Vom Widerstandskämpfer bis zum Holocaust-Überleben – in „Jahrhundertzeugen“ lässt Tim Pröse Menschen von der schlimmsten Epoche deutscher Geschichte erzählen.

Tim Pröse befragte für „Jahrhundertzeugen“ 18 Überlebende der Nazi-Zeit

24. Juni 2022 | Frau Bluhm

Titelbild Jahrhundertzeugen


Frau Bluhm liest „Jahrhundertzeugen“: 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Ein berührendes Buch mit 18 Zeitzeugen der Hitler-Diktatur

Für sein neues Buch hat Tim Pröse das Gespräch mit 18 der letzten Zeitzeugen der Hitler-Diktatur gesucht. Der Stil des Autors bleibt dabei stets zurückhaltend. Er lässt die Menschen mit ihrer Geschichte für sich sprechen. Man spürt in jeder Zeile Demut. „Jahrhundertzeugen“ ist ein berührendes Buch. Ich merke jetzt gerade, wie schwer es mir fällt, das Gelesene in Worte zu fassen. Ich kann mir noch nicht mal ausmalen, wie schwer es Tim Pröse gefallen sein muss, diese unglaublichen Geschichten aufzuschreiben. Man merkt, dass der Journalist oftmals den Schleier hebt, der zwischen ihm als Profi, und der Person als Erzähler steht. Er nimmt Anteil am Schicksal, das kann man beim Lesen fühlen.

Berthold Beitz fungiert als Figur, die alles zusammenhält

So erleben wir den Industriellen Berthold Beitz, der mehr als 1.500 Menschen aus den Zügen gerettet hat, die ins Konzentrationslager fahren sollten. Er dient Tim Pröse als Klammer vom Prolog bis zum Epilog seines Buches, und ziert auch das schlicht gestaltete Cover. Schlicht ist übrigens ein gutes Stichwort. Das ist es, was mich beim Lesen dieser Geschichten am meisten eingenommen hat: Wie schlicht die Selbstdarstellung dieser Leute war oder ist. Keine der von Tim Pröse interviewten Personen würde sich selbst als Held beschreiben. Vielleicht gerade deshalb erscheinen alle von ihnen als Helden der Menschlichkeit.

Von Sophie Scholl bis hin zum ehemaligen Soldaten Kurt Keller

Allen voran die wohl bekannteste Zeitzeugin Sophie Scholl, deren Schwester Inge in diesem Buch zu Wort kommt. Die wertvollen Worte, die über diese junge, so mutige Frau, gesprochen werden, rührten mich beim Lesen fast so sehr, wie ihre eigenen schriftlichen Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Unter den 18 Jahrhundertzeugen sind aber auch unbekannte Menschen zu finden. Wie etwa der ehemalige Soldat Kurt Keller, der seine Erlebnisse am D-Day mit uns teilt, oder Edgar Feuchtwanger, der als kleiner Junge Hitlers Nachbar in München war. Jede Geschichte ist wichtig.

Wie würden wir uns unter einer Schreckensherrschaft verhalten?

Keiner von uns Millennials kann auch nur ernsthaft annehmen einschätzen zu können, wie er oder sie sich selbst unter solch einer Schreckensherrschaft verhalten würde. Leider hat der Großteil unserer Gesellschaft vergessen, was Heldenmut und Dankbarkeit sind, oder es wurde uns der Sinn für Gemeinschaft und Demut konsequent aberzogen. Gerade diese Eigenschaften sind es aber, die die Welt zu einem besseren Ort machen könnten. Letztendlich sind es auch die Attribute, die unsere Welt heute genauso dringend braucht, wie sie sie im Zweiten Weltkrieg, und eigentlich schon immer, gebraucht hat.

Jurek Rotenberg, Inge Aicher-Scholl und Yehuda Bacon

Ich bin dankbar dafür, dass es Menschen wie Jurek Rotenberg, Inge Aicher-Scholl oder Yehuda Bacon gibt, die uns an ihren Geschichten teilhaben lassen. Vielleicht können wir ihre Lektüre zum Anlass nehmen, zu lernen und zu wachsen. Und dankbar bin ich dafür, dass es Journalisten wie Tim Pröse gibt, die solche Erzählungen aus dem Dunkeln ins Licht zerren, um jedem die Chance zu geben, daran teilzuhaben. Es gibt nicht mehr viele lebende Zeitzeugen der Hitler-Diktatur, die ihre eigene Stimme erheben können. Ich bin froh, dass sie durch dieses Buch ein wenig Unsterblichkeit erreichen.

Dieses häufig zitierte jüdische Sprichwort gefällt mir

„Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ – so ein viel zitiertes jüdisches Sprichwort. Ich glaube, wenn wir die Erinnerung derer retten, die etwas Wichtiges zu sagen haben, leben alle, die die Erinnerung betrifft, irgendwie weiter.

 

Unsere Buchempfehlungen zum Thema Politik und Geschichte für Sie:

 

 

 

 

 

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


Zur Biografie von Frau Bluhm



Logo BUCHSZENE.DE
Datenschutz
Wir, ContentPilots. Eine Marke der Buchwerbung der Neun GmbH (Verantwortlich für BUCHSZENE.DE) (Firmensitz: Deutschland), würden gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht uns aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl:
Datenschutz
Wir, ContentPilots. Eine Marke der Buchwerbung der Neun GmbH (Verantwortlich für BUCHSZENE.DE) (Firmensitz: Deutschland), würden gerne mit externen Diensten personenbezogene Daten verarbeiten. Dies ist für die Nutzung der Website nicht notwendig, ermöglicht uns aber eine noch engere Interaktion mit Ihnen. Falls gewünscht, treffen Sie bitte eine Auswahl: