Tobias O. Meißner: Hiobs Spiel 4 Weltmeister | BUCHSZENE

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Tobias O. Meißner im Interview – über Horror und seinen Roman „Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“

Hiobs Spiel

Autor: © Jenny-Mai Nuyen; Hintergrund: © Andrei K – Shutterstock.com-ID: 201568730

22. April 2018 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten


Tobias O. Meißners „Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“ ist ein kreatives, mitunter schockierendes Stück Horrorliteratur. Der Autor des schön gestalteten Bands erklärt im Interview wie alles kam mit Hiob.


Herr Meißner, ich habe Ihren Roman „Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“ gelesen, ohne die Vorgängerbände zu kennen. Was halten Sie von meinem Einstieg mittendrin – kann man das machen oder ist das respektlos Ihrem Werk gegenüber?

Natürlich kann man das machen. Bei einem Zyklus, der auf fünfzig Jahre Laufzeit angelegt ist, ist es sogar naheliegend, beim aktuellsten Band einzusteigen. Wenn man dann wissen will, was vorher alles passiert ist, kann man die Vorgängerbände sozusagen als „Prequel“ lesen. Wenn man aber alles chronologisch erfahren und den gesamten Entwicklungsbogen mitverfolgen möchte, sollte man natürlich bei Band 1 anfangen.

Ihr Roman steckt voller Rätsel und Geheimnisse. Da mir das Vorwissen aus den ersten drei Spielen fehlt, würde ich Ihnen gerne einige neugierige Fragen stellen. Darf ich?

Aber gern.

Die Geschichte erzählt von einem Helden namens Hiob, der im Berlin unserer Zeit lebt und von einem Wesen namens NuNdUun gezwungen wird, im Rahmen eines dubiosen Spiels lebensgefährliche Proben zu bestehen, die „Prognostica“ genannt werden. So muss sich Hiob etwa einem Feuergefecht mit einer Soldatin, einer Irrfahrt durch Berlins Schächte, Tunnel und Kanäle und einer Liebes- und Sexwoche mit einem Adonis stellen. Was ist dieser Hiob für ein Wesen – er hat ja menschliche Züge, aber ein gewöhnlicher Mensch ist er nicht, oder?

Er hat von Geburt an magische Fähigkeiten, weil er der Enkel – im vierten Band kommt heraus: eigentlich sogar eher der Sohn – eines Magiers ist. Diese Fähigkeiten wirkten sich in seiner Jugend aber überwiegend negativ auf ihn aus: Er reagierte empathisch auf alles Katastrophale und Böse, das sich auf der Welt ereignete. Wenn irgendwo auf der Welt etwas besonders Grausames passierte, konnte er das als Schmerz am eigenen Leibe spüren. Er litt buchstäblich am Grauen. Erst seit er das „Spiel“ gegen NuNdUuN spielt, lernt er, seine Fähigkeiten auch als Überlebenswerkzeug oder sogar als besondere Kraft zu nutzen.

Hiob ist uns sympathisch, obwohl wir wissen, dass er bereits Menschen ermordet hat und nicht sehr appetitlich aussieht. Sie beschreiben ihn als fettleibig, langhaarig und ungepflegt. Wieso mögen wir ihn?

Fettleibig ist er erst in Band 4, in den ersten drei Bänden war er erstaunlich attraktiv. Ich wollte das Vergehen von zehn Jahren zwischen Band 3 und Band 4 dadurch verdeutlichen, dass Hiob körperlich verweichlicht. Er kämpft dann den gesamten vierten Band über gegen seine überflüssigen Pfunde an.
Wieso man ihn mögen kann, obwohl er die Charakteristika eines Serienmörders aufweist? Weil er unkonventionell ist, originell, frech, und auch seine eigene Art von zynischem Humor hat. Und weil er sich immer etwas Neues einfallen lassen muss, um letzten Endes verzweifelt und mutig für das Gute zu streiten, auch wenn dieser Kampf ihn immer wieder mit enormen Fliehkräften über sämtliche moralischen Grenzen hinausträgt.

Hiobs großer Gegenspieler ist der mächtige NuNdUun. Wo kommt der her? Ist er eine Art Gott? Warum darf er zu diesem kruden Spiel einladen?

In den Romanen um „Hiobs Spiel“ gibt es nicht die klassische Dreiteilung aus Diesseits, Himmel und Hölle, sondern es gibt nur zwei Ebenen: unsere reale und die der Ideen und Imagination, das sogenannte Wiedenfließ. Menschliche Magier wie Hiob können mit dem Wiedenfließ Kontakt aufnehmen, und sich Energien daraus zunutze machen. NuNdUuN ist seit Jahrtausenden der Herrscher des Wiedenfließes, im Grunde genommen ist er wie Gott und Teufel in einer Person. Aufgrund uralter Regeln ist er zum „Spiel“ gegen einen Menschen verpflichtet, dem durch dieses „Spiel“ die Chance eingeräumt wird, sich NuNdUuNs Thron anzueignen. Aber NuNdUuN darf die Aufgaben stellen, aus denen das „Spiel“ besteht, und er stellt diese natürlich so schwierig und hinterlistig wie möglich.

