Frau Bluhm liest: „Die Kreuzfahrer“ 4 von 5 Blu(h)men

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Wladimir Kaminers Roman „Die Kreuzfahrer“ – kritisch gelesen von unserer Kolumnistin Frau Bluhm

Titelbild Die Kreuzfahrer Wladimir Kaminer

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28. August 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Frau Bluhm liest Wladimir Kaminers „Die Kreuzfahrer“ und muss sehr oft lachen. Auch erkennt sie vieles wieder, was sie selbst auf einer Kreuzfahrt erlebte. Aber sie übt auch Kritik. Hier ist ihre Kolumne.


Frau Bluhm liest: „Die Kreuzfahrer“ 4 von 5 Blu(h)men


 

8 Länder in 10 Tagen. 5 köstliche Mahlzeiten und ein Hauptpreis

Als ich 14 Jahre alt war, setzten sich meine Eltern in den Kopf, eine Kreuzfahrt zu machen. Und ich musste mit. Aber ich hatte im Vorjahr „Titanic“ im Kino gesehen und deshalb gestrichen die Hosen voll, als ich nach einer 14-stündigen Busfahrt ohne Klimaanlage in Genua am Hafen stand, und zum ersten Mal die „Rhapsody“ aus der Nähe betrachten konnte. Es wurde trotzdem der schönste Urlaub meines bisherigen Lebens. 8 Länder des Mittelmeeres in 10 Tagen. Jeden Morgen wachte man auf und war an einem anderen exotischen Ort, den man noch nie zuvor gesehen hatte. Dazu 5 köstliche Mahlzeiten am Tag, Sonne satt und Bespaßung, wohin das Auge nur blickte. Meine Eltern gewannen sogar den ersten Preis der bordinternen Quizshow. Nie war ich stolzer!

Ich war aufgeregt, Wladimir Kaminers „Die Kreuzfahrer“ zu lesen

Dementsprechend aufgeregt war ich, als ich über das Buch „Die Kreuzfahrer“ stolperte, in dem Wladimir Kaminer seine eigenen Erfahrungen von vier Kreuzfahrten zusammengetragen hat. Wladimir Kaminer war mir ein Begriff durch seinen mehrfach ausgezeichneten und verfilmten Erzählband „Russendisko“ und ich freute mich sehr darauf, von seinen Erfahrungen auf den Schiffen zu lesen.

Schon auf den ersten Seiten der Lektüre passiert etwas mit mir

Ich wurde nicht enttäuscht. Der von ihm so wohl bekannte und bissige Humor begrüßte mich bereits im Prolog des Buches. Bereits ab Seite 4 fühlte ich mich wohl und aufgehoben in seinem federleichten und leicht zu lesenden Schreibstil. Die Bilder und Personen, die er mit seinen Worten zeichnet sind so bunt und lebendig, man hat am Ende fast das Gefühl selbst dabei gewesen zu sein. Gleichzeitig war es sehr interessant von seinen Erfahrungen in den verschiedenen Ländern zu hören, bei deren Erläuterungen er auch nicht mit wohlüberlegter Kritik gespart hat. So verwebt er in seinen Erzählungen lustige Anekdoten mit kritischer Darstellung weltpolitischer Themen und heraus kommt ein Buch, das sich zwar leicht lesen lässt, aber keines Falls leichte Kost ist.

Ich musste beim Lesen sehr oft über Kaminers Humor lachen

Wladimir Kaminers Darstellung des Alltags auf einem Kreuzfahrtschiff ist sehr realistisch und lustig. Genau wie ich es aus meinen Erfahrungen auch bestätigen kann. Ich glaube, ich habe wirklich nie eine dermaßen hohe Zahl an in Schubladen passende Menschen gesehen, wie auf der Rhapsody. Beim Lesen könnte man glauben, Wladimir Kaminer übertreibe hier absichtlich, um den einen oder anderen Lacher zu provozieren, doch ich kann bestätigen: Seine Darstellungsweise ist weder überzogen, noch realitätsfern. Irgendwie scheinen die Menschen in ihr angeborenes und anerzogenes Stereotyp zu verfallen, sobald sie mit Hunderten Artgenossen in einer Blechbüchse übers offene Meer schippern. Es stimmt wirklich alles an seiner Erzählung, die gewürzt durch seine humoristische Darstellung wirklich ein inneres Lesefest ist. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich beim Lesen laut lachen musste.

Allerdings hat mir in „Die Kreuzfahrer“ ein Aspekt vollkommen gefehlt

Was mir allerdings völlig gefehlt hat, ist die positive, traumhafte und romantische Seite einer solchen Reise. Wladimir Kaminer versinkt in seiner selbstironischen Darstellung so in den negativen Seiten einer Kreuzfahrt, dass er für die schönen keinen Platz mehr hat. Die Schönheit der fast unberührten Natur, das Licht das Sonnenaufgangs, wenn um dich herum nichts weiter existiert als Wasser, die vielen verschiedenen und vielfältigen Kulturen und Menschen, die man sieht; oder auch nur die Milliarden von Sternen, die ich nie mehr so deutlich sehen konnte, wie in einer Nacht am Deck. Diese vielen wunderschönen Kleinigkeiten haben keinen Platz in „Die Kreuzfahrer“, und das finde ich ein bisschen schade. Klar, er wollte darauf hinweisen, dass Kreuzfahrtveranstalter mittlerweile den Massentourismus bedienen. Auf die Abfertigung von Passagieren in Fließbandmanier und die touristische Ausbeutung von Zielorten. Doch bin ich mir sicher, das Kritische wäre mit dem Schönen kombinierbar gewesen. Denn ehrlich gesagt: Wäre ich nicht so begeistert von meiner eigenen Kreuzfahrt, dann hätte ich, nachdem ich Wladimir Kaminers „Die Kreuzfahrer“ gelesen habe, bestimmt keine mehr unternommen.

Und soll man Wladimir Kaminers „Die Kreuzfahrer“ nun lesen?

Mein Fazit ist also klar: Ich kann jedem empfehlen einmal in seinem Leben eine Kreuzfahrt zu unternehmen. Und ich kann jedem empfehlen, anschließend Wladimir Kaminers Buch zu lesen. Aber bitte genau in dieser Reihenfolge.

 

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

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