Thomas Reichart Interview: Der Wahnsinn und die Bombe | BUCHSZENE

Home >> Magazin >> Interviews >>

ZDF-Korrespondent Thomas Reichart im Interview - über Nordkorea und sein Buch "Der Wahnsinn und die Bombe"

Thomas Reichart

© ZDF/Rico Rossival

12. Februar 2018 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Kim Jong-un ist nicht der „dicke Verrückte“, sagt Thomas Reichart. Im Interview über sein Buch „Der Wahnsinn und die Bombe“ erklärt der ZDF-Korrespondent warum Nordkorea für Deutschland gefährlich ist.


Herr Reichart, bereits der Titel Ihres Buchs „Der Wahnsinn und die Bombe – Wie Nordkorea und die Großmächte unsere Sicherheit verspielen“ entwirft ein erschreckendes Szenario. Meinen Sie mit dem Wahnsinn ganz konkret den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un? Oder gar Donald Trump?

Der Wahnsinn bezieht sich eher auf die Politik, die beide betreiben. Kim Jong-un ist kein Verrückter. Was er macht ist kühl kalkuliert. Er will um jeden Preis Nordkorea zur Atommacht machen, weil das für ihn und sein Regime eine Überlebensversicherung ist. Für dieses Ziel geht er mit seinen Provokationen bis kurz an den Abgrund. Auch bei Donald Trump ist es seine Politik der Drohung mit einem Militärschlag, die Vorstellung bei Teilen seiner Administration, dass ein Militärschlag gegen Nordkorea möglich sei, die Wahnsinn ist. Das Spiel mit der Bombe, um den jeweils anderen zum Einlenken zu bringen, das ist brandgefährlich und das soll der Titel ausdrücken.

Könnten Sie bitte die gefährliche Gemengelage, die sich in Asien derzeit entwickelt, kurz umreißen?

Es ist eigentlich ein doppelter Konflikt, den wir gerade erleben. Zum einen natürlich die Auseinandersetzung mit Kim Jong-un um sein Atom- und Raketenprogramm, seine Drohungen gegenüber den USA und deren Verbündeten Südkorea und Japan. Dahinter steckt aber ein zweiter, vielleicht noch gefährlicherer Konflikt. China und die USA ringen in Ostasien um die Frage, wer das Sagen hat in der Region. Dieser Großmachtkonflikt spielt in Nordkorea eine wichtige Rolle, aber auch zum Beispiel im südchinesischen Meer, wo es Auseinandersetzungen um chinesische Stützpunkte gibt.

Nun finden derzeit in Südkorea die Olympischen Winterspiele statt. Sind die deutschen Sportler in Gefahr?

Nein, ich denke nicht, dass sie in Gefahr sind. Ich bin selber gerade dort und habe nicht den Eindruck, dass sich die Menschen dort im Moment sehr bedroht fühlen. Aber das gilt eben nur für den Moment, für die Spiele. Was wir im Moment erleben, ist eine kurze Pause des Konflikts. Die Ursachen aber sind ja nicht beseitigt, der Konflikt geht weiter. Und wie brandgefährlich er ist, das haben wir gerade erst erlebt, als Kim Jong-un ausgerechnet am Tag vor der Eröffnung der Spiele seine neuesten Interkontinentalraketen bei einer großen Militärparade auffahren ließ.

Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Nord- und Südkorea nun sogar ein gemeinsames Frauen-Eishockey-Team an den Start schickt? Ist das ein Zeichen der Entspannung oder nur ein weiterer Beweis von Kim Jong-uns „Wahnsinn“?

Kim Jong-un ist ein sehr kühl kalkulierender Diktator. Er nutzt die Spiele für sich und sein Land als PR-Bühne. Das macht er sehr geschickt, indem er einem gemeinsamen Damen-Eishockey-Team zustimmt, seine Schwester zur Eröffnungsfeier schickt mitsamt einer großen Delegation. Aber wir sollten uns da nicht täuschen lassen. Von seinen eigentlichen Zielen, die USA und Südkorea mit Atomwaffen bedrohen zu können, rückt er keinen Deut ab. Deshalb ist es aus meiner Sicht so wichtig, dass wir uns mit ihm und Nordkorea mehr und genauer beschäftigen. Wir haben da lange weggeschaut und ihn für den dicken Verrückten erklärt. Es wird Zeit, dass wir ihn ernst nehmen und sich mit seinen Zielen genauer beschäftigen.