Ihr Held lebt mit einer Frau namens Widder zusammen, die sich in jede erdenkliche Figur zu verwandeln vermag. Ihre wichtigste Rolle für Hiob ist die einer allzeit bereiten Sexpartnerin. Woher kommt diese Widder?

Sie ist ein Sukkubus – also ein weiblicher Verführungsdämon – aus dem Wiedenfließ. Sie war anfangs nichts weiter als eine Gespielin für Hiob, im Laufe der vier Bände wird sie aber mehr und mehr zu seiner Vertrauten und vollwertigen Partnerin, und mindestens einmal rettet sie ihm sogar das Leben. Das ist eine richtige Liebesgeschichte, auch wenn der mürrische Hiob das nie zugeben würde.

Interessant ist, wie Sie die Mysteryebene Ihres Romans verschränken mit der realen Gegenwart. Herrlich lustig etwa ist die Szene, in der sie beschreiben, wie Hiob und Widder von dem Lärm, den Bauarbeiter in der Nachbarwohnung verursachen, traktiert werden. Wenn man das liest, denkt man unweigerlich auch an den Autor Tobias Meißner, der dies vielleicht genau so schon mal erlebt hat. Haben Sie?

Exakt genauso. Die vielen surrealen Details, die in dieser Nachbarwohnung vor sich gehen, könnte man sich gar nicht ausdenken. Aber erstaunlich vieles in „Hiobs Spiel“ basiert auf Realem, das ist sogar eine der Haupteigenschaften dieses Romanzyklus‘. Die Krebs-Geschichte in Band 4 zum Beispiel hätte ich nie geschrieben oder auch nur schreiben können, wenn meine Mutter nicht ein Jahr vorher tatsächlich an Krebs erkrankt wäre, und ich dadurch nicht die Krebsstation eines Krankenhauses ausführlich kennengelernt hätte. (Im Gegensatz zur Protagonistin der HIOBsgeschichte ist meine Mutter allerdings inzwischen genesen).

„Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“ enthält viele Bezüge zur Gegenwart. Der Erzähler kommentiert die Angst vor Flüchtlingen, die Ausländerfeindlichkeit vieler Deutscher; etliche Prominente – von Angela Merkel bis hin zu dem Pornostar Veronica Rodriguez – haben ihren Auftritt. Verfolgen Sie mit Ihren Werken auch eine politische Intention?

Auf jeden Fall. Da ich an diesem Zyklus seit meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr arbeite, und bis zu meinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr daran arbeiten will, besteht eines der Hauptmotive darin, fünfzig Jahre deutsche – aber auch internationale – Gegenwartsgeschichte kritisch zu begleiten und zu kommentieren.

Ihre Beschreibungen sind drastisch. Mitunter hat man das Gefühl, Sie hätten Freude an der Beschreibung ekelerregender Körperausscheidungen, Gerüche und Hässlichkeiten. Ist das so – oder ist das dem Genre geschuldet?

„Freude“ kann man das nicht direkt nennen. Aber es ist unabdingbar, wenn man das Schauerliche, Ungerechte und Ungute so intensiv wie möglich schildern möchte. „Hiobs Spiel“ ist eine Auseinandersetzung mit meinen Alpträumen, mit allem, was mir wirklich Angst macht. Also eine Art Konfrontationstherapie. Sowohl für mich, als auch für die Leser.

Entschuldigen Sie meine unwissende Frage: Zu welchem Genre gehört dieser Roman?

Ganz klar zum Genre „Horror“. Mir ist es aber wichtig, dass „Horror“ nicht einfach nur morbides Entertainment ist, sondern gesellschaftliche und psychologische Metaphorik darstellt. Ich versuche stets, den Horror so dicht am Genre „Gegenwartsliteratur“ entlangzuführen, wie es nur möglich ist. Genregrenzen sind einzwängende Korsetts, die man unbedingt sprengen sollte. Besonders die in Deutschland so etablierte Unterscheidung zwischen E und U empfinde ich als verhängnisvoll, lähmend und schädlich für die Entwicklung der Literatur an sich.

„Horror“ – okay. Das hätte ich mir schrecklicher vorgestellt. Dann kann ich also gut Horror-Romane lesen. Das war mir nicht bewusst. Gibt es andere Werke oder Autoren, die Sie zu Ihrem Hiob inspiriert haben?

Wenn ich die britisch-amerikanische Comicserie „Hellblazer“ niemals gelesen hätte, wäre ich wohl nie auf die Idee mit meinem sarkastischen Magier gekommen. Literarisch liegen meine Vorbilder ganz klar bei Autoren, die sich Dämonen gestellt haben. Das können Horrorautoren sein wie Poe, Lovecraft oder Barker, aber auch „kanonisierte“ Hochliteraten wie Homer, Dostojewski, Bierce, Victor Hugo, Stendhal, Zola, Baudelaire, die Brüder Goncourt, die Lyriker der „Menschheitsdämmerung“, Karl Kraus, Schnitzler, Joyce, Borges, Hans Henny Jahnn, Simenon, und der Zeitgenosse Alan Moore, mit dem sich der Kreis schließt, weil er die Hauptfigur aus „Hellblazer“, John Constantine, erfunden hat.

