Peter Märkert: Unter die Räder gekommen | BUCHSZENE.DE

In seiner Funktion als Bewährungshelfer stieß Peter Märkert auf die Hauptfigur seines Krimis „Unter die Räder gekommen“. Wie das genau war, berichtet der Syndikats-Komplize eindrucksvoll im Werkstattbericht.

Peter Märkert vom Syndikat verrät Hintergründe der Entstehung seines Krimis „Unter die Räder gekommen“

13. Januar 2021 | Redaktion

Titelbild Unter die Räder gekommen

©Alexander Raths shutterstock-ID 86474341

Warum wird man Bewährungshelfer und Krimi-Autor?

Aus einer bestimmten Veranlagung, sozialem Engagement oder treibt einen die Vergangenheit dazu? Wahrscheinlich kommt alles zusammen, werden doch die wenigsten Entscheidungen im Leben bewusst getroffen. Immer gab die Person oder die Situation den Ausschlag. Bei mir war es der Vater. Ganz sicher. Nicht bewusst, nie im Leben wollte er mich motivieren, Sozialarbeit zu studieren. Nur bestrafte er uns Kinder wegen jeder Kleinigkeit im festen Glauben, uns damit zu anständigen Menschen zu erziehen. Wen wundert‘s, dass es nicht funktionierte. Ich war sechzehn, als er mich fragte, warum ich trotz aller Strafen noch gegen seine Regeln verstieß. Das beeindruckte mich. Einmal interessierte er sich nicht für sein Regelwerk, sondern für mich. Ich fragte mich, ob es nicht die Strafen waren, die dazu verleiteten, dagegen zu verstoßen, und sein geringes Interesse an meiner Lust am Abenteuer, am Ausprobieren meiner Möglichkeiten. Interesse als Zauberwort. Ich studierte alle greifbare Literatur und beschloss während meines Studiums, Bewährungshelfer zu werden. Damit setzte ich den Beginn meiner Justizkrimis.

Ich begegnete ihm in der Untersuchungshaft

Ich hatte mir vorgenommen, höchstens eine Stunde zu bleiben. Das ist so Standard bei einem Gespräch hinter Gittern. Nachher gab es im Büro zu tun, andere Klienten waren eingeladen, außerdem warteten Verwaltungsaufgaben. Kurz, das Gespräch mit Fabian Meisner, nennen wir ihn so, dauerte vier Stunden, ich sagte in den Pausen in der Geschäftsstelle die weiteren Termine für den Tag ab.

Dunkle Locken, fast kindliche Gesichtszüge

Sein schüchternes Benehmen gab er im Laufe des Gesprächs auf. Mir gefiel seine differenzierte Sprache, mit der er seine Situation beschrieb. Die Ängste vor den Mitinsassen, die Demütigungen, denen er ausgeliefert war, denen er sich nicht zu erwehren wusste.

Es dauerte, bis er zum eigentlichen Thema kam

Seine Mutter hatte hingenommen, dass ihr Bruder ihn im Alter von zwölf Jahren missbrauchte. Der Onkel verdiente gut und nach der Trennung vom Vater war das Geld knapp. Da halfen die großzügigen Zuwendungen des Onkels der Mutter über die Runden. 

Er hatte keine Vertrauten, es kämpfte ums Überleben

Den kindlichen Spielen seiner Mitschüler wich er aus, die Lehrer forderten Leistungen, unter ihnen fand er keinen Vertrauten. Sie belegten ihn mit Strafarbeiten, wenn er wieder die Hausaufgaben nicht vorlegte, zu spät oder erst Tage später zum Unterricht erschien.

Ängste und Schlaflosigkeit ließen ihn nicht ruhen

Er konnte nicht einschlafen ohne die Angst, der Onkel könnte sich wieder neben ihn legen. Er blieb länger auf, hielt sich mit der Playstation bis in die Morgenstunden wach, war dann zu erschöpft, um am Unterricht teilzunehmen, auch, wenn er es sich vorgenommen hatte.

Er erzählte von Mobbing in der Klasse

In der Schulklasse zogen sich die Mitschüler von ihm zurück, sie spürten instinktiv, dass er anders war als sie und betrachteten ihn als „Opfer“, das er auch war und das in der Zeit zum Schimpfwort geworden war. Sie mobbten ihn über die sozialen Medien. 

Er hatte seine Heimat verloren

Es fehlte ihm jegliche Zugehörigkeit, sein Vater meldete sich nicht mal zu seinen Geburtstagen, seine Mutter paktierte mit dem Onkel, die ältere Schwester studierte irgendwo in Leipzig, mit dem jüngeren Bruder konnte er darüber nicht sprechen. Freunde gab es nicht. Zu den Lehrern fehlte ihm das Vertrauen. Sie interessierten sich für angepasste Schüler.

Sie schwänzten Schule, rauchten und tranken

Seine Rettung waren die älteren Freunde. Auch sie schwänzten die Schule und trieben sich herum. Sie verteidigten ihn vor den Mitschülern, die sich nicht mehr an ihn herantrauten. Mit den Freunden rauchte er, trank Alkohol, sie hatten mehr Erfahrung, auch mit Marihuana. Erst kotzte er, später beruhigte es ihn, wenn der Onkel wieder nachts in seinem Bett war.  

Dann kam sein erster Raub

Es fehlte Geld zur Beschaffung von Drogen. Die Freunde zeigten Wege auf, es zu beschaffen. Er wurde zum Dieb, stand bei den räuberischen Erpressungen dabei, traute sich allerdings nicht, mitzumischen. Sie hatten Verständnis, weil er so jung war. Von seinem Onkel erzählte er ihnen nichts, zumindest nicht in der Zeit, er schämte sich zu sehr. Außerdem hatte seine Mutter ihm eingeredet, er sei selbst schuld, wenn der Onkel auf ihn stehe, und es mache ihm sicher Spaß. „Prostituiert haben sie mich“, nannte er es selbst bei dem Besuch in der Untersuchungshaft. „Und hier im Knast geht es weiter.“

Das anschließende Schweigen brach mir das Herz. Er wollte nicht weiter darüber sprechen.

Ich musste diese Geschichte aufschreiben

Bei der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Bochum war es für alle sichtbar. Was machte der Sechzehnjährige zwischen den heranwachsenden Gangstern auf der Anklagebank? Klar stand der bei ihren Raubzügen daneben, um zu irgendjemandem zu gehören. Sie konnten ihm deswegen nicht die Bewährung widerrufen (was sie allerdings taten).

Eine Wahrheit, der wir uns nicht verschließen können

Aus meinen Aufzeichnungen entstand der realistische Justizkrimi, der aus Gründen der Verschwiegenheitspflicht verfremdet wurde. Gerade in der heutigen Zeit, in der so viel über Täter und Opfer von Missbrauch gesprochen und geschrieben wird, erhält er eine Wahrheit, der wir uns nicht verschließen können: Nicht jedes Opfer wird zum Täter, aber jeder Täter war Opfer! „Unter die Räder gekommen“ hält für die Leser mehr als eine Überraschung bereit.

Über Peter Märkert

Werkstattberichte aus dem Syndikat: Wie arbeiten Kriminalschriftsteller? Was inspiriert sie zu ihren Romanen? Welche Marotten quälen sie beim Schreiben?

Weitere Werkstattberichte für Sie:

  • Titelbild Nebel im Aargau

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Peter Märkert

Geboren 1955, ist Peter Märkert in Bochum aufgewachsen und wohnt auch dort. Er studierte …


Zur Biografie von Peter Märkert



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