Wie Elke Pistor „Kling und Glöckchen“ schrieb | BUCHSZENE.DE

Wenn im Keller bereits die Leiche der Chefin liegt, brauche ich keine zweite Leiche, findet Janne Glöckchen. Aber es kommt in Elke Pistors Weihnachtskrimi „Kling und Glöckchen“ noch schlimmer.

Elke Pistor erklärt in ihrem gewitzten Werkstatt-Bericht die mörderische Weihnachtszeit

24. November 2021 | Syndikat

Titelbild Kling und Glöckchen

Mein Name ist Pistor. Elke Pistor. Ich arbeite als Autorin. Krimiautorin. Das ist ein guter Job.

Doch. Doch. Ein wirklich guter Job. Man wird nicht nass. Meistens.

Als Krimiautorin ist man eine Mischung aus Donald Trump, Stephen Hawking und Helene Fischer. Ich denke mir skrupellose, aber intelligente Morde aus, um anderen eine Freude zu machen. Manche nennen das dann auch Auftragskillerin.

Ich schreibe über Hinterlist und Tücke, Mord und Totschlag. Davon gibt es eine ganze Menge im Leben und es fällt schwer, sich zu entscheiden.

Meine Wahl fiel auf ein wirklich grausames Thema: Weihnachten.

Sie, liebe Lesende, können an dieser Stelle einen Moment innehalten.

Schließen Sie die Augen und versetzen Sie sich im Geiste zurück an Ihr letztes Weihnachtsfest – mit dem Partner, den Kindern, den Geschwistern und den Schwiegereltern. Wie ruhig, friedlich und harmonisch das alles war. Oder etwa nicht? Wenn Sie jetzt nicht so recht mit der Sprache rausrücken möchten – macht nichts. Sie können ja – ganz im Stillen – überlegen, welches der Top-5-Weihnachtsmordmotive, die ich für meine Arbeit recherchiert habe, auf Sie zutrifft.

Motiv 1 – Die Vorweihnachtszeit

Die Vorweihnachtszeit beginnt ja, wie der Name schon sagt, vor Weihnachten.

In einem angemessenen zeitlichen Abstand. Also im August.

Gerade noch kämpft man mit den Rettungsringen, die man sich im Strandurlaub am Hotelbüfett auf Gran Canaria zugelegt hat, und dann wollen einem eine Woche später die Supermärkte schon Lebkuchen, Zimtsterne und Marzipankartoffeln andrehen. In manchen von uns glimmt die Verlockung, einen vorweihnachtlichen Mord zu begehen, direkt nach den Sommerferien wie eine Warmlicht-LED-Lichterkette auf. Entweder an dem Supermarktbesitzer für die Versuchung, in die er uns führt, oder an dem Menschen, der uns die letzte Schachtel Lebkuchen vor der Nase wegschnappt.

Motiv 2 – Der Baumkauf

Der perfekte Weihnachtsbaum ist nicht zu groß, nicht zu klein und schön gewachsen. Also quasi der Traumprinz unter den Weihnachtsbäumen. Den zu finden, gleicht einer Mammutaufgabe. Aber es ist trotzdem immer wieder schön, den Baum im Wald selbst zu schlagen. Vor allem, wenn kein Förster in der Nähe ist. Wenn das mit dem Baum und dem Wald allerdings keine Tradition in Ihrer Familie ist, sollten Sie vielleicht dann doch ein bisschen misstrauisch werden, wenn Ihre Frau kurz vor Weihnachten mit einer Axt in der Hand vor Ihnen steht und meint: „Komm, Schatz, wir gehen im Wald jetzt mal schön einen umlegen.“

Motiv 3 – Das Essen

In Deutschland gibt es im Wesentlichen zwei Traditionen. Zum einen die Festmahl-Genießer, bei denen mindestens ein Familienmitglied den ganzen Tag schwitzend in der Küche steht, um dann erschöpft vor der Bescherung unter dem Baum einzuschlafen. Zum anderen gibt es die Kartoffelsalat-und-Würstchen-Fraktion. Hier geht es strukturierter und vor allem schneller auf das Hauptevent des Abends zu. Interessant wird es, wenn diese beiden Vorstellungen aufeinandertreffen. Da wird dann die Mayonnaise für den Kartoffelsalat mit sehr viel Sorgfalt und ausgewählten Zutaten selbst angerührt und aus dem Tatmotiv ganz schnell die Tatwaffe.

