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Aus dem Urlaub zurückgekehrt riecht die Frau unseres Kolumnisten Verwesungsgeruch im Hausflur

Titelbild Kolumne Steinleitners Woche 154

5. September 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Was, wenn eine Frau im eigenen Haus Leichengeruch riecht, den sonst niemand riecht? Was, wenn ihr Mann, es ist unser Kolumnist, ein Geheimnis hat? Eine Kolumne über Geister, Psychopathen und Familie.


Meine Frau Helena behauptet, in unserem Flur rieche es nach Verwesung

Seit unsere Familie aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, haben wir ein Problem: Meine Frau Helena behauptet, in unserem Flur rieche es nach Verwesung. Als Krimiautor ist dies grundsätzlich ein Geruch, der mich inspiriert. Denn verwesen nicht auch Leichen? Kann man da vielleicht einen Roman draus stricken? „Ostfriesenverwesung“? (K.P. Wolf) „Im Flur riecht nur der Tod verwest“ (Jörg Maurer)? „Flurverwesungsblues“ (Rita Falk)?

Was, wenn in unserem Haus ein Mord stattgefunden hat?

Ständig bin ich auf der Suche nach spannenden Geschichten: Was, wenn während der Zeit unserer Abwesenheit ein Mord in unserem Haus stattgefunden hat? Und der Mörder hat die Leiche noch eine Weile im Flur liegengelassen, weil er … Nun, ja, warum? Vielleicht, weil er erst noch meine Waffensammlung inspizieren musste? Oder meine Socken anprobieren? Oder meinen Thunfisch aus der Dose aufessen?

Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, das nicht einmal meine Frau kennt

Ich liebe Thunfisch aus der Dose. Leider behaupten Helena und die Kinder, Dosenfisch rieche nach Katzenfutter. Aber – psst – darf ich Ihnen was verraten? Ich esse heimlich Dosenfisch. Wenn alle aus dem Haus sind. Sobald ich ihn verzehrt habe, stecke ich die leere Dose in eine Gemüsetüte und dann noch in eine Plastiktüte, verschnüre das Ganze und trage es sofort zur Mülltonne. Dort versenke ich die Tüten mit dem Dosenfisch und lege obendrauf unverfänglicheren Müll. Zurück in der Küche spüle ich den Teller und die Gabel, mit der ich den Dosenfisch gegessen habe, sofort ab. Mit extra viel Spülmittel. Und stelle alles zusätzlich noch in die Geschirrspülmaschine. Dann putze ich zweimal die Zähne. Einmal elektrisch und einmal manuell. Mit der extrascharfen Zahnpasta. Das Beste: Helena und die Kinder habe mich noch nie beim Dosenfischessen erwischt! Sie haben keine Ahnung, dass ich sie hintergehe. Finden Sie auch, dass mein Verhalten durchaus etwas Psychopathisches an sich hat?

Love-Bombing ist ein Merkmal, an dem man den Psychopathen erkennt

In der Huffington Post gibt es einen Artikel zum Thema „Ist Ihr Partner ein Psychopath? Diese 10 Anzeichen verraten es“. Love-Bombing ist anscheinend so ein Anzeichen. Love-Bombing heißt: „Beim ersten Date wird er Ihnen erzählen, dass Sie atemberaubend schön, unglaublich intelligent und wahnsinnig witzig sind.“ Ich bin sehr irritiert, als ich das lese. Denn natürlich sage ich Helena jeden Tag, dass sie atemberaubend schön, unglaublich intelligent und wahnsinnig witzig ist. Es stimmt ja auch. Aber das geht so weiter: „Der Psychopath ist wie Sie. Er versucht, Sie zu überzeugen, dass Sie Seelenverwandte sind.“ Hallo?, frage ich da: Na klar sind Helena und ich Seelenverwandte. Sonst wären wir ja wohl nicht seit dreiundzwanzig Jahren ein Paar! Sind wir also Psychopathen? Muss man vielleicht ein Psychopath sein, um so lange beisammen zu bleiben? Und was ist mit Helena? Ist sie auch eine?

Eines Tages komme ich drauf: Womöglich riecht Helena Geister!

Nun, was dafür spricht: Sie riecht Leichen, die sonst keiner riecht. Seit wir aus dem Urlaub zurück sind, kriechen wir mehrmals am Tag mit aufblähten Nüstern über den Fliesenboden. Ich rieche alles Mögliche: Staub. Käsegeruch, weil der Kühlschrank eben offen stand. Kuhkacke, weil eben ein Bauer mit seinem Güllefass vorbeigefahren ist. Aber keine Leiche. Was seltsam ist: Helena riecht die Verwesung immer an anderen Stellen im Flur. Manchmal auch gar nicht auf dem Boden, sondern auf Hüfthöhe – oder sogar hinter der Garderobe. Riecht sie Geister?

Geisterexperten sagen: Ja, man kann Geister riechen

Auf der Geisterjägerseite allmystery.de schreibt User eincorgi: „Es gibt viele Berichte darüber, dass Menschen Gerüche wahrnahmen, die auf unerklärliche Art und Weise auftauchten und wieder verschwanden. Unerklärliche Gerüche sind ein fester Bestandteil mancher Geistererscheinungen und können sowohl positiv (Parfumgeruch, etc.) als auch negativ (Verwesungsgeruch, etc.) sein. Die Antwort auf die gestellte Frage lautet aus diesem Grund: Ja, man kann die Geister auch riechen.“

Allerdings bestehen Geistern aus „Molekühlen“, und die riecht man nicht

Als ich mich schon darüber freue, dass nun klar ist, dass Helena in unserem Flur Geister riecht, stoße ich leider auf den Post von User pumpkin: „Riechen tut man Atome/Molekühle und ein Geist besteht anscheinend nicht aus Materie. = ergo sie können nicht riechen.“ Mir gefällt die Schreibweise von „Molekühle“, aber der Rest dieser Expertenmeinung ist natürlich enttäuschend.

Die Lösung des Rätsels liegt unter einer Ausgabe von „Das Parfum“

Zum Glück liest mein Sohn Leonhard die Süddeutsche Zeitung. Die berichtet, dass viele Menschen Phantom-Gerüche wahrnehmen. Frauen sind stärker davon betroffen als Männer. Im Alter von vierzig bis sechzig ist es am Schlimmsten. Männer kennen das Phänomen der olfaktorischen Halluzinationen nicht halb so häufig. Und sie gehen eher stoisch damit um, liest Leonhard uns vor.
Am Ende finden wir die tote Maus dann doch noch. Sie liegt hinter dem Bücherregal. Ziemlich nah an der Originalausgabe von Patrick Süskinds „Das Parfum“. Wir beerdigen das Tier im Garten. Wir fühlen uns gut. Der Geisterfall ist aufgeklärt. Allerdings: Am Tag nach der Mäuse-Beisetzung ertappe ich Helena, wie sie im Flur herumschnüffelt. Auf meinen kritischen Blick hin fragt sie: „Riechst du das nicht? Es riecht hier doch total nach Verwesung!“

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Krüger

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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