Ihr Buch liefert nicht nur die zentralen Fakten über die Lage in Asien, es liest sich aufgrund Ihrer persönlichen Erlebnisse immer wieder auch spannend wie ein Thriller. Bei einem Ihrer Besuche in Nordkorea wären Sie wegen Ihres amerikanischen Kameramanns beinahe nicht mehr rausgekommen …

Ja, das war ein Erlebnis, wo mir besonders im Nachhinein klar wurde, in was für einer gefährlichen Situation wir da waren. Eigentlich waren wir da am Ende unseres Besuches und in Gedanken schon auf dem Weg zum Flughafen. Aber als wir unsere Pässe vom Hotel zurückbekamen, stellten mein amerikanischer Kameramann fest, dass sein Visazettel im Pass fehlte. Mein Visum war in meinen Pass geklebt, aber für Amerikaner legen die Nordkoreaner offenbar nur einen Visazettel in den Pass. Und der fehlte. Wie sehr das ein Problem war, merkten wir sehr schnell am Verhalten unserer nordkoreanischen Aufpasser, die uns während der gesamten Zeit in Nordkorea begleitet hatten. Sie wurden wahnsinnig nervös, versuchten uns die Schuld zuzuschieben, telefonierten viel herum und distanzierten sich sogar voneinander. Wir hatten zunehmend das Gefühl, dass sich da etwas wirklich Bedrohliches zusammenbraute, bis einer der Aufpasser fragte, ob ich denn schon in meinen Pass geschaut hätte. Und da war der Visazettel dann auch drin. Das Hotel hatte ihn einfach vertauscht. Ein blöder Zufall, aber wir haben da wirklich kurz mal in den Abgrund geblickt.

In Ihrem Alltag als ZDF-Korrespondent in repressiven Staaten wie China oder Nordkorea gehen Sie immer wieder ins Risiko: Sie betreten Zonen und Gebäude, die Sie eigentlich nicht betreten dürften. Der Student Otto Warmbier hat seinerzeit eine harmlose Grenzübertretung mit dem Leben bezahlt – er hatte ein Plakat „gestohlen“. Manchmal beschreiben Sie in „Der Wahnsinn und die Bombe“ aber auch, wie Sie nach einer kurzen Konfrontation mit der Staatsicherheit wieder kehrtmachen. Ist die Angst bei Ihrer Recherche immer mit am Bord?

Bei mir als Fernsehmann ist vor allem die Angst mit dabei, dass das Filmmaterial, das wir gedreht haben, konfisziert werden könnte. Dass die Staatsicherheit oder Polizei uns zwingen könnte, wichtiges Drehmaterial zu löschen. Wir haben das schon ein paar Mal erlebt, konnten es am Ende immer vermeiden, aber es ist etwas, das mich bei solchen Konfrontationen beschäftigt: Wie bringen wir unser Material sicher zurück? Das ist manchmal ein Katz-und-Maus-Spiel. Und es geht dabei einfach oft darum, schnell zu sein und im richtigen Augenblick auch wieder zu gehen.

Zurück zu Kim Jong-un: Wie lange wird es dauern bis Nordkorea eine Atombombe haben wird, mit der es einen nuklearen Schlag ausführen kann?

Experten, die seine Raketen- und Atomtests auswerten, gehen davon aus, dass er in einem, spätestens zwei Jahren soweit ist, Interkontinentalraketen mit Atomsprengköpfen abfeuern zu können. Bei Kurzstreckenraketen, die Südkorea und Japan erreichen können, ist er vermutlich jetzt schon so weit. Wenn er mit den Interkontinentalraketen soweit ist, dann betrifft das übrigens nicht nur die USA. Auch Berlin und München sind dann in seiner Reichweite. Wir müssen uns auch in Deutschland klarmachen, dass Nordkorea nichts ist, was sich weit weg in Ostasien abspielt, sondern dass es uns betrifft und bedroht.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass Kim Jong-un eines Tages die Atombombe zündet?

Hochrangige Überläufer aus Nordkoreas Machtapparat, mit denen ich für „Der Wahnsinn und die Bombe“ sprechen konnte, haben keinen Zweifel daran, dass Kim Jong-un den Atomknopf drücken würde. Wahrscheinlich wird er damit nicht beginnen. Aber wenn er angegriffen wird, würde er nicht zögern. Da sind sich alle einig.

