Herr Fleischhauer, Ihr neuer Thriller „Das Meer“ erzählt von einer skrupellosen Fischereimafia, die über Leichen geht, um sich ihre Profite zu sichern. Gab es ein konkretes Erlebnis, das Sie veranlasste, dieses Thema in einem Thriller zu verarbeiten?
„Das Meer“ ist der dritte Teil einer Romanreihe über gesellschaftliche Fragen, die mir auf den Nägeln brennen. „Torso“, der erste Band, handelte von der unfasslichen Gier unserer sogenannten Eliten, dargestellt am Berliner Bankenskandal. In „Schweigend geht der Wald“ ging es um das schleichende Gift von Verdrängung. „Das Meer“ befasst sich erneut mit dem Thema Gier, allerdings nicht mehr am Beispiel der obszönen, krankhaft-asozialen Verhaltensmuster einer kleinen privilegierten Clique, sondern anhand der weltumspannenden Maschine aus Profit und Zerstörung, an der wir alle als Verbraucher zwangsläufig teilhaben – teils aus Unwissen, teils aus Bequemlichkeit, teils aus Resignation. Das Meer, beziehungsweise die legale und die illegale Fischereiindustrie, ist die Bühne, auf der unser kollektives Versagen beim Maßhalten im Umgang mit der Welt verhandelt wird, denn wir laufen gegenwärtig Gefahr, diese Welt buchstäblich zu Tode zu verbrauchen.
Im Stil der großen amerikanischen Thrillermeister umfasst Ihr Werk den gesamten Globus mit Schauplätzen in Südostasien, Europa und in Südamerika. Sie beschreiben das alles sehr genau – vom Luxushotel bis zum Flüchtlingscamp in Burma. Woher haben Sie all diese Details – hinreisen konnten Sie ja vermutlich nicht überall?
Als Thrillerautor sehe ich mich zwar nicht, aber soweit es irgendwie geht, suche ich die Schauplätze meiner Romane schon persönlich auf. Für „Schule der Lügen“ war ich zweimal sechs Wochen in Indien unterwegs, für „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ habe ich mich dreimal längere Zeit in Buenos Aires aufgehalten. Für die Recherchen für „Das Meer“ bin ich u.a. nach Rangoon gereist, und auf einer Reise in den Senegal habe ich gesehen, wie die von uns industriell leergefischten Küsten in Afrika aussehen und wie der kümmerliche Rest verarbeitet wird, der den Leuten bleibt.
Recherchereisen sind für Sie unverzichtbar?
Ja, und zwar ganz gleich, ob es um zeitgenössische oder historische Stoffe geht. Gerade jetzt war ich für mein nächstes Projekt im Medici-Archiv in Florenz und habe eine vierhundert Jahre alte diplomatische Geheimkorrespondenz samt Dechiffrierschlüssel ausgegraben, die ich ansatzweise aus Sekundärquellen schon kannte, aber noch nie im Original gesehen hatte. Meine Muse ist die Welt, bzw. manchmal auch das Archiv. Man findet da Dinge, die man sich im Traum nicht ausmalen könnte. Ich muss die Lebenswelt meiner Figuren kennen. Es würde mir schwerfallen, über eine Milonga oder einen indischen Ashram zu schreiben, ohne selbst jemals den Fuß dort hineingesetzt zu haben. Die Einbildungskraft kann viel leisten, aber die eigene Anschauung, die eigenen Gefühle und Eindrücke sind für mich unverzichtbar, um mich in meine Figuren hineindenken zu können.
Sie erzählen den Roman aus verschiedenen Perspektiven, u.a. aus jener der jungen Fischerei-Beobachterin Teresa, die spurlos von einem Fischfangschiff verschwindet; aus jener ihres Geliebten John Render in Brüssel; aus jener der Umweltaktivistin Ragna di Melo und aus der Sicht eines Schweizer Fischerei-Lobbyisten. Hatten Sie beim Schreiben einen Trick, um nicht den Überblick über die komplexe Handlung zu verlieren? Wie haben Sie das geschafft?
