Herr Reichart, bereits der Titel Ihres Buchs „Der Wahnsinn und die Bombe – Wie Nordkorea und die Großmächte unsere Sicherheit verspielen“ entwirft ein erschreckendes Szenario. Meinen Sie mit dem Wahnsinn ganz konkret den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un? Oder gar Donald Trump?
Der Wahnsinn bezieht sich eher auf die Politik, die beide betreiben. Kim Jong-un ist kein Verrückter. Was er macht ist kühl kalkuliert. Er will um jeden Preis Nordkorea zur Atommacht machen, weil das für ihn und sein Regime eine Überlebensversicherung ist. Für dieses Ziel geht er mit seinen Provokationen bis kurz an den Abgrund. Auch bei Donald Trump ist es seine Politik der Drohung mit einem Militärschlag, die Vorstellung bei Teilen seiner Administration, dass ein Militärschlag gegen Nordkorea möglich sei, die Wahnsinn ist. Das Spiel mit der Bombe, um den jeweils anderen zum Einlenken zu bringen, das ist brandgefährlich und das soll der Titel ausdrücken.
Könnten Sie bitte die gefährliche Gemengelage, die sich in Asien derzeit entwickelt, kurz umreißen?
Es ist eigentlich ein doppelter Konflikt, den wir gerade erleben. Zum einen natürlich die Auseinandersetzung mit Kim Jong-un um sein Atom- und Raketenprogramm, seine Drohungen gegenüber den USA und deren Verbündeten Südkorea und Japan. Dahinter steckt aber ein zweiter, vielleicht noch gefährlicherer Konflikt. China und die USA ringen in Ostasien um die Frage, wer das Sagen hat in der Region. Dieser Großmachtkonflikt spielt in Nordkorea eine wichtige Rolle, aber auch zum Beispiel im südchinesischen Meer, wo es Auseinandersetzungen um chinesische Stützpunkte gibt.
Nun finden derzeit in Südkorea die Olympischen Winterspiele statt. Sind die deutschen Sportler in Gefahr?
Nein, ich denke nicht, dass sie in Gefahr sind. Ich bin selber gerade dort und habe nicht den Eindruck, dass sich die Menschen dort im Moment sehr bedroht fühlen. Aber das gilt eben nur für den Moment, für die Spiele. Was wir im Moment erleben, ist eine kurze Pause des Konflikts. Die Ursachen aber sind ja nicht beseitigt, der Konflikt geht weiter. Und wie brandgefährlich er ist, das haben wir gerade erst erlebt, als Kim Jong-un ausgerechnet am Tag vor der Eröffnung der Spiele seine neuesten Interkontinentalraketen bei einer großen Militärparade auffahren ließ.
Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Nord- und Südkorea nun sogar ein gemeinsames Frauen-Eishockey-Team an den Start schickt? Ist das ein Zeichen der Entspannung oder nur ein weiterer Beweis von Kim Jong-uns „Wahnsinn“?
Kim Jong-un ist ein sehr kühl kalkulierender Diktator. Er nutzt die Spiele für sich und sein Land als PR-Bühne. Das macht er sehr geschickt, indem er einem gemeinsamen Damen-Eishockey-Team zustimmt, seine Schwester zur Eröffnungsfeier schickt mitsamt einer großen Delegation. Aber wir sollten uns da nicht täuschen lassen. Von seinen eigentlichen Zielen, die USA und Südkorea mit Atomwaffen bedrohen zu können, rückt er keinen Deut ab. Deshalb ist es aus meiner Sicht so wichtig, dass wir uns mit ihm und Nordkorea mehr und genauer beschäftigen. Wir haben da lange weggeschaut und ihn für den dicken Verrückten erklärt. Es wird Zeit, dass wir ihn ernst nehmen und sich mit seinen Zielen genauer beschäftigen.
Ihr Buch liefert nicht nur die zentralen Fakten über die Lage in Asien, es liest sich aufgrund Ihrer persönlichen Erlebnisse immer wieder auch spannend wie ein Thriller. Bei einem Ihrer Besuche in Nordkorea wären Sie wegen Ihres amerikanischen Kameramanns beinahe nicht mehr rausgekommen …
Ja, das war ein Erlebnis, wo mir besonders im Nachhinein klar wurde, in was für einer gefährlichen Situation wir da waren. Eigentlich waren wir da am Ende unseres Besuches und in Gedanken schon auf dem Weg zum Flughafen. Aber als wir unsere Pässe vom Hotel zurückbekamen, stellten mein amerikanischer Kameramann fest, dass sein Visazettel im Pass fehlte. Mein Visum war in meinen Pass geklebt, aber für Amerikaner legen die Nordkoreaner offenbar nur einen Visazettel in den Pass. Und der fehlte. Wie sehr das ein Problem war, merkten wir sehr schnell am Verhalten unserer nordkoreanischen Aufpasser, die uns während der gesamten Zeit in Nordkorea begleitet hatten. Sie wurden wahnsinnig nervös, versuchten uns die Schuld zuzuschieben, telefonierten viel herum und distanzierten sich sogar voneinander. Wir hatten zunehmend das Gefühl, dass sich da etwas wirklich Bedrohliches zusammenbraute, bis einer der Aufpasser fragte, ob ich denn schon in meinen Pass geschaut hätte. Und da war der Visazettel dann auch drin. Das Hotel hatte ihn einfach vertauscht. Ein blöder Zufall, aber wir haben da wirklich kurz mal in den Abgrund geblickt.
In Ihrem Alltag als ZDF-Korrespondent in repressiven Staaten wie China oder Nordkorea gehen Sie immer wieder ins Risiko: Sie betreten Zonen und Gebäude, die Sie eigentlich nicht betreten dürften. Der Student Otto Warmbier hat seinerzeit eine harmlose Grenzübertretung mit dem Leben bezahlt – er hatte ein Plakat „gestohlen“. Manchmal beschreiben Sie in „Der Wahnsinn und die Bombe“ aber auch, wie Sie nach einer kurzen Konfrontation mit der Staatsicherheit wieder kehrtmachen. Ist die Angst bei Ihrer Recherche immer mit am Bord?
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