Eva-Maria Bast Wolkenjahre Frau Bluhms Kritik | BUCHSZENE

Frau Bluhm über Eva-Maria Basts „Wolkenjahre“ – den vierten Teil der Jahrhundert-Saga

Titelbild Wolkenjahre - Eva-Maria Bast

shutterstock @ Kichigin Bild-ID: 266718110

10. April 2018 | Frau Bluhm


Vom Stasi-Spitzel über Wolfskinder bis hin zu Soldaten mit posttraumatischer Angststörung. Frau Bluhm liest „Wolkenjahre“ und äußert nicht nur an der unübersichtlichen Zahl an Protagonisten Kritik.


Frau Bluhm liest „Wolkenjahre“: 2 von 5 Blu(h)men


Zu viele Charaktere, die dadurch zwangsläufig oberflächlich bleiben

Weniger ist mehr. Das ist das erste was mir einfiel, nachdem ich „Wolkenjahre“ aus der Hand legte. Das Buch ist auf 380 Seiten in 86 einzelne Kapitel unterteilt, deren Handlungen sich über 64 Jahre erstrecken und von unfassbaren 22 Protagonisten bestritten werden, die auf 3 verschiedenen Kontinenten agieren. Die Kapitel sind dabei zwangsläufig kurz und springen von Protagonist zu Protagonist. Selbstredend bleibt dabei kaum Zeit in die Tiefe zu gehen und so bleiben alle Charaktere dieses Buches oberflächlich und nichtssagend.

Das Thema des Romans „Wolkenjahre“ ist interessant und wichtig

Schade eigentlich, denn das Thema, welches sich Eva-Maria Bast für ihr Familienepos gewählt hat, könnte interessanter nicht sein: Den Ursprung nimmt dieser Roman in der Zeit des ersten Weltkrieges. „Wolkenjahre“ ist dabei das vierte Buch ihrer Reihe, und bezieht sich auf die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 60er. Außerdem eingebaut: Eine Gegenwartsebene von 2014 – Nachfahren der im Buch vorkommenden Personen treffen sich wegen eines bei Ebay ersteigerten Tagebuchs, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Wie gesagt: Von der Idee her nicht schlecht, doch an der Umsetzung hat sich die Autorin meiner Meinung nach einen Bruch gehoben.

Für eine Entwicklung der Figuren bleibt zu wenig Raum

Wie oben schon erwähnt: die vielen Protagonisten. Vom Stasi-Spitzel über Wolfskinder bis hin zu Soldaten mit posttraumatischer Angststörung und Apartheid-Opfern … alle sind sie vertreten. Dabei sind alle Charaktere vom Prinzip her gut angelegt, alle bringen ihre eigene Geschichte und ihre eigene Biographie mit, nur hat wegen ihrer Vielzahl der einzelne keine Chance im Gedächtnis hängen zu bleiben. Zwangsläufig laufen einem da als Autorin die Seiten nur so davon, für eine persönliche Entwicklung der Figuren bleibt da einfach kein Platz. Das ist ein Jammer, denn die Ideen von Eva-Maria Bast sind gut. Gerade die Zeit des Mauerbaus hat sie sehr schön verdeutlicht.

Die Dialoge sind sprachlich nicht authentisch

Ein weiterer Minuspunkt ist die sprachliche Verarbeitung. Dialoge, die Eva-Maria Bast ihren Protagonisten in den Mund legt, erscheinen manchmal wie Szenen aus dem viktorianischen England, dann wieder wie Gesprächsfetzen, die genauso gut auf dem College-Campus gehört werden könnten. Das macht die Zeitzone, in der sie ihr Buch ansetzt, alles andere als authentisch.

Das Flüchtlingspolitik nicht erst ein Thema der Neuzeit ist, wird gut deutlich

Beim Lesen merkt man, dass sich hier viel mit dem Thema Politik und der nachhaltigen Auswirkung auf die Zukunft eines Landes beschäftigt wurde. Ganz klar zu erlesen, was mir als Leserin von der Autorin nahegebracht werden sollte: Wir Deutschen sind in unserer Kultur und Politik ganz eindeutig noch geprägt von Umständen, die in unserer Vergangenheit stattgefunden haben. Außerhalb von Fußballweltmeisterschaften und dem Grand Prix ist es mit dem Nationalstolz nicht weit her. Eva-Maria Bast erläutert diese Nachwirkungen des Traumas einer ganzen Nation in ihrem Buch sehr schön. Beim Lesen wurde mir mal wieder ins Gedächtnis geholt, dass „Flüchtlingspolitik“ nicht erst ein Thema der Neuzeit ist, sondern eine Sache, mit der sich Deutschland seit mehr als hundert Jahren auseinandersetzt. Das hat die Autorin schön gelöst.

Als Anstoß, sich einem geschichtlichen Thema zu widmen, gut geeignet

Mein Fazit: „Wolkenjahre“ ist zweifellos ein Buch zu einem wichtigen Thema. Wer sich für die Geschichte Deutschlands interessiert, ist hier für die ersten Schwimmversuche gut aufgehoben. So kann „Wolkenjahre“ ein gutes Sprungbrett dafür sein, in einen der vielen geschichtlichen Abschnitte einzutauchen und sich selbst vertiefende Informationen über eine immens wichtige Epoche anzueignen.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Mehr zur Rubrik
Für seinen Thriller „Helix“ hat Marc Elsberg intensiv über Gentechnik und Killerviren recherchiert
Titelbild Helix

Frau Bluhm liest Slider posts Thriller | 17. Juli 2019 | Frau Bluhm

Ein US-Außenminister, der von einem Killervirus niedergestreckt wird. Ein Ehepaar, das sich Kinder wünscht. Und Ziegen, die an ein Wunder grenzen. Frau Bluhm liest Marc Elsbergs „Helix“ und übt Kritik.

Thomas Harris‘ „Cari Mora” erzählt von einem Killer-Monster namens „das Reptil“
Titelbild Cari Mora

Frau Bluhm liest | 3. Juli 2019 | Frau Bluhm

Er ist ein Killer, er liebt die Schreie der Frauen. Er ist haarlos und wie ein Reptil liebt er die Wärme. Doch eines Tages gerät er an die Falsche. Frau Bluhm liest Thomas Harris‘ Thriller „Cari Mora“.

Andreas Winkelmanns Thriller „Die Lieferung“ spielt mit einem unheimlichen Geister-Mythos
Die Lieferung

Bücher gewinnen Frau Bluhm liest Gewinnspiel-Highlights | 28. Juni 2019 | Frau Bluhm

Eine Jägerin im Wald. Eine geisterhafte Erscheinung. Und ein Pizzakarton in der Küche. In Andreas Winkelmanns Thriller „Die Lieferung“ hetzt ein Täter Frauen. Frau Bluhm ist von dem Roman begeistert.

Simon Becketts „Die ewigen Toten” ist der sechste Band der Serie um den Anthropologen David Hunter
Titelbild Die ewigen Toten

Frau Bluhm liest | 19. Juni 2019 | Frau Bluhm

Ein Krankenhaus soll abgerissen werden. Doch dann finden sich überall in der modrigen Ruine eingemauerte Leichen. In „Die ewigen Toten“ schickt Simon Beckett seinen Helden David Hunter durch die Hölle.