Die Tochter des Schokoladenfabrikanten, das Waisenmädchen und Bürgermeisters-Tochter spielen in Katharina Fuchs‘ Roman die Hauptrollen. „Unser kostbares Leben“ schildert die 70er nicht als Idylle.

Katharina Fuchs‘ Roman „Unser kostbares Leben“ ist inspiriert von ihrem eigenen

10. März 2022 | Stephanie Pointner

Titelbild Unser kostbares Leben

Katharina Fuchs erfindet ein Setting, das viel mit ihrem eigenen Leben zu tun hat

Die Bestsellerautorin Katharina Fuchs wuchs in den Siebzigern in einer hessischen Industriestadt auf. Sie war die Tochter des Direktors der Schokoladenfabrik und der Vater ihrer besten Freundin der Bürgermeister. Zudem gab es einen vietnamesischen Klassenkameraden, der den Mädchen immer wieder von seiner Heimat erzählte. Die schöne Kindheit war aber auch geprägt von Umweltverschmutzung, etwa durch die naheliegende chemische Industrie. Exakt dieses Setting findet sich in ihrem Roman „Unser kostbares Leben“ wieder. Sicherlich ist dies ein Grund dafür, dass die Handlung authentisch sehr wirkt.

Die Töchter des Schokoladenfabrikanten und des Bürgermeisters

Caro, die Tochter eines Schokoladenfabrikdirektors und Minka, deren Vater der Bürgermeister von Mainheim ist, sind in den Siebzigerjahren beste Freundinnen. Gemeinsam mit ihrem vietnamesischen Klassenkameraden Guy besuchen die Mädchen das örtliche Schwimmbad. Dort kommt es am Sprungturm zu einem tragischen Unfall, den Guy nur knapp überlebt. Kurz darauf verlässt dessen Mutter mit ihm die Stadt. Minka und Caro hinterfragen mit zunehmendem Alter die damaligen Geschehnisse und müssen feststellen, dass ihre eigenen Väter versuchen, die damalige Katastrophe zu vertuschen.

Ein vietnamesisches Waisenmädchen tritt in Caros Leben

Zeitgleich wächst in einem Waisenhaus das vietnamesische Mädchen Claire auf. Claire ist ein aufgewecktes, wenn auch etwas eingeschüchtertes Mädchen mit besonderer Begabung: Alle Mitarbeiter des Waisenhauses stellen fest, dass Claire deutlich schneller lernt als die anderen Kinder. Dennoch wird Claire erzählt, sie sei krank und müsse daher täglich Medikamente nehmen. Was das Kind nicht weiß ist, dass es eigentlich gesund ist und das Waisenhaus an ihm die Verträglichkeit und Wirksamkeit von Psychopharmaka testet. Zu Claires großem Glück wird sie in der Jugend von der Familie des Direktors der Schokoladenfabrik adoptiert. Dort integriert sie sich schnell in die Familie und versteht sich besonders gut mit ihrer gleichaltrigen Adoptivschwester Caro.

Die drei Mädchen stoßen auf gesellschaftliche Untiefen

Im Laufe der Zeit entdecken die drei Freundinnen immer mehr Schieflagen in der Gesellschaft und beschließen, diese nicht mehr ohne Weiteres mittragen zu wollen. Die Missstände reichen von Umweltverschmutzungen über Tierversuche bis hin zu den Experimenten mit den Neuroleptika an den Waisenkindern. Alle drei versuchen ihren Weg zu finden und dabei für ihre Meinungen einzustehen. So versucht Caro in ihrer Tätigkeit als Journalistin die Tragweite der Medikamentenstudien aufzudecken. Claire, die immer noch an den Folgen der Experimente leidet, versucht sowohl privat als auch beruflich ihr Glück zu finden und Minka setzt sich aktiv sowohl für den Tier- als auch den Umweltschutz ein, was sich allerdings sehr schwer gestaltet, da die Gesellschaft ihr einige Steine in den Weg legt.

Ein authentischer Roman über die Missstände in den 70ern

Katharina Fuchs Roman ist authentisch und seine Handlung greifbar. Dies liegt auch daran, dass sie immer wieder ihre eigenen Erfahrungen und historische Fakten in die ansonsten fiktive Handlung einbaut. Durch den flüssigen und fesselnden Schreibstil und die kurzen Kapitel fliegen die mehr als 600 Seiten nur so dahin. Zunächst lernt man die drei Mädchen und ihre Lebensumstände näher kennen und beginnt sie ins Herz zu schließen. Erst nach und nach werden die gesellschaftlichen und politischen Missstände in die Handlung eingeflochten. Man beginnt sich mit Caro, Minka und Claire zu solidarisieren und verfolgt ihre Werdegänge sehr gebannt. Aber auch der Zeitgeist und die atmosphärischen gesellschaftlichen Beschreibungen machen aus dem Roman etwas Besonderes. Man fühlt sich beim Lesen direkt in die 70er-Jahre versetzt.

Was mich an Katharina Fuchs‘ Roman „Unser kostbares Leben“ stört

Leider gibt es aber auch einen Wermutstropfen: Die historischen Fakten, wie beispielsweise Wahlergebnisse, die die Autorin in die Handlung einbaut, empfand ich zum Teil als etwas zu ausführlich beschrieben. Diese Passagen waren langatmig und haben meinen Lesefluss beeinträchtigt. Zudem überlagern die politischen Ereignisse immer wieder die eigentliche Handlung, weshalb die Gefühls- und Gedankenwelt der drei Mädchen dadurch stellenweise deutlich in den Hintergrund gerät. Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Zeitgeschichte etwas weniger Platz bekommt.

 

 


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