Heiligabend: Die einflussreichsten Personen Deutschlands werden in ihren Häusern eingesperrt – und ihre Geiselnahmen live übertragen. Anne Freytags „Reality Show“ erzählt von einer unerhörten TV-Sendung.

Frau Bluhm liest Anne Freytags Roman „Reality Show“ und findet ihn sehr aktuell

29. November 2021 | Frau Bluhm

Frau Bluhm liest „Reality Show: 4 von 5 Blu(h)men


Zehn einflussreiche Menschen werden eingesperrt und zur Schau gestellt

Weihnachten. Die Zeit der Besinnung und der Entschleunigung. Nicht so, für die 42 Menschen, die von maskierten Unbekannten in ihren eigenen Wohnungen überwältigt und gefangen gehalten werden. Zehn Menschen mit ihren Familien, die scheinbar nichts gemeinsam haben. Doch der gemeinsame Nenner enthüllt sich im Laufe des Abends: Sie sind zehn der einflussreichsten Menschen Deutschlands, die es dank ihres Geldes geschafft haben, stets anonym zu bleiben. Bis heute, denn jetzt sind sie Gast in der „Reality Show“.

Anne Freytags Roman spielt an einem Heiligabend

Die Handlung von Anne Freytags Roman spielt an einem Heiligabend in der nicht allzu fernen Zukunft. Bei der letzten Bundestagswahl entfielen die meisten Stimmen auf die Partei „Der rechte Weg“, womit eine rechtsorientierte Führungsspitze die Macht übernahm. Die Studenten Erich, Philip und Julian sind sich einig: Dass eine faschistische Partei an die Regierung kommt, das liegt nur an der Unzufriedenheit der Menschen; einer Unzufriedenheit, die durch Unwissenheit und Unsicherheit entsteht. Die eigentlichen Drahtzieher sind dabei aber nicht die Politiker, die sich zur Wahl stellen, sondern jene, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen, sei es durch Einfluss, Geld oder beides. Ohne Zweifel eine These, die heute aktueller, glaubwürdiger und realistischer ist, denn je.

Das Geld wird an jene verteilt, die es dringender brauchen

So beschließen die jungen Männer, mit der Hilfe einiger guter Freunde, etwas Licht ins Dunkel der öffentlichen Meinungsbildung zu bringen. Der Weg, den sie wählen, ist natürlich extrem, aber unbestreitbar effektiv: Sie hacken die Zentrale des Fernsehens und strahlen ihre eigene Show aus, die zum Ziel hat, genau die Personen ins Rampenlicht zu bringen, die dieses normalerweise meiden. Ob jemand für den Betrieb von Billigklamotten und damit für die Ausbeutung von zahllosen Menschen verantwortlich ist oder das schnelle Geld macht, indem er persönliche Daten verkauft, ist dabei egal. Schmutzige Wäsche wird gewaschen und das Geld an die verteilt, die es nötiger haben. Ein Showkonzept, das letzten Endes voll aufgeht und die Leute an den Fernseher fesselt.

„Reality Show“ zeigt, was ist, wenn Menschlichkeit abhandenkommt

Ob es jetzt die Menschen sind, die bereitwillig das Elend anderer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verfolgen, oder die Übeltäter selbst, die in dieser Geschichte die wahren Verbrecher sind, das lässt Anne Freytag jeden Lesenden selbst entscheiden. Überhaupt ist „Reality Show“ überraschend unpolitisch. Der Roman macht vielmehr darauf aufmerksam, was passiert, wenn uns Menschen die Menschlichkeit abhandenkommt. Auch das ist eine Storyline, die leider überhaupt nicht mehr fiktiv wirkt.

Eine Sache trübte den Lesegenuss beträchtlich

Ein kleines, doch leider sehr deutliches Manko war während der wirklich spannenden und fesselnden Lektüre allgegenwärtig: Ich hatte große Probleme, mir die vielen Namen zu merken, die in der Geschichte noch zusätzlich in verschiedenen Zeitebenen wichtig werden. Das trübte den Lesegenuss doch deutlich. Eine kleine Zusammenfassung der wichtigsten Personen am Anfang oder Ende des Buches würde sehr helfen.

 Dennoch ein insgesamt positives Fazit

Ansonsten ist Anne Freytags neues Werk ein wahrer Kracher. Ich hoffe sehr, dass es irgendwann verfilmt wird, denn es könnte sich durchaus mit Heist-Movies wie „Oceans 11“ oder Thrillern wie „8 Blickwinkel“ messen. Durchgehend spannend, gesellschaftskritisch, ohne aufdringlich belehrend zu sein und dabei auch noch sehr unterhaltsam, liefert Anne Freytag uns einen Grund mehr, uns bewusst darüber zu sein, wie wichtig es ist, eine Wahl zu haben.

 

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Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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