Welches sind die Merkmale dieser Art von Literatur?

Keine Scheu vor Ängsten und Tabubrüchen und Auseinandersetzungen, bei gleichzeitiger Wertschätzung von sprachlicher Finesse. Literatur ohne bemerkenswerte Sprache ist für mich nur halbe Literatur.

Apropos: Hinsichtlich der sprachlichen Ebene spielen Sie tatsächlich alle möglichen Niveaus aus – von schnoddriger Umgangssprachlichkeit bis hin zu einer überbordenden Freude an Fremdwörtern und Wortneuschöpfungen. Im Gedächtnis sind mir die Wörter „gangräniert“ und „koaguliert“ geblieben. Schreiben Sie das einfach so runter oder recherchieren und knobeln Sie mitunter länger an solchen Passagen und Wortneuschöpfungen?

Sowohl als auch. Vieles fällt mir spontan ein, aber bei komplizierten Passagen voller Fachwissen recherchiere ich gründlich und konstruiere dann daraus eine möglichst neuwertige Sprache. So bestehen z.B. die Gedankengänge der Soldatin im vierten Band überwiegend aus „Soldatendeutsch“, das Schachtabstiegs-Kapitel ist von geologischen Begrifflichkeiten geprägt, das Krebs-Kapitel von medizinischen.

„Levitation“ ist auch so eine Bezeichnung. Das Wort beschreibt einen Zustand des Schwebens, in den sich Hiob zu versetzen vermag. Als ich das gelesen habe, erinnerte ich mich an meine Tagträume als Kind, in denen ich ganz real glaubte, fliegen zu können. Kennen Sie solche Tagträume – und schöpfen Sie aus einem derartigen Depot auch einen Teil Ihrer mitunter traumhaften, vor allem aber auch albtraumhaften Ideen?

Ja, ich bin sehr phantasievoll und kann mich gut in selbst abstrakteste Situationen und Vorgänge hineinversetzen. Die mittlerweile sechzehn Fantasy-Romane, die ich veröffentlicht habe, kommen nicht von ungefähr.

Phasenweise wirkt „Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“ rauschhaft bzw. wie im Rausch geschrieben. Wie und wann schreiben Sie?

Da gibt es keine festen Regeln bei mir. Das kann ganz früh am Morgen, mitten am Tag oder mitten in der Nacht stattfinden. Aber ich schreibe ausschließlich zuhause. Ich könnte mich nicht mit dem Laptop in den Park setzen oder in ein Café. Sowohl das Blätterrauschen als auch das Löffelrühren sowie jeder einzelne singende Vogel würden viel zu sehr meine Aufmerksamkeit beanspruchen. Ich brauche extreme Konzentration. Also eigentlich das Gegenteil von Berauschtheit. Nur so kann ich rauschhafte Eindrücke hervorrufen.

Kann Literatur Sie berauschen?

Auf jeden Fall. Da ich keine sonstigen Drogen zu mir nehme, auch keinen Alkohol und nicht einmal Koffein, sind Literatur, Filme und Musik meine Lieblingsdrogen. Das sind ja nicht nur Aufputschmittel, sondern richtige Trips!

Was Ihren Roman auch unbedingt von einer Vielzahl an Neuerscheinungen abhebt, ist seine Gestaltung: Das Schriftbild wird gekonnt variiert, grafische Einsprengsel erfreuen das Auge, die Papierqualität ist hochwertig, teilweise sogar farblich abgetönt. Aber im gesamten Buch findet sich keine Information über den Gestalter dieses schönen Werks?

Doch, auf Seite 4 gibt es ein Impressum, weiß auf schwarzem Grund. Die Gestaltung ist von der hochbegabten Grafikerin benSwerk in Zusammenarbeit mit dem außergewöhnlichen Setzer Hardy Kettlitz. Alle vier „Hiobs Spiel“-Bände sind dermaßen hochwertig gestaltet.

Achso, den Namen „benSwerk“ hatte ich nicht als Menschen, sondern als Unternehmen wahrgenommen. Hiobs Geschichte ist mit „Hiobs Spiel 4 – Weltmeister“ längst nicht fertig erzählt. Arbeiten Sie bereits am fünften Band?

Noch nicht. „Hiobs Spiel“ hintereinander weg zu schreiben, wäre einfach viel zu nervenaufreibend für mich, das geht schon sehr ans Eingemachte. Geplant sind noch drei weitere Bände für die verbleibenden 25 Jahre, das gibt mir etwa acht Jahre Zeit pro Band. Es soll ja auch jedes Mal etwas Außergewöhnliches dabei entstehen, und keine Routine einreißen.

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