Motiv 4 – Die Geschenke

Dazu muss ich eigentlich gar nicht viel sagen. Außer vielleicht: „Du, Schatz, diesmal schenken wir uns nichts.“

Motiv 5 – Die Deko

Hier haben Sie nun wieder die Gelegenheit, sich selbst einzubringen: Was sind Sie für ein Weihnachtsdeko-Typ? Die Fraktion Farbtreue? Also Rot und Gold, Silber und Blau, Heu und Stroh? Tendieren Sie zu den hippsten Weihnachtsbaumdekorationen aus der neuen „Schöner Wohnen“? Oder schmückt Ihren Weihnachtsbaum eher das Sammelsurium der letzten Jahrzehnte inklusive der Spieluhr von Tante Erna, der FC-Köln-Hennes-Figur und der angemalten Klorolle ihres vierzigjährigen Jüngsten, von der er als Dreijähriger fest und steif behauptet hat: „Und das wär jetzt das Jesuskind in der Krippe und Maria und Josef und das Schaf und der Ochse und sein Lieblingsdinosaurier“?

Ich bin ehrlich. Mein Mann und ich waren uns zum Anfang unserer Ehe auch nicht wirklich einig darüber. Die Lamettafrage hätte beinahe zur Scheidung geführt. Das kennen Sie sicher auch. Man kommt auf keinen gemeinsamen grünen Zweig. Teilweise geht das ja so weit, dass die Leute zwei Weihnachtsbäume aufstellen. Einen in der Küche, einen im Wohnzimmer. Einen in München, einen in Hamburg.

Wir haben damals so gerade noch die Kurve gekriegt. Also mein Mann lebt. Noch.

Bei so vielen wunderbaren Motiven musste ich mich natürlich entscheiden, welches ich für den aktuellen Weihnachtskrimi „Kling und Glöckchen“ auswählen wollte. Zwei hatte ich bereits für die beiden Vorgängerbände „Makrönchen, Mord und Mandelduft“ – Sie glauben nicht, was man alles mit Weihnachtsgebäck anstellen kann – und „Lasst uns tot und munter sein“ genutzt. Das Thema dieses Buches hat es zwar nur auf Platz 7 bei den Mordmotiven geschafft, besitzt aber in meinen Ohren durchaus sehr viel Potenzial: das Singen.

Bei „Kling und Glöckchen“ sollte es nun die Weihnachtsdeko sein. Schnell entstand die Idee eines „Geschäftes für Jahresendzeitbedarf und weihnachtliche Dekorationsartikel“ mit seiner Besitzerin Irmgard Kling, in dem es wirklich alles zu kaufen gibt, was man sich ohne Rücksicht auf Geschmack, Stil oder Sinnhaftigkeit in diesem Zusammenhang vorstellen kann. Die Hauptfigur des Buches, Janne Glöckchen, musste so ähnlich sein wie dieser Laden: absolut einzigartig, schräg und immer mit etwas Glitzer in den Haaren. Drei Leichen, unterschiedliche Verdächtige und eine Mörderfigur waren ebenfalls recht schnell gefunden. Die Arbeit bestand darin, alle und alles zuerst in einen sinnvollen Zusammenhang und anschließend zu Papier zu bringen. Mit viel Spaß beim Schreiben meinerseits und die wie immer wunderbare Unterstützung durch meine Lektorin Marit Obsen und den Emons-Verlag ist „Kling und Glöckchen“ entstanden und mir bleibt nur, Ihnen eine wirklich mörderische Bescherung zu wünschen!

Kling und Glöckchen:
Auch eine gut aufgeräumte Leiche ist eine Leiche und erfordert die Anwesenheit der Polizei, beschließt Janne Glöckchen, als sie eine Tote zwischen ihren farblich sortierten Mülltonnen findet. Wohl fühlt sie sich allerdings nicht dabei, liegt doch in ihrem Keller bereits ihre verstorbene Chefin Irmgard Kling auf Eis. Aber schlimmer geht immer: Ein junger Mann mit unlauteren Absichten und eine dritte Leiche machen die Aussicht auf eine stilvolle Vorweihnachtszeit für Janne vollends zunichte …


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