Wie ich im Nachwort angedeutet habe, zerfällt das Buch vor allem in zwei Erzählstränge- und perspektiven, die ich lange Zeit nicht verbinden konnte. Man könnte sagen: Der Roman (Adrian) und der Thriller (die Umweltaktivisten) kamen sich ständig in die Quere. Aber das ist bei fast all meinen Büchern der Fall. Ich sagte ja schon, dass ich mich nicht als Thriller- oder Krimi-Autor sehe.
Einen reinen Genre-Roman wollen Sie nicht schreiben?
Nein, aber „Literatur pur“ ist auch nicht mein Ding. Die Einzelperspektive der literarischen Form wird mir irgendwann immer zu klein, zu privat; die Totalperspektive des historischen Romans, des Thrillers oder Krimis hingegen ist mir zu groß und vor allem zu äußerlich. Meiner Ansicht nach braucht eine gute Geschichte von beidem etwas.
Sie haben also die Formen vermischt.
Und zwar von Anfang an: schon in meinem ersten Roman, der von der Form her ein Palimpsest ist, ein Pastiche. Es gibt leider kein deutsches Wort für diese Verfahren, wo man etwas Bestehendes nimmt und etwas Neues darüberlegt oder bekannte Elemente neu zusammenmontiert. Ich bin ein großer Fan des postmodernen Romans, der diese Verfahren zunächst experimentell, für ein kleines Lesepublikum, in die Literatur eingeführt hat. Jetzt ist, glaube ich, die Zeit gekommen, da diese hybriden Erzählformen von einem größeren Publikum nicht nur verstanden, sondern sogar gefordert werden, weil die eigene Lebenserfahrung nun auch dort angekommen ist.
Die Welt fügt sich nicht mehr in die alten Muster?
Ja, das Reale und das Imaginäre vermischen sich mehr und mehr. Wir leben längst in einer Art Hyperrealität, die Jean Beaudrillard vor vierzig Jahren prophezeit hat. Daher wäre es seltsam für mich, beim Schreiben so zu tun, als sei alles wie früher. Ich muss das mitdenken und es findet seinen Niederschlag unter anderem in der Suche nach neuen Formen.
Stimmen die Fakten in „Das Meer“ alle – oder anders gefragt: Wieviel Fiktion, wieviel Wirklichkeit steckt in Ihrem Roman?
Ich schreibe Faction, also eine Mischung aus Fact und Fiction. Wie oben beschrieben, gehe ich in die Welt bzw. ins Archiv, finde meine Inspiration dort und bin selbstverständlich bemüht, keine sachlichen Fehler zu machen. Aber ein Roman ist kein Sachbuch. Die Fakten sollten stimmen, vor allem wenn sie in der Auseinandersetzung zwischen den Figuren eine zentrale Rolle spielen. Aber die zentrale Frage ist nicht, ob irgendein Detail real oder plausibel erfunden ist, sondern immer nur der Werte-Konflikt zwischen den handelnden Figuren.
Apropos Werte. Was stellt für Sie ein Roman oder eine Erzählung in dieser Hinsicht dar?
Eine Erzählung oder ein Roman sind für mich immer eine moralische Unternehmung (keine moralisierende!), ein Glaubenskampf (kein Religionskrieg!), eine Sinnstiftung mit erzählerischen Mitteln. Es geht immer um Gut und Böse, richtig und falsch, Wahrheit und Lüge. Die Fakten oder Tatsachen müssen soweit stimmen, dass sie vom eigentlichen Duell der Wahrheiten, bei dem wir mitfiebern, nicht ablenken und dieses völlig unglaubwürdig machen. Ob die Tatsachen aus der Wirklichkeit entnommen werden oder komplett erfunden sind wie etwa im Science-Fiction oder Fantasy Genre, ist dabei völlig gleichgültig. Die erzählte Welt muss kohärent und stimmig sein und als optimale Bühne für den Konflikt der Wahrheiten und Vorstellungen zwischen den Figuren taugen.
