Ihr Ehemann ist tot, neben ihm ein Jagdgewehr. Doch Diana kann sich nicht vorstellen, dass er sich umgebracht hat. Eva Reichl über die Entstehung ihres Krimis „Todesdorf“ – ein Werkstattbericht.

Im Werkstattbericht berichtet Eva Reichl von Ihrer Arbeit an ihrem Krimi „Todesdorf“

14. Februar 2022 | Syndikat

Titelbild Todesdorf

„Todesdorf“ spielt in einem fiktiven Mühlviertler Dorf.

Wieso fiktiv und kein realer Schauplatz? Weil ich niemandem antun möchte, was ich in „Todesdorf“ beschrieben habe. Weil es so einfacher ist, sich darüber zu erschrecken, zu staunen oder den Kopf zu schütteln. Zu fragen, ob man selber so ist. Ob man derart reagieren würde wie so manche Protagonisten in dem Thriller. „Todesdorf“ schildert das Leben der Protagonistin Diana Heller, lebendig und doch vor dem Abgrund stehend. Ihr Mann soll sich angeblich das Leben genommen haben, doch sie