
Frau Hennig, in Ihrem Roman „Verliebt über beide Räder“ zieht ein neuer Mieter in das Haus der 63-jährigen, alleinstehenden Yoga-Lehrerin Marlis. Die erste Begegnung mit Jürgen, der im Rollstuhl sitzt, ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht so vielversprechend?
Jürgen hat generell das Problem sich nicht helfen lassen zu wollen, weil er glaubt, mit beiden Beinen im Leben zu stehen – vielmehr auf den Fußstützen seines Rollstuhls. Er möchte behandelt werden wie jeder nichtbehinderte Mensch. Marlis, die Hilfsbereitschaft in Person, passt da zunächst wie die Faust aufs Auge, doch ohne ihre Hilfe kommt er nicht zur Beerdigung seines angeblich besten Freundes an die Costa Blanca …
Marlis, die sich ein wenig einsam fühlt, interessiert sich trotzdem für ihn. Jürgen ist attraktiv. Und dann bietet sich Marlis tatsächlich die Chance ihm zu helfen …
Marlis hat nach einer üblen Scheidung die Nase von Männern voll und keine Lust mehr darauf einem Mann die Socken hinterherzutragen. Yoga schenkt ihr mehr Lebensglück – glaubt sie zumindest, bis sie Jürgens kratzbürstige und mit bissigem Humor gewürzte Fassade als puren Selbstschutz entlarvt und erkennt, dass er eine schwere Last in seinem Herzen zu tragen hat, von der sie ihn tatkräftig zu befreien gedenkt. Die daraus an der Costa Blanca resultierenden Turbulenzen verbinden und stellen letztlich auch ihren Glaubenssatz, allein besser durchs Leben zu kommen, in Frage.
Damit ist die Besatzung für den Roadtrip nach Spanien aber noch nicht komplett. Denn Marlis hat eine Enkelin. Was ist Jana für ein Mensch?
Jana ist ein Fleisch gewordener innerer Zwiespalt. Im Zuge ihrer von einer Partneragentur gesponsorten Doktorarbeit im Fach Psychologie erarbeitet sie die idealen Parameter für eine perfekte Beziehung, doch heimlich träumt sie sich in die Welt von James und Ellen, zwei Protagonisten aus einem typischen „Romantic Adventure“-Roman. Das lässt sie an ihrer Studie, aber auch an sich selbst zweifeln, zumal ein Traumtyp an der Uni, Überflieger und „Perfect Match“, ihr trotz seiner hartnäckigen Avancen nicht das leiseste Kribbeln entlockt. Zeit für einen Tapetenwechsel, allein schon, um zu sich zu finden!
An der Costa Blanca angekommen, erleben die Frauen eine böse Überraschung.
Die vermeintlichen Gratisferien in Jürgens Haus, weil die beiden Frauen ihn an die Costa Blanca kutschieren und dabei auch noch zu Pflegekräften mutieren, entpuppen sich als Albtraum. Aus Urlaubern werden mutmaßliche Hausbesetzer: „Okupas“. Jürgen scheint die Finca nämlich gar nicht zu gehören, oder doch? Weshalb sind sie überhaupt hier und was hat Jürgen noch alles zu verbergen?
Wir wollen nicht verraten, wie sich die Sache mit der Finca weiterentwickelt. Aber eines können wir vielleicht schon verraten: Dass auch Jana jemandem begegnet, der ihr Herz schneller klopfen lässt?
Ein „James“ tritt in Janas Leben. Zudem noch der Sohn des Eigentümers von Jürgens Finca, was Jana schnell zwischen die Fronten geraten lässt. Leon ist ihrer Ansicht nach genau der Typ Mann, der sich bestenfalls für die Bettkante eignet. Aber urlaubsflirttauglich, redet sie sich ein, weil sie ihre „Parameter“ daran hindern, auch nur ansatzweise an mehr zu denken. Doch auch ein Vollmacho wie er im Buche steht, verfügt über Facetten, die sich erst offenbaren, wenn man seine Glaubenssätze ad acta legt und zu der Einsicht gelangt, dass man die Doktorarbeit auch gleich verbrennen kann.
Und irgendwie scheinen die Biographien von Jürgen und Janas neuer Flamme miteinander verknüpft zu sein. Wollen Sie noch mehr preisgeben?
Sowohl Jürgen als auch Leon verbindet die Leidenschaft zu Surfen und auf den Wellen zu reiten. Das ist auch der Grund, weshalb Jürgen seit vielen Jahren im Rollstuhl sitzt. Die damalige Begeisterung für diesen Sport lebt allerdings nur noch in Form von purer Melancholie und Selbstmitleid in Jürgen fort, doch auch totgeglaubte Leidenschaft lässt sich zum Leben erwecken, zumal Leon sich als weit mehr entpuppt als ein Träumer von der „perfekten Welle“…
Dass Sie einen Rollstuhlfahrer zur Hauptfigur machen, ist eine ungewöhnliche Idee. Was hat sie dazu inspiriert?
Obwohl nicht autobiografisch sind es familiäre Hintergründe, die mich dazu gebracht haben, diesen Roman zu schreiben. Ich erlebe täglich, wie Menschen auf Rollstuhlfahrer reagieren und stelle dabei nicht selten eine gewisse Verunsicherung fest, wie man mit behinderten Menschen am besten umgeht. Mir begegnet auch Erstaunen, wenn ein Mann wie Jürgen so selbstbewusst und noch dazu mit jeder Menge Humor daherkommt.
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