Würde die echte Fischereimafia so weit gehen, Menschen zu töten?
Warum stellen Sie die Frage im Konjunktiv? Es sind bereits Fischereibeobachter ermordet worden und der jüngste Fall von Keith Davis, der während eines Umlade-Manövers im Pazifik von einem Trawler „verschwand“, wird nicht der letzte ungeklärte „Unfall“ gewesen sein.
Das wusste ich nicht.
Die Arbeitsbedingungen auf manchen thailändischen Trawlern kann man nur als Sklaverei bezeichnen. Auf diesen Fischerei-Galeeren gibt es viele ungeklärte Todesfälle. In der Thunfisch-Fischerei im Pazifischen Ozean herrscht totale Anarchie, man kämpft dort mit Wild-West-Methoden. Der Begriff „Mafia“ ist hier übrigens ein wenig irreführend, denn industrielle Fischerei wird ja von Staaten genehmigt und subventioniert und nicht nur von irgendwelchen Dunkelmännern des organisierten Verbrechens betrieben.
Viele Facetten des legalen Fischfangs kommen einem Verbrechen an der Natur gleich.
Genau. Trotz aller Warnungen von Wissenschaftlern werde viel zu hohe Fischereiquoten festgesetzt und auch noch zwischen den großen Fischereinationen gehandelt, was unter anderem dazu führt, dass in armen Ländern die Bevölkerung kaum noch etwas fängt, weil die Regierung dort die Quoten verkauft hat, die ausländische Mega-Trawler mit ihren gigantischen Netzen in kürzester Zeit abfischen. Die Beifang-Problematik, dass also für ein Kilo Speisefisch im Durchschnitt acht bis zehn Kilo „Biomasse“ vernichtet werden, kann man kaum anders denn als Ausrottungsprogramm bezeichnen. Darüber hinaus gibt es dann auch noch die sogenannte illegale Fischerei, die das Problem verschlimmert. Das ist ja das Problem: die Grenzen zwischen verbrecherisch agierenden Unternehmen, Regierungskriminalität, -versagen oder -komplizenschaft und organisiertem Verbrechen verwischen sich mehr und mehr.
In „Das Meer“ riskieren Ökoaktivisten den Tod vieler Verbraucher, um den Menschen das Fischessen zu vermiesen. Was Sie da beschreiben, ist aber hoffentlich ein Horrorszenario, oder?
In meinem Szenario wird kein einziger Mensch getötet. Eine Ciguatera-Vergiftung mit dem genetisch veränderten Algentoxin meiner „Öko-Terroristen“ ist nicht lebensbedrohlich. Allerdings erzeugt sie, wie das reale Algengift, Übelkeit und danach eine lebenslange Unverträglichkeit für Fischprodukte. Meine fiktiven Ökoaktivisten bringen also niemanden um, sondern sie errichten durch ihren Sabotageakt eine unüberwindbare biologische Schranke. Fischereierzeugnisse werden auf raffinierte Weise vergällt, sodass sie für Homo Sapiens ungenießbar werden.
Was halten Sie von der heutigen industriellen Fischerei und Fischzucht?
In der gegenwärtigen Form und Größenordnung sind die industrielle Fischerei und -zucht sowohl ökonomisch als auch ökologisch betrachtet völlig absurd, nicht viel anders als die industrielle Fleisch- oder Geflügelindustrie. Das Horrorszenario steht nicht in meinem Roman, sondern in unseren Kühlschränken und Tiefkühltruhen. Der Horror ist der Status Quo, die Unterjochung eines ganzen Planeten unter die zunehmend zweifelhaften Ernährungsbedürfnisse einer einzigen Art: Homo Sapiens.
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