Ulrike Gerold, W. Hänel: Allee unserer Träume | BUCHSZENE

Eine erfundene Ehe, ein architektonischer Traum, eine Geschichte aus dem Ost-Berlin der DDR. In Ulrike Gerolds und Wolfram Hänels Roman „Allee unserer Träume“ ist vieles gelungen, einiges aber nicht.

Ulrike Gerolds und Wolfram Hänels Roman „Allee unserer Träume“ spielt in der DDR

13. Februar 2019 | Frau Bluhm

Titelbild Allee unserer Träume

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Frau Bluhm liest „Allee unserer Träume“: 2 von 5 Blu(h)men


Ilse lebt in der DDR und ist leidenschaftliche Architektin

Die Leidenschaft für Architektur wurde Ilse, der Hauptfigur in Ulrike Gerolds und Wolfram Hänels Roman „Allee unserer Träume“, in die Wiege gelegt. Schon als kleines Mädchen gab es für sie keine größere Erfüllung, als im Baustoffbetrieb ihres Vaters dessen Pläne für neue Gebäude zu studieren und selbst in ihrer Fantasie ganze Städte zu bauen. Als Erwachsene mit Anfang 30 scheint der große Traum zum Greifen nah: Ilse reist nach Ost-Berlin, um den Stadtplanern rund um die Führungsspitze der DDR ihre Pläne für die geplante Prachtallee zum Alexanderplatz vorzustellen. Ihre Pläne stoßen auf große Zustimmung, doch ihre Vergangenheit holt sie im falschen Moment ein.

Für ihren beruflichen Erfolg spielen Helmut und Ilse „Ehepaar“

Niemand anderer als Helmut, der totgeglaubte Mann ihrer Schwester Marga, betritt den Konferenzsaal. In diesem Moment steht die Zukunft der jungen Architektin auf Messers Schneide, denn aufgrund einer unglücklichen Heirat mit einem Nazi, änderte Ilse nach dem Krieg ihren Namen und gab sich, selbstverständlich illegal, als ihre vermeintlich tote Schwester aus, um den guten Namen ihrer Familie weiter nutzen zu können. Nun könnte Helmut diese Lüge aufdecken, doch er tut es nicht. Helmut hält Ilses Scharade aufrecht und zeigt sich als glücklicher Ehemann. Die beiden werden zu Komplizen im Wettspiel um den Architekturauftrag für die Pracht-Allee, und das mit durschlagendem Erfolg: Ilse hat die Ideen, Helmut die gesellschaftliche Position und das Charisma sie umzusetzen. Ein perfektes Team, und sehr lange Zeit bekommt das „Ehepaar“ genau das, was es will: Den Auftrag, das Prestige und die Möglichkeit, die eigene Version der späteren Karl-Marx-Allee zu verwirklichen. Irgendwann werden aus Komplizen Freunde, aus Freunden Liebhaber und manchmal sogar Liebende.

Trotz fiktiver Handlung gibt es einen realistischen Kern

Ulrike Gerold und Wolfram Hänel führen ihre Leser*innen gemeinsam mit Protagonistin Ilse durch beinahe 60 Jahre deutscher Zeitgeschichte. In Retrospektiven erfahren wir im Laufe des Romans immer mehr über Ilses Geschichte und die Umstände, die sie zu dieser großen Lebenslüge brachten. Die Handlung ist dabei rein fiktiv, wie das Autorenteam auch in einem kurzen Vorwort deutlich macht, der Bau der Karl-Marx-Allee ist es nicht, genauso wenig, wie die Nebenfiguren, die im Laufe der Handlung eine Rolle spielen. Zusätzlich zu der zweiten Hauptfigur des Buches, der großartigen Stadt Berlin, sorgen diese Spuren von Realismus und Geschichte für eine sehr authentische Atmosphäre. Man kann sich gut einfühlen in die damalige Zeit im Osten Berlins.

Blass, konturlos, konstruiert – der Roman hat Schwächen

Leider war es mir aber lange Zeit schier unmöglich, mich in die Gedanken und Entscheidungen von Ilse einzufühlen. Die Autoren lassen die junge Frau anfangs einfach zu blass und konturlos erscheinen. Gerade die Sache mit der Namensänderung und die Umstände, unter denen es dazu kam, bleiben allzu lange verborgen. Das macht es schwierig, Ilses Werdegang zu begreifen und verhindert, dass man sich beim Lesen vollkommen auf sie einlassen kann. Im weiteren Verlauf des Romans wird dies zwar klarer, die Handlung selbst bleibt allerdings sehr konstruiert und unemotional. Schade eigentlich, denn die Passion der jungen Frau wäre ein Thema gewesen, das man viel mehr in den Vordergrund hätte rücken können. Stattdessen hat man beim Lesen fast das Gefühl, die Schubladen seien nacheinander abgearbeitet worden. Vielleicht ein Problem, das sich aus der Kombination zweier Autoren ergibt, die auf einen gemeinsamen Nenner kommen wollten?

Der ideologische Geist der damaligen Zeit wird greifbar

Sehr gut ist es dem Autorenteam gelungen, den Geist der damaligen Zeit einzufangen. Wir erleben durch Ilses Augen, wie schwer es ist, in einer Männerdomäne Fuß zu fassen. Den Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates und die damit verbundenen Ideologien kann man z.B. anhand der Sitzungen des Baukommitees gut nachvollziehen. In den Worten, die Ilse und ihre Kollegen für die kleinsten Details ihrer künstlerischen Arbeit finden, liegt eine schöne Poesie und vor allem Leidenschaft. Architektonische Einzelheiten werden bis ins kleinste Detail geschildert, die Vision, die Ilse hat, entsteht vor dem geistigen Auge der Leser*in.

Mitunter fehlt den Figuren emotionale Tiefe

Leider geht der Roman dann an anderer Stelle nicht weit genug. Alles wird thematisch angerissen, nichts wird vertieft. Sämtliche persönlichen Beziehungen bleiben oberflächlich und stereotyp. Die Beziehung zu ihrem Cousin Hans beispielsweise, der auf Grund seiner Homosexualität zunächst von den Nazis gejagt und später von der modernen Gesellschaft verachtet wird, hätte genügend Anlass für tiefer gehendes Erzählen gegeben. Leider bleibt hier, wie in etlichen anderen Situationen die Beziehung künstlich und konstruiert.

Es gibt noch etwas, das mich beim Lesen extrem störte

Als absoluten Störfaktor empfinde ich die Zusammenfassungen, die jedem Kapitel vorstehen. Ich sehe darin weder Zweck noch Sinn. Wozu ein Kapitel noch lesen, wenn man vom Inhalt nicht mehr überrascht werden kann?

Mein Fazit: Ein insgesamt enttäuschendes Leseerlebnis

All diese Faktoren zusammengerechnet, ergeben leider ein einigermaßen enttäuschendes Leseerlebnis. Schade eigentlich, denn die Grundidee der Geschichte ist wirklich interessant und der Ton des Romans ist authentisch und sprachlich schön zu lesen. Eines hat mir „Allee unserer Träume“ allerdings wirklich geschenkt. Und das ist die Vorfreude, bei meinem nächsten Berlinaufenthalt die Karl-Marx-Allee entlang zu spazieren und dabei ganz genau zu betrachten. Ilses Passion beim Erzählen über die Gebäude dieser Straße haben sich auf mich übertragen und mich dazu angeregt genauer hinzusehen.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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