Julian Barnes: Die einzige Geschichte Buchkritik | BUCHSZENE

Er sieht sie das erste Mal beim Tennis, da ist er 19 und sie verheiratet, Mitte 40. Sie werden ein Skandal-Liebespaar. In „Die einzige Geschichte“ untersucht Julian Barnes die Untiefen der Liebe.

In Julian Barnes‘ Roman „Die einzige Geschichte“ liebt ein 19-Jähriger eine fast 30 Jahre ältere Frau

29. Mai 2019 | Jörg Steinleitner

Julian Barnes

Die einzige Geschichte

ISBN 978-3-462-05154-4

304 Seiten | € 22,00

Kiepenheuer & Witsch

Romantik (4/5)

Komik (3/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (1/5)

Unterhaltung (3/5)

Titelbild Die einzige Geschichte

© Billion Photos shutterstock-ID:637353373

Ich frage mich, ob sich die Knöpfe von ihrem Dress öffnen lassen.

Er ist noch ein Teenager, sie ist Mitte vierzig, verheiratet und Mutter zweier Töchter. Paul und Susan werden beim Doppelwettbewerb des damals noch ziemlich elitären Tennisclubs einander als Paar zugelost. Damit beginnt Julian Barnes‘ Roman „Die einzige Geschichte“. Einige Nachmittage später trifft Paul Susan auf dem Tennisplatz wieder. „Wir sehen uns an. Ich bin verdattert und gleichzeitig vollkommen ruhig. Sie trägt ihren üblichen Tennisdress, und plötzlich frage ich mich, ob sich die grünen Knöpfe öffnen lassen oder nur zur Verzierung sind. So jemand wie sie ist mir noch nie begegnet.“

Als sie jemanden über Ehebruch reden hörte, dachte sie an Bruchrechnen.

Das hört sich nach einer Amour fou an, nach einer unmöglichen Affäre und das ist es auch. Allerdings entwickelt sich die Geschichte anders, als man zunächst erwartet. Denn zum einen ist Julian Barnes ein erfahrener Erzähler, der genau weiß, wie er seine Leserinnen und Leser überraschen kann, zum anderen Zeit gilt zu jener Zeit vor etwa 50 Jahren eine wesentlich ältere, verheiratete Frau, die sich mit einem 19-Jährigen zusammentut, nicht als moderne, emanzipierte Person, sondern als sündiges Weib und Ehebrecherin. „Dabei“, so erläutert es der Erzähler, „war nie ein Mensch so frei von Sünde wie Susan, und sie hat mir einmal erzählt, als sie zum ersten Mal jemanden über Ehebruch reden hörte, dachte sie, das habe etwas mit Bruchrechnen zu tun.“

Das erste Mal findet im Hotel statt. Danach im Haus ihres Mannes.

Als die beiden das erste Mal zusammen sind „sexuell, meine ich –, erzählten wir beide die nötigen Lügen, dann fuhren wir in die Mitte von Hampshire und nahmen uns zwei Zimmer in einem Hotel.“ Die beiden werden also gegen alle gesellschaftlichen Konventionen ein Paar. Als Paul Susan das erste Mal zuhause besucht, hält er ihren Gatten für den Gärtner. Die weiteren Begegnungen finden meist im Haus von Susan und ihrem Mann statt. Ihre Beziehung ist ein Skandal, man wirft das Liebespaar aus dem Tennisclub. Später beginnt Paul ein Jurastudium und sie ziehen in die Stadt. Susan bleibt dennoch stets mit ihrem Mann verheiratet.

Die Beziehung entwickelt sich zunehmend zum Problem.

Paul wird an Susans Seite erwachsen, sie verwandelt sich nach und nach in eine ältere, dann in eine alte Frau mit Alkoholproblemen. Und das Zusammenleben der beiden wird immer schwieriger, denn der Altersunterschied, der für Paul und Susan persönlich nie eine Rolle spielte – für alle Außenstehenden sehr wohl – entwickelt sich doch zunehmend zum Problem.

Mich beschleicht bei der Lektüre zunehmendes Unwohlsein.

Das Ende dieser Geschichte ist kein schönes. „Er hatte geglaubt, er könne sie erlösen“, erklärt der Erzähler an einer Stelle. Dieses Vorhaben misslingt gründlich. Und daran liegt es auch, dass die Freude an der Lektüre von Julian Barnes‘ elegant formuliertem Roman sich mit zunehmender Seitenzahl in ein unterschwelliges Unwohlsein verwandelt. Will ich dieser traurigen Geschichte wirklich bis zum Ende folgen? Diese Frage geisterte bereits ab der Hälfte permanent durch meinen Kopf.

Liebe: Als hätte die Lunge der Seele sich plötzlich mit Sauerstoff gefüllt.

Wer dennoch dranbleibt, wird entschädigt durch viele, kluge Gedanken rund um die Liebe. Eines der Hobbies des Erzählers ist es, Definitionen der Liebe zu suchen, zu finden und zu sammeln. „Liebe ist das gewaltige und schlagartige Schwinden eines lebenslangen Stirnrunzelns. Liebe als Botox“ notiert er in sein Notizbuch. Oder: „Liebe ist das Gefühl, als hätte die Lunge der Seele sich plötzlich mit reinem Sauerstoff angefüllt.“

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