Christian Linker über Dschihad Calling Interview | BUCHSZENE

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Christian Linker im Interview über seine Jugendbücher „Dschihad Calling“ und „Der Schuss“

Christian Linker

Foto © Barbara Dünkelmann

10. April 2018 | Interview: Tina Rausch | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Für „Dschihad Calling“ studierte Christian Linker Propaganda-Videos. Wegen „Der Schuss“, in dem es um Rechtspopulismus geht, wird gegen ihn gehetzt. Ein Interview über Teens, Extremismus und Rebellion.


Herr Linker, stimmt es, dass Sie mit keinem Ihrer Jugendbücher in so viele Schulen eingeladen wurden wie mit „Dschihad Calling“?

Ja, vielleicht liegt es daran, dass das Buch richtig wehtut. Die Figuren und ihr Handeln entziehen sich dem rein rationalen Verstehenwollen. Aber als Leserin und Leser können wir uns diesen Dingen auch emotional nähern. Ich glaub, das hat viele angesprochen. Literatur ermöglicht da einfach einen anderen Zugang als der „normale“ Schulunterricht.

Für „Dschihad Calling“ haben Sie sich hunderte Propaganda-Videos angesehen, durch Blogs und Tutorials gelesen und mit Personen gechattet, die mit dem sogenannten Islamischen Staat sympathisieren. Wie sind Sie für „Der Schuss“ vorgegangen? Die Deutsche Alternative Partei erinnert ja an die AfD …

Richtig – und deren Aushängeschilder sitzen in jeder Talkshow, kriegen jede Schlagzeile, auf die sie es abgesehen haben; und ihr Anhang flutet das Internet mit seinen verqueren Ängsten und seinem Hass. Da war die Recherche leider leicht. Die Herausforderung lag eher woanders. Bei „Dschihad Calling“ war ich nicht persönlich betroffen – ich bin kein Muslim, es ist nicht meine Religion, die missbraucht wird, ich konnte aus einer gewissen Distanz heraus schreiben. Diesmal hingegen bin ich mittendrin im Thema. So wie alle Autorinnen und Autoren, ja der ganze Kulturbetrieb: Die Rechten kapern Wörter und Begriffe, sie wollen unsere Kultur verengen, einhegen, spalten. Dieser Angriff auf die Kultur, insbesondere auf die Sprache, fordert uns alle heraus, finde ich.

Apropos Herausforderung: Aus Salafistenkreisen gab es meines Wissens keine Reaktionen auf Ihr Buch …

Nein, und ich bin auch nicht unbedingt scharf drauf. Diesmal ist das wohl anders. Auf einer einschlägigen Website wird schon gegen „Der Schuss“ gehetzt. Was ich in diesem Fall durchaus als Lob empfinde!

Wobei der AfD doch ähnlich wie den Salafisten jede Form von öffentlicher Wahrnehmung recht ist.

Stimmt, das ist fast identisch. Rechter und religiöser Extremismus ähneln sich ja eh sehr stark – etwa was das Frauenbild betrifft oder den Umgang mit Homosexualität, generell die mangelnde Fähigkeit, Pluralismus auszuhalten und eben auch die Art der Kommunikation. Es gibt da diese Sehnsucht in allen Menschen nach Aufmerksamkeit, nach Gesehenwerden, nach Resonanz. Und manche versuchen es halt damit, dass sie auf Facebook mit Rassismus provozieren.

Die Idee zu „Dschihad Calling“ hatten Sie vor über zehn Jahren, ausgelöst von der sogenannten Sauerland-Gruppe, die der Islamischen Jihad-Union angehörte. „Der Schuss“ knüpft an Ihren ersten Jugendroman „Das Heldenprojekt“ von 2005 an. Warum war jetzt der Moment für dieses Buch?

Bücher sind wie Babys. Sofern man keinen Kaiserschnitt macht, bestimmen sie selbst, wann sie kommen. Ich weiß, das klingt spooky, aber so empfinde ich es. Es gibt da natürlich die Hebammen – meine Agentin, meine Lektorin, die auf ihre Weise nachhelfen. In diesem Fall kam das Baby eher plötzlich; und ich bin echt stolz auf meinen Verlag, weil wir dieses Buch total spontan auf den Weg gebracht haben.

Haben Sie jeweils ein Schreibprojekt oder arbeiten Sie an mehreren parallel?

Es gibt meist mehrere Projekte. Wer vom Schreiben leben will und nicht zu den absoluten Topsellern gehört, muss produzieren. Ich mag aber auch die Abwechslung. Für „Der Schuss“ hab ich allerdings alles andere sofort liegen lassen, weil es mir einfach wichtig war.

Wobei bei Ihnen schon in einem Buch jede Menge los ist: Sie übernehmen verschiedene Perspektiven – in „Der Schuss“ sind es um die zehn Figuren – und verzichten auf eine klare Wertung. Damit fordern Sie Ihre Leserinnen und Leser heraus, sich eine eigene Meinung zu bilden. Werden Sie bei Lesungen auch nach Ihrer persönlichen Einschätzung gefragt – oder sind die Jugendlichen eher an den Figuren interessiert?

Die Frage kommt fast immer. Das ist ja irgendwie auch der Sinn einer solchen – wie es in Programmen oft genannt wird: „Autorenbegegnung“. Dass da echte Menschen aus Fleisch und Blut stehen, mit denen man diskutieren kann. Manchmal auch richtig kontrovers.

Ich stelle mir vor, dass es mitunter zu Missverständnissen kommt. So denkt Tatjana in „Der Schuss“, dass Zeitunglesen „Schwachsinn“ ist, weil „doch da nur Lügen drin stehen. Presse, Radio, Fernsehen, die sind ja alle von der Regierung gesteuert. Gott sei Dank gibt es Facebook.“ Solche Passagen bleiben erst mal unkommentiert …

Oh, ja. Tatsächlich bin ich mal von einer Gruppe Jugendlicher hart angegangen worden wegen einiger Aussagen in der Figurenrede bei „Dschihad Calling“. Okay, das waren Jungs, in deren Welt normalerweise keine Bücher vorkommen, und denen es zunächst überhaupt nicht einleuchtete, wieso Autor und Erzähler und Figur nicht einfach identisch sind. Puh, das war eine krasse Diskussion, aber am Ende haben wir zusammen gelacht. Ich hab eine Menge dabei gelernt. Die Jungs hoffentlich auch.

Die beiden Jungs in Ihren Romanen sind eher orientierungslos, bestenfalls Suchende, während die ihnen zur Seite stehenden Mädchen zielstrebig und zupackend sind. Zufall?

Das täuscht, die Mädchen suchen genauso. Sie hadern und zweifeln ja auch zwischendurch. Vielleicht wirkt das bloß anders, weil sie konsequenter sind. Und ehrlicher zu sich selbst, als die Jungs es sind. Fast wie im echten Leben.

Also Jakobs Freundin Liz wirkt schon sehr klar: Sie „stellte nie irgendwas infrage, schien keinerlei Zweifel an sich selbst oder dem Leben oder dem Universum zu haben“. Jakob ist anders – und glaubt im Islam zu finden, was ihm fehlt. Welche Möglichkeiten haben Jugendliche heutzutage, ihre Identität zu bilden und Sinnhaftigkeit zu finden?

Dieselben wie vor hundert Jahren. Klar stehen heute mehr Lebensentwürfe zur Auswahl als früher, es gibt tausendmal mehr Möglichkeiten, sich zu informieren. Aber am Ende zählen doch immer noch Vorbilder: glaubwürdige Erwachsene, aber auch Gleichaltrige, an denen ich mich orientieren oder auch mal reiben kann.

Und wie können sich Jugendliche heute abseits von jeglicher extremistischen Form – sei diese religiös oder politisch – vom Status quo abgrenzen?

Oh, ich fänd‘s vermessen, das als Erwachsener zu beurteilen. Vielen aus meiner Generation ist die sogenannte Jugend von heute zu spießig, zu angepasst. Also Konformität als Rebellion gegen das Anything-goes der Eltern? Nee, keine Ahnung. Ist auch gut so, denn in dem Augenblick, wo wir Erwachsenen es verstehen würden, wär’s ja schon keine Abgrenzung mehr …

Ist das ein zentrales Thema bei Ihren Lesungen?

Es gibt eigentlich kein zentrales Thema. Die Diskussionen gehen in unterschiedlichste Richtungen. Je nach dem, was die Zuhörerinnen und Zuhörer mit meinem Text anfangen können oder auch nicht.

Robin sagt in der „Der Schuss“ von sich selbst, dass er „keinen Bock auf Stress und Druck“ hat und nur seine Ruhe will. Und doch ist er am Ende bereit, Verantwortung zu übernehmen. Richtig, dass das Ihr zentrales Thema ist?

Schon. Irgendwie treibt mich diese Frage um, auch in anderen Büchern. Das sind ja letztlich Coming-of Age-Romane. Die Geschichten laufen darauf hinaus, dass die Figuren eine Haltung entwickeln und eine Entscheidung treffen. Ob diese Entscheidung dann tatsächlich „verantwortlich“ ist – also in einem moralischen Sinne –, sei mal dahingestellt.

Auf Ihrer Website listen Sie die Top-3-Publikumsfragen bei Lesungen: Können Sie davon leben? Woher kriegen Sie die Ideen? Kann ich kurz aufs Klo? – Welche Frage hat Sie bei einer Schullesung zuletzt so richtig überrascht?

Ein Mädchen wollte wissen, welcher andere Autor denn mein größter Feind sei. Weil zum Beispiel Rapper sich ja auch gegenseitig in ihren Songs dissen, meinte sie. Leider wusste ich da spontan keine Antwort, aber die Idee ist eigentlich cool. Also falls zufällig jemand Bock auf Beef mit mir hat … einfach melden!


Christian Linkers „Dschihad Calling“ – der Inhalt in Kürze

Wie kommt es dazu, dass sich Jugendliche radikalisieren? Den 18-jährigen Jakob ziehen erst die Augen eines verschleierten Mädchens in den Bann – und dann die Lebensgemeinschaft der Salafisten, denen Samira und ihr Bruder angehören. Aus Jakob wird Ya’qub. Doch ist er bereit, für seinen neuen Glauben in den Krieg zu ziehen?

Leseprobe zu „Dschihad Calling“

Christian Linkers „Der Schuss“ – der Inhalt in Kürze

Ex-Dealer, Schulabbrecher, auf Bewährung: Robin hat keine Lust auf weiteren Ärger. Plötzlich hält er diesen USB-Stick in Händen. Das Video darauf könnte den smarten Rechtspopulisten Fred Kuschinski in den Knast bringen – anstatt in den Bundestag. Die junge Bloggerin Henry hat sich genau das zum Ziel gesetzt. Dann müsste Robin um sein Leben fürchten …

Leseprobe zu „Der Schuss“

Kurzbiografie Christian Linker
Christian Linker

Geboren 1975, studierte Christian Linker Theologie und arbeitete als Redakteur und Referent in der Jugendbildung.
Zur Biografie von Christian Linker

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Kurzbiografie Christian Linker
Christian Linker

Geboren 1975, studierte Christian Linker Theologie und arbeitete als Redakteur und Referent in der Jugendbildung.
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