Eine Lektorin fährt Zug und erlebt dabei nicht nur rational Erklärbares. Die Handlung von Timur Vermes‘ „U“ ist überschaubar. Über Inhalt und Form dieses experimentellen Texts lässt sich streiten.

Mit seinem Buch „U“ wagt Timur Vermes ein literarisches Experiment, das die Literatur der 1920er zitiert

8. Dezember 2021 | Jörg Steinleitner

U

Timur Vermes

U - Roman

ISBN 978-3-492-07104-8

160 Seiten | € 15,00

Piper

Romantik (1/5)

Komik (2/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (1/5)

Unterhaltung (2/5)

Titelbild U

Timur Vermes‘ „U“ ist eine literarische Fingerübung

Timur Vermes‘ neues Buch „U“ ist kein Roman, sondern eine literarische Fingerübung. Wer sich auf eine Hitler-Persiflage wie „Er ist wieder da“ oder einen Flüchtlingsroman wie „Die Hungrigen und die Satten“ gefreut hat, könnte von „U“ verstört sein. Erzählt wird, wie eine junge Lektorin im Zug zur Arbeit fährt und dabei Dinge erlebt, die mithilfe rationaler Überlegungen nicht vollkommen erklärt werden können.

Deutliche Parallelen zu literarischen Werken der Weimarer Republik

Möchte man den Text nicht einfach als wenig unterhaltsam abtun, sondern ihm fair gegenübertreten, so kommt man um eine literaturgeschichtliche Einordnung nicht herum: Timur Vermes‘ Art zu schreiben weist eindeutige Parallelen zu Großstadtromanen der 1920er-Jahre auf. Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ dürfte das bekannteste Beispiel aus diesem Genre sein. Auch bei diesem im Jahr 1929 erschienen Roman ist das Thema die Moderne und auch hier wird mit einer expressiven Sprache und mehr oder weniger poetischen Mitteln gearbeitet. Die Rolle, die bei Alfred Döblin der Lohnarbeiter Franz Biberkopf spielt, übernimmt bei Timur Vermes die Verlagslektorin Anke Lohm.

Das von Timur Vermes gewählte Schriftbild gleicht dem eines Gedichts

Allerdings erzählt Alfred Döblin eine wesentlich „größere“ Geschichte. Timur Vermes‘ Text ist sehr kurz, eher eine Erzählung oder Novelle denn ein Roman. Dabei verwendet er eine kurze, abgehackte Sprache und leistet sich für beinahe jeden Satz eine eigene Zeile. Von der Ferne betrachtet gleicht das Schriftbild dem eines Gedichts. So beginnt der Roman, so sehen die ersten Zeilen aus:

Rollkoffer blockiert alle fünf Schritte.

Dann: an ihm zerren.

Könnte genauso mit einem Vierjährigen reisen.

Rollt fünf weitere Schritte – blockiert.

Wegschmeißen. Längst!

Aber: Umwelt.

Haut: klebrig.

Haare: alter Rasierpinsel.

24-Stunden-Deo. Von wegen.

„U“ ist ein gewagtes Kunstwerk für hartgesottene Literaturliebhaber

Diesen Stil zieht Timur Vermes konsequent über den gesamten Text durch. Gelegentlich entsteht dadurch – in Kombination mit Timur Vermes‘ Beobachtungsgabe – Witz. Meist bleibt die Lektüre jedoch eher mühsam. Deshalb wird dieses Buch vermutlich eher Germanistikseminare beschäftigen – hier dürfte es ein hochinteressantes Untersuchungsobjekt sein – als die nach unterhaltsamen Leseerlebnissen suchende Masse der Leserinnen und Leser. Timur Vermes legt mit „U“ ein gewagtes Buch vor, das den Charakter eines Kunstwerks hat und sich für hartgesottene Literaturliebhaber empfiehlt. Der Rest der Leserschaft dürfte sich ausgeschlossen fühlen.


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