Er saß neben ihr im Flugzeug. Der junge Daniel Craig. Er stellte sich vor als Personenschützer und gab ihr einen Tipp. Lisa Graf-Riemann verrät, wie sie auf ihren Krimi „Kurschatten-Affäre“ kam.

Lisa Graf-Riemann erzählt, wie ihr Kriminalroman „Kurschattenaffäre” entstanden ist

26. April 2021 | Redaktion

Elias Canettis Mutter hatte eine Affäre, die ihren Mann erregte

In „Die Gerettete Zunge“ erzählt Elias Canetti, dass seine Mutter vor dem Ersten Weltkrieg zur Kur im mondänen Staatsbad Bad Reichenhall gewesen war und dort eine intensive, quasi freundschaftliche Beziehung zu dem leitenden Kurarzt gehabt hatte, die offenbar ihrer Genesung sehr zuträglich war. Als sie nach ihrer Rückkehr nach England, wo die Canettis zu der Zeit lebten, ihrem Mann davon erzählte, vermutete dieser aber etwas ganz anderes. In der Erinnerung des kleinen Elias erregte sich sein Vater so sehr über diese – eingebildete oder tatsächliche – Affäre seiner Frau mit dem Kurarzt, dass er einen Herzanfall erlitt, an dem er, noch sehr jung, verstarb. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, wissen wir natürlich nicht. Wir wissen nur, dass entweder der kleine Elias das Ereignis so gedeutet hat oder der große Canetti es so aufschrieb, weil es eine tolle Geschichte war.

Vornehme Hotels, ein russischer Hof und ein Gentleman-Verbrecher

Ich plante eine neue Krimireihe bei einem neuen Verlag, und als Schauplatz hatte ich mir Bad Reichenhall ausgesucht, das in seiner Blüte das „Meran des Nordens” genannt wurde. Vor allem der osteuropäische Adel gab sich hier ein Stelldichein. Vornehme Grand Hotels, ein russischer Hof, fremdsprachige Zeitungen, Gottesdienste mit jüdischem und orthodoxem Ritus, das alles gehörte zum Alltag. Protagonist sollte, so schwebte meinem Agenten und mir vor, ein charmanter Gentleman-Verbrecher sein, der während des Falls selbst in Verdacht gerät und den wahren Täter ermitteln muss, wenn er seinen Kopf noch rechtzeitig aus der Schlinge ziehen will. Was mir noch fehlte, war ein Kapitalverbrechen, das an diesen Ort und zum Protagonisten passte, dazu ein überzeugendes Motiv und ein raffinierter Täter oder eine Täterin.

Männlich, Ende 30, kurzes Haar, braune Augen, ausdefinierter Körper

Zuerst leben die Figuren nur in meinem Kopf. Ich denke über ihre Motive und Ziele nach und über ihre Entwicklung, wie sich die Handlung entwickelt. Und dann lese ich plötzlich etwas oder, noch besser, ich erlebe es leibhaftig und dann weiß ich: Das isses! Genau so erging es mir dann, zur exakt richtigen Zeit, in einem Flugzeug auf dem Weg von Berlin nach Salzburg.

Ich nehme meinen Gangplatz ein, da taucht ein Gesicht über mir auf

BER war noch nicht eröffnet, Vor-Corona-Zeit. Berlin-Tegel, nicht der schönste aller Flughäfen, eher so ein Barackengefühl auslösend, noch dazu das letzte aller abgelegenen und zuletzt noch angebauten Terminals, allerletztes Gate, Warten auf den easyjet-Flug nach Salzburg. Boarding. Ich nehme meinen Gangplatz ein, strecke die Beine aus, da taucht ein Gesicht über mir auf, männlich, Ende dreißig, Kurzhaarschnitt, braune Augen, dunkles Haar, Vintage-Lederjacke, Jeans und helles Hemd, unter dem ein ausdefinierter Oberkörper zu vermuten ist. Typ Daniel Craig, nicht allzu groß, 1.82 vielleicht, 78 Kilo. Toller Mann, aber was will er von mir? Ob es mir was ausmachen würde, ihm meinen Gangplatz zu überlassen. Ist das jetzt plumpe Anmache, eine Unverschämtheit oder habe ich ihn einfach nur falsch verstanden, obwohl er in meiner Muttersprache sprach?

Ich bin Personenschützer. Meine Schutzperson befindet sich in der Nähe

„Ich habe diesen Platz nicht zufällig gebucht”, versuche ich eine klare Linie zu fahren, „und möchte auch gern bis zur Landung hier sitzen bleiben.”

Er zieht einen laminierten Wisch aus der Tasche. „Dienstausweis” lese ich und irgendeine Abkürzung. „BKA” vielleicht. Er beugt sich weiter zu mir hinunter. „Ich bin Personenschützer. Meine Schutzperson befindet sich hier in der Nähe.” Vage Handbewegung in die Sitzreihen vor uns, keiner fühlt sich angesprochen und dreht sich zu uns um.

„Im Fall des Falles wären Sie im Weg, wenn ich während des Fluges zum Schutz dieser Person in Aktion treten müsste. Das wäre dann etwas unangenehm, für Sie wie für mich, und für die Zielperson vielleicht sogar tödlich.”

Okay, mit dem Tod der Zielperson wollte ich nun wirklich nichts zu tun haben. Ich räumte meinen Platz, setzte mich in die Mitte und erhoffte mir weitere interessante Details während der nächsten fünfzig Minuten, in denen hoffentlich nicht der Fall des Falles eintreten würde, sondern ich Zeit hätte, Mr. Craig etwas näher kennenzulernen.

Ein Wirtschaftsboss, Politiker – oder der Zeuge in einem Mafiaprozess?

Die potenzielle Schutzperson, die ich aufgrund eines zweimaligen kurzen Blickkontakts als solche ausfindig zu machen glaubte, war männlich. Ein jugendlich wirkender Fünfzigjähriger mit einer Umhängetasche, die casual-sportlich wirkte, aber ein sündteures Designerteil war. Ob er ein Wirtschaftsboss, Politiker oder der Kronzeuge in einem Mafiaprozess war, der von einem Berliner Personenschützer bewacht wurde, habe ich nie erfahren. Das Flugpersonal wusste offenbar Bescheid, denn Mr. Craig schien eine besonders zuvorkommende Behandlung zu genießen. Eine Schusswaffe konnte ich nirgendwo erkennen. Er behielt die ganze Strecke über seine Lederjacke an.

Mal sei er im Flieger, mal im gepanzerten Fahrzeug unterwegs

Als der BKA-Mann mich fragte, was ich so mit meinem Leben anfange, und er erfuhr, dass ich Kriminalromane schreibe, funkelten seine dunklen Augen wie Kohle im Mondlicht. Wenn er einen Krimi schreiben würde, vertraute er mir an, dann wüsste er schon, wer als idealer Täter allein in Frage käme. Ein Personenschützer, genau so einer wie er selbst. Heute Berlin, morgen Wien oder seinetwegen auch Salzburg, Bukarest oder München. Kein Mensch könnte seine rasch wechselnden Aufenthaltsorte nachvollziehen oder ein Muster darin erkennen, wenn es sich um eine Serie von Verbrechen handelte. Mal sei er mit dem Flieger, mal im gepanzerten Fahrzeug unterwegs. Die Weidel habe er letztens mal gefahren, die sei privat völlig anders als im Fernsehen, richtig lustig. Und da machte es bei mir „klick”. Nicht wegen der Weidel, sondern wegen der anderen Sache, der mit dem Personenschützer. Na, einfach „Kurschattenaffäre” lesen, dann erfahren Sie es.

Darum geht es in Lisa Graf-Riemanns „Kurschatten-Affäre“:

Alexander „Sascha“ Maiensäss weiß, dass er zu Höherem berufen ist. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, dass sein Medizinstudium gescheitert ist und er als Gelegenheitscroupier Nachtschichten im Casino schiebt. Als falscher Physiotherapeut wickelt er die weibliche Klientel um den Finger und schlägt sich auch sonst ganz gut durchs Leben. Diesen Lebemann und charmanten Schwindler wählt die Krimiautorin Lisa Graf-Riemann als Protagonisten in ihrer neuen Krimi-Reihe. Hier sind unkonventionelle Ermittlungsmethoden vorprogrammiert! Als Sascha sich auf eine Affäre mit Kurgast Mira Schimmel einlässt, wird es eng für ihn. Denn ihr Ehemann, zwanzig Jahre älter und ein angesehener Facharzt, wir kaltblütig ermordet – und der Verdacht fällt prompt auf den Liebhaber mit dem zweifelhaften Leumund. Kann Sascha seinen Kopf rechtzeitig aus der Schlinge ziehen?

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