Ex-Kommissar Brenner arbeitet jetzt auf dem Wertstoffhof. Die Leichenteile hätte es da nicht gebraucht. In Wolf Haas‘ „Müll“ geht es auch um Organe

„Müll“ ist der 9. Kriminalroman um Wolf Haas‘ knorzigen Ermittler Brenner

2. Juni 2022 | Jörg Steinleitner

Wolf Haas

Müll

ISBN 978-3-455-01430-3

288 Seiten | € 24,00

Hoffmann & Campe

Romantik (1/5)

Komik (5/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (4/5)

Titelbild Müll

Wolf Haas erweist sich auch in Fall 9 als verlässlicher “Brenner”-Lieferant

Wolf Haas, das muss man jetzt einfach einmal in aller literarischer Dankbarkeit festhalten, ist der verlässlichste “Brenner”-Krimi-Lieferant der Welt. Auch in „Müll“ dem 9. Band über den Wiener Ex-Kommissar, darf man sich auf einen sich solide chaotisch entwickelnden Fall freuen, in dem – ganz Brenner-typisch – das eine oder andere eigentlich syntaxnotwendige Wort fehlt. Das ist der Brenner-Stil. Den erwarten und den mögen wir.

Der Brenner ist sozusagen obdachlos und arbeitet im Wertstoffhof

Aber es gibt auch Neues zu berichten: Der Brenner ist jetzt nämlich Müll-Arbeiter in einem Wiener Wertstoffhof. Um den Abstieg komplett zu machen, hat ihm Wolf Haas zudem das Obdach entzogen: Der Brenner wohnt in Häusern, deren eigentliche Bewohner gerade nicht daheim sind. Weil das häufiger bei betuchten Bewohnern der Fall ist als bei Normalverdienern – nur jemand eher Reicher hat eine Zweitwohnung, die für den Brenner leer stehen kann – lebt der Brenner aber vom Komfort her gar nicht schlecht.

In einer luxuriösen Wohnumgebung schnappen die Handschellen zu

Diese an sich luxuriöse Wohnsituation bringt nur die Nebenwirkung mit sich, dass der eigentliche Bewohner jederzeit nach Hause kommen kann. Im 9. Brenner-Fall handelt es sich um eine Bewohnerin – und die packt dann auch noch gleich die Handschellen aus, welche üblicherweise dem Ehemann, einem Arzt, bei der Standhaftigkeit in erotischen Situationen geholfen haben. Aber so ins Detail wollen wir gar nicht gehen.

Ein Knie macht den Anfang – es folgen weitere Leichenteile

Das Kriminelle kommt in „Müll“ in Form einer zerteilten Leiche daher: Nach dem Knie tauchen in verschiedenen Wertstoffbehältnissen des Recycling-Hofs weitere Körperteile eines Mannes auf. Die ermittelnden Kripo-Beamten staunen nicht schlecht, als sie bei ihren Recherchen auf den Ex-Kollegen Brenner treffen: Hat der Brenner etwas mit dem menschlichen Ersatzteillager auf dem Wertstoffhof zu tun?

Wolf Haas geht es um Organe an der Grenze zwischen BRD und Austria

Im Laufe der Verwicklungen stellt sich heraus, dass von der Leiche alles da ist, außer das Herz. Womit Wolf Haas die Tür öffnet zu einem Thema, das in Deutschland und Österreich offensichtlich unterschiedlich gehandhabt wird: Organspende. In Österreich landet jedes Organ anscheinend automatisch im großen Topf und man muss widersprechen, wenn man dies nicht will. In Deutschland muss man zustimmen, wenn man sein Organ einem anderen zur Verfügung stellen will. Beides sollte – verständlicherweise – vor dem eigenen Tod geschehen. Interessant wird es bei Todesfällen im Bereich der Landesgrenze. Auch hierzu liefert Wolf Haas interessante Diskussionsbeiträge.

Was über die Qualität von „Müll“, dem 9. Brenner-Krimi, zu sagen wäre

Wie ist es nun um die Qualität dieses neunten Brenner-Werks bestellt? Zweifellos macht die Lektüre von der ersten Seite an große Freude. Die knorzige Sprache, die schrägen Figuren, der unwahrscheinliche Fall – hier zeigt sich Wolf Haas in gewohnter Schöpferkraft und zaubert einem mit seinem abgründigen Humor und den uns vom sympathisch unzuverlässigen Erzähler eingeflüsterten, finsteren Lebensweisheiten viele kleine Lächeln auf die Lippen. Ehrlichkeitshalber muss man aber sagen, dass der Kriminalroman hinten raus ein wenig zerfleddert. Die Luft ist vor der letzten Seite schon ein wenig draußen. Aber der Fall und die unorthodoxe Art der Aufklärung waren letztlich noch nie der Grund, wieso man den Brenner mochte, sondern alles, was zwischen den Zeilen und Verbrechen so passiert. Und diesbezüglich ist auch dieser Brenner wieder alles andere als „Müll“, sondern vielmehr bester literarischer Wertstoff.


 

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