völlig unreflektiert in den Ring. Wo ist das Hirn hin? Wo die Empathie verschütt? Wo der Respekt geblieben?
In Ihrem Krimi findet ein fiktives, hoch brisanter YouTube-Battle zwischen dem Toten und seinem Vater statt. Ein Mordmotiv?
Durchaus: Irmi spekuliert, dass der wütende verbale Schlagabtausch im Internet zwischen dem Toten und seinem Vater in der realen Welt eskaliert sein könnte. Sie befürchtet, dass es mehr ist als „nur“ ein YouTube-Battle. Beide Männer schenken sich nichts, da ist neben Sprach-Esprit sehr viel Hass. Und auch die Follower versprühen Hass. Irmi wäre aber nicht jene Irmi, die so gut hinhören und hinfühlen kann, wenn sie nicht spürte, dass die Motive noch anderswo liegen: in der komplizierten Vergangenheit der Familie, einem dichten Geflecht von Schuld und Verantwortung, Liebe und Verlust, Arroganz und Eitelkeit.
Für den Chat bitte einloggen