
Der Autor ist Geschichtsprofessor und eines von elf Bauernkindern
Ewald Fries „Ein Hof und elf Geschwister“ hat in der Süddeutschen Zeitung eine hymnische Kritik bekommen und ist nun auch ein Überraschungsbestseller unter den Sachbüchern geworden. Der Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen erzählt in seinem Buch von seiner eigenen Familie. Er ist als neuntes von elf Kindern einer katholischen Bauernfamilie im Münsterland aufgewachsen.
Ewald Fries Sachbuch ist ein wichtiges Zeitdokument
„Ein Hof und elf Geschwister“ ist ein wichtiges Zeitdokument, denn es hält fest, wie sich die Landwirtschaft und damit auch das Leben der Bauern in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg radikal veränderte: Knechte, Mägde und andere Hilfsarbeiter verließen die Höfe und wurden durch Maschinen ersetzt. Dies wirkte sich natürlich auch direkt auf die privaten Lebensgewohnheiten der Landwirtsfamilien aus, zum Beispiel saßen plötzlich weniger Menschen am Mittagstisch.
Die Bauern auf den Einödhöfen waren stolz auf ihre Unabhängigkeit
Ewald Frie beschreibt die Struktur der Dörfer und auch das Verhältnis zwischen den stolzen Bauern auf ihren Einödhöfen im Verhältnis zu den sogenannten „Dörflern“ als distanziert: „Um ins Dorf zu fahren, musste es Gründe geben. Soziale Verbindungen gehörten bis in die 1960er-Jahre für Bauernfamilien wie uns eher nicht dazu. Das Dorf war ein Ort der kleinen Leute, zu denen Bauernfamilien wie wir sich nicht zählten.“
„Ein Hof und elf Geschwister“ erzählt Haarsträubendes über die Religion
Der Historiker erinnert an aus heutiger Sicht schier unglaubliche religiöse Verhältnisse: Nach dem Krieg waren viele Geflüchtete ins Dorf gezogen. Die Hälfte der Flüchtlinge war katholisch, die andere Hälfte protestantisch. „Leicht war es für beide Gruppen nicht. Aber die Katholiken konnten über die Kirchengemeinde Kontakte knüpfen. Für die Protestanten war es schwieriger. Auf dem Schulhof wurde ein Seil gespannt (vielleicht auch ein Kreidestrich gezogen, die mündliche Überlieferung ist nicht eindeutig) um Kontakte mit Andersgläubigen zu unterbinden.“ Ewald Frie stellt viele solcher Beobachtungen an, die sich insgesamt zu einem detaillierten Bild der Entwicklung des Lebens auf den Bauerndörfern zusammensetzt.
Ewald Fries Erkenntnisse basieren auch auf Befragungen seiner Geschwister
Um sich nicht allein auf seine eigenen Erinnerungen verlassen zu müssen, hat Ewald Frie seine zehn Geschwister befragt. Und da diese in einer Zeitspanne von über 20 Jahren geboren wurden, geben sie auch ziemlich unterschiedliche Erlebnisse wieder, denn der elterliche Hof durchlief einen drastischen Wandel. Der Hoferbe und älteste Bruder Hermann (geboren 1944) etwa erwidert auf die Frage, was für ihn „richtige Maloche“ gewesen sei: den Mist von Hand auf den Feldern auszubreiten und die Flächen bei der Getreideernte loszuschneiden. Man war seinerzeit so sparsam, dass man unbedingt Getreideverluste vermeiden wollte. Da aber der Ernte-Traktor mit seinem Mähwerk beim Überfahren Getreide zerdrücken konnte, mussten die Fahrspuren für den Traktor vorher von Hand ausgeschnitten werden. Zu diesem Zweck gingen zwei oder drei Leute mit Sensen voraus und bereiteten den Weg für den Traktor. Diese Arbeit verabscheute der große Bruder ebenso wie das manuelle Mistbreiten.
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