Warum hält sich China, das nach wie vor der wichtigste Partner Nordkoreas ist, so zurück? Warum hat der chinesische Staatspräsident Xi Jingping Kim Jong-un noch nie persönlich getroffen?

China verfolgt ein doppeltes Spiel. Es hat im UN-Sicherheitsrat für alle Sanktionen gestimmt und deren Umsetzung versprochen. Gleichzeitig zeige ich in dem Buch, wie China dabei zusieht, wie chinesische Firmen Nordkorea helfen, die Sanktionen zu umgehen. China sorgt sich am Ende mehr vor einem Zusammenbruch des Kim-Regimes, als vor dessen Atomwaffen. Ein Machtvakuum in Nordkorea, das befürchten die Strategen in Peking, würde einen Machtzuwachs der Amerikaner in der Region nach sich ziehen. Und das wollen sie auf jeden Fall vermeiden. Gleichzeitig ist China frustriert mit Kims Provokationen, weil sie schon jetzt eine Aufrüstung der USA in der Region rechtfertigen. Deshalb sind die Beziehungen zwischen den einstigen Verbündeten China und Nordkorea nicht besonders gut.

Am Ende von „Der Wahnsinn und die Bombe“, deuten Sie einen Weg an, der die gefährliche Situation zwischen Nordkorea, China, Russland, USA und Japan entschärfen könnte und billigen Deutschland dabei eine bedeutende Rolle zu. Warum spielt Deutschland in Bezug auf Nordkorea eine Sonderrolle?

Deutschland könnte, glaube ich, eine besondere Vermittlerrolle spielen, weil es von beiden Seiten als ehrlicher Makler angesehen würde. Deutschland hat als eines der wenigen Länder noch eine Botschaft in Pjöngjang und damit Kontakte und Kanäle, die wichtig wären für solche Verhandlungen. Die deutsche Wiedervereinigung wiederum ist etwas, das in Nord- und Südkorea besonders aufmerksam verfolgt wurde, weil sie etwas ist, das sich die Koreaner auch für ihr geteiltes Land wünschen. Deutschland hätte also ein Glaubwürdigkeits-Kapital, das bei solch schwierigen Verhandlungen helfen könnte.

Share this post:
Share this post:
Mehr zur Rubrik
Wer gerne liest, braucht dieses Buch. Und wer nicht, erst recht!
Tina Rausch und Ulrich Kirstein im Interview über „Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies“
Titelbild Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies - Tina Rausch, Ulrich Kirstein

Interviews | 7. August 2018 | Jörg Steinleitner

Alles, was man über Bücher wissen sollte in einem Band? Im Interview erklären Tina Rausch und Ulrich Kirstein ihr so amüsantes wie kluges Werk „Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies“.

Erschütternde Blicke hinter wohlgeordnete Fassaden
Celeste Ng im Interview über ihren so klugen wie unterhaltsamen Roman „Kleine Feuer überall“
Titelbild Interview Celeste NG

Interviews Slider posts | 30. Juli 2018 | Nina Berendonk

Darf sich ein Fremder weniger Fehler erlauben als einer, der als einer bestimmten Gemeinschaft zugehörig empfunden wird? Celeste Ng im Interview über ihren fabelhaften Roman „Kleine Feuer überall“.

Profikiller zur Zeit des Kalten Kriegs
Kai Bliesener im Interview über seinen Thriller „Die Watson-Legende“
Die Watson-Legende

Interviews | 16. Juli 2018 | Jörg Steinleitner

Thriller-Autor Kai Bliesener im Interview: über Profikiller und Geheimdienste, den Kalten Krieg und die 60er-Jahre – und über seinen neuen Krimi „Die Watson-Legende“.

Eine mysteriöse Tatserie erschüttert München
Blutige Beichte

Interviews | 14. Mai 2018 | Bernhard Berkmann

Ein Politikermord, eine Vergewaltigung und ein Einbruch. Und stets derselbe genetische Fingerabdruck. Passt das zusammen? Steinleitners „Blutige Beichte“ entstand in enger Zusammenarbeit mit dem LKA.

Nach oben Zurück zur Übersicht

Mit der Nutzung von BUCHSZENE.DE erklären Sie sich damit einverstanden, dass unser Internetauftritt und unsere Tools/Plugins Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.