Herr Linker, stimmt es, dass Sie mit keinem Ihrer Jugendbücher in so viele Schulen eingeladen wurden wie mit „Dschihad Calling“?
Ja, vielleicht liegt es daran, dass das Buch richtig wehtut. Die Figuren und ihr Handeln entziehen sich dem rein rationalen Verstehenwollen. Aber als Leserin und Leser können wir uns diesen Dingen auch emotional nähern. Ich glaub, das hat viele angesprochen. Literatur ermöglicht da einfach einen anderen Zugang als der „normale“ Schulunterricht.
Für „Dschihad Calling“ haben Sie sich hunderte Propaganda-Videos angesehen, durch Blogs und Tutorials gelesen und mit Personen gechattet, die mit dem sogenannten Islamischen Staat sympathisieren. Wie sind Sie für „Der Schuss“ vorgegangen? Die Deutsche Alternative Partei erinnert ja an die AfD …
Richtig – und deren Aushängeschilder sitzen in jeder Talkshow, kriegen jede Schlagzeile, auf die sie es abgesehen haben; und ihr Anhang flutet das Internet mit seinen verqueren Ängsten und seinem Hass. Da war die Recherche leider leicht. Die Herausforderung lag eher woanders. Bei „Dschihad Calling“ war ich nicht persönlich betroffen – ich bin kein Muslim, es ist nicht meine Religion, die missbraucht wird, ich konnte aus einer gewissen Distanz heraus schreiben. Diesmal hingegen bin ich mittendrin im Thema. So wie alle Autorinnen und Autoren, ja der ganze Kulturbetrieb: Die Rechten kapern Wörter und Begriffe, sie wollen unsere Kultur verengen, einhegen, spalten. Dieser Angriff auf die Kultur, insbesondere auf die Sprache, fordert uns alle heraus, finde ich.
Apropos Herausforderung: Aus Salafistenkreisen gab es meines Wissens keine Reaktionen auf Ihr Buch …
Nein, und ich bin auch nicht unbedingt scharf drauf. Diesmal ist das wohl anders. Auf einer einschlägigen Website wird schon gegen „Der Schuss“ gehetzt. Was ich in diesem Fall durchaus als Lob empfinde!
Wobei der AfD doch ähnlich wie den Salafisten jede Form von öffentlicher Wahrnehmung recht ist.
Stimmt, das ist fast identisch. Rechter und religiöser Extremismus ähneln sich ja eh sehr stark – etwa was das Frauenbild betrifft oder den Umgang mit Homosexualität, generell die mangelnde Fähigkeit, Pluralismus auszuhalten und eben auch die Art der Kommunikation. Es gibt da diese Sehnsucht in allen Menschen nach Aufmerksamkeit, nach Gesehenwerden, nach Resonanz. Und manche versuchen es halt damit, dass sie auf Facebook mit Rassismus provozieren.
Die Idee zu „Dschihad Calling“ hatten Sie vor über zehn Jahren, ausgelöst von der sogenannten Sauerland-Gruppe, die der Islamischen Jihad-Union angehörte. „Der Schuss“ knüpft an Ihren ersten Jugendroman „Das Heldenprojekt“ von 2005 an. Warum war jetzt der Moment für dieses Buch?
Bücher sind wie Babys. Sofern man keinen Kaiserschnitt macht, bestimmen sie selbst, wann sie kommen. Ich weiß, das klingt spooky, aber so empfinde ich es. Es gibt da natürlich die Hebammen – meine Agentin, meine Lektorin, die auf ihre Weise nachhelfen. In diesem Fall kam das Baby eher plötzlich; und ich bin echt stolz auf meinen Verlag, weil wir dieses Buch total spontan auf den Weg gebracht haben.
Haben Sie jeweils ein Schreibprojekt oder arbeiten Sie an mehreren parallel?
Es gibt meist mehrere Projekte. Wer vom Schreiben leben will und nicht zu den absoluten Topsellern gehört, muss produzieren. Ich mag aber auch die Abwechslung. Für „Der Schuss“ hab ich allerdings alles andere sofort liegen lassen, weil es mir einfach wichtig war.
Wobei bei Ihnen schon in einem Buch jede Menge los ist: Sie übernehmen verschiedene Perspektiven – in „Der Schuss“ sind es um die zehn Figuren – und verzichten auf eine klare Wertung. Damit fordern Sie Ihre Leserinnen und Leser heraus, sich eine eigene Meinung zu bilden. Werden Sie bei Lesungen auch nach Ihrer persönlichen Einschätzung gefragt – oder sind die Jugendlichen eher an den Figuren interessiert?
Die Frage kommt fast immer. Das ist ja irgendwie auch der Sinn einer solchen – wie es in Programmen oft genannt wird: „Autorenbegegnung“. Dass da echte Menschen aus Fleisch und Blut stehen, mit denen man diskutieren kann. Manchmal auch richtig kontrovers.
Ich stelle mir vor, dass es mitunter zu Missverständnissen kommt. So denkt Tatjana in „Der Schuss“, dass Zeitunglesen „Schwachsinn“ ist, weil „doch da nur Lügen drin stehen. Presse, Radio, Fernsehen, die sind ja alle von der Regierung gesteuert. Gott sei Dank gibt es Facebook.“ Solche Passagen bleiben erst mal unkommentiert …
Oh, ja. Tatsächlich bin ich mal von einer Gruppe Jugendlicher hart angegangen worden wegen einiger Aussagen in der Figurenrede bei „Dschihad Calling“. Okay, das waren Jungs, in deren Welt normalerweise keine Bücher vorkommen, und denen es zunächst überhaupt nicht einleuchtete, wieso Autor und Erzähler und Figur nicht einfach identisch sind. Puh, das war eine krasse Diskussion, aber am Ende haben wir zusammen gelacht. Ich hab eine Menge dabei gelernt. Die Jungs hoffentlich auch.
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