„Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ Tipp | BUCHSZENE

Frau Bluhm liest Petra Hülsmanns „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ und jubelt

Titelbild Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen - Petra Hülsmann

©Zurijeta shutterstock- ID: 198630968

6. Juli 2018 | Von Frau Bluhm


Wer „Fack Ju Göhte“ liebt, wird auch Petra Hülsmanns „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ lieben. Frau Bluhm über eine verrückte Schulgeschichte, die gar nicht so weit von der Realität entfernt ist.


Frau Bluhm liest: „Wenn‘ einfach wär, würd’s jeder machen“ 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Kann man mit einer Chaotentruppe von Schülern einen Theaterpreis gewinnen?

Annika ist Lehrerin und liebt ihre Arbeit als Erdkunde- und Musiklehrerin am Werther-Gymnasium, das zu den besten Schulen Hamburgs zählt. Sogar die immer gleiche Routine liebt sie. Doch ausgerechnet an ihrem Geburtstag, kurz vor den Sommerferien, wird sie an die Astrid-Lindgren-Stadtteilschule versetzt. Sozialer Brennpunkt ist angesagt, und so findet sich Annika am Schuljahresanfang unversehens in der persönlichen Hölle eines jeden Pädagogen wieder. Von da an hat sie nur ein einziges Ziel: Zurück an die alte Schule, wo noch Zucht und Ordnung herrschen, und der Lehrstoff wichtiger ist, als Drogen und Youtube. Ein Plan muss her und so startet Annika das wahnwitzige Vorhaben, an der Problemschule eine Musical AG zu gründen. Mit Hilfe ihrer ersten großen Liebe Tristan, mittlerweile Regisseur, möchte sie mit ihrer Chaotentruppe den Schüler-Theaterpreis gewinnen und als gefeierte Lehrerin zurück an die geliebte Musterschule kommen. Sprachbarrieren, mangelnde Motivation und Talent der Schüler sind fortan die kleinsten Probleme, die Annika auf dem Weg zum Ziel aus dem Weg räumen muss. Außerdem gibt es da noch Annikas Nachbarn Sebastian, der immer öfter ungewollt durch ihre Gedanken spukt. Doch Annika krempelt die Ärmel hoch und legt los, denn schließlich: „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“!

„Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ ist mein erstes Buch von Petra Hülsmann

Dies war, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, mein allererstes Buch von Petra Hülsmann. Mein letztes wird es mit Sicherheit nicht gewesen sein. „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ ist eines dieser seltenen Buchjuwelen, die man aufschlägt, um sich von der ersten Seite an zuhause und pudelwohl zu fühlen. Eines der Bücher, bei denen man sich zwingen möchte langsam zu lesen, und deren Ende doch immer viel zu schnell kommt. Wenn ich mal wirklich einer guten Fee begegnen sollte, dann wünsche ich mir von ihr einen Zauberstab, mit dem ich mir selbst die Fähigkeit verleihen kann, genau solche Bücher immer wieder zum ersten Mal lesen zu können.

Die Geschichte, die Petra Hülsmann erzählt, ist absolut realistisch

Annikas Geschichte rund um das Musical der Stadtteilschule ist anrührend, lustig und verliert niemals ihre Glaubwürdigkeit. In dieser Schule sitzt Mesut neben Dimitri. Sprachliche Missverständnisse und soziales Gefälle gehören zur Tagesordnung. Ich arbeite als Erzieherin selbst in einer Einrichtung, die von Kindern mit Familien aus 29 verschiedenen Herkunftsländern besucht wird und ich kann bestätigen, dass das, was Petra Hülsmann hier über den integrativen und pädagogischen Anspruch schreibt, vollkommen realistisch und wahr ist. Zunächst erscheint einem die Arbeit mit den Familien, die so von der uns bekannten und stinkgewöhnlichen Norm abweichen, als berghohe Herausforderung. Pädagogische Förderung und Fortschritte erscheinen einem so unerreichbar, als wäre man der kleine David, der nur mit einer Schleuder bewaffnet gegen den Riesen Goliath kämpfen soll. Und doch kann man genau in diesen Situationen lernen, dass die Erziehung von Kindern, die vielleicht eher aus (für einen selbst) ungewöhnlichen oder sogar problematischen Haushalten kommen, gut funktionieren kann, wenn man die Bereitschaft mitbringt, in Vertrauen und persönliche Beziehungen zu investieren. Dieser Gedanke, als Pädagoge den Alltag und das Leben von Kindern ein kleines Stück weit positiv verändern zu können, ist in Petra Hülsmanns „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ sehr schön verewigt.

Der Taxifahrer Knut ist für mich einfach der Coolste

Toll beschreibt die Autorin, wie Annika plötzlich spürt, dass und wie sehr ihr die Schüler ans Herz wachsen. Allen voran die wirklich wundervolle 15-Jährige mit dem abgefahrenen Namen Heaven-Tanita, die ja irgendwie auch nichts dafür kann, wie ihre Eltern sie genannt haben, verstehst’e was isch mein?
Überhaupt ist Annikas Geschichte bevölkert mit vielen tollen, herzlichen und authentischen Figuren. Mein Lieblingsheld, selbst wenn seine Rolle nur klitzeklein ist: der alternative Rocker-Taxifahrer Knut, der mit seinen (ungewollten) Ratschlägen schon den ein oder anderen von Petra Hülsmanns Helden auf den richtigen Pfad zurückgeführt hat. Übrigens habe ich mittlerweile herausgefunden (natürlich habe ich mir schon zwei weitere Bücher der Autorin gekauft!), dass Knut in allen Büchern der Autorin eine kleine, aber feine Rolle zu spielen scheint.

Ich finde, Petra Hülsmanns Roman ist eines der Highlights 2018

Knut insbesondere, aber auch die Schüler, Annikas Freunde und Kollegen, sie alle haben einen wundervoll herzlichen und lustigen Unterton drauf, der sich durch das ganze Buch zieht und es zu absolut kurzweiliger und fantastischer Unterhaltung macht. Und das, ohne auch die weniger schönen Seiten der Pädagogik aus den Augen zu verlieren. Für mich ist „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ jetzt schon ein Highlight des Jahres 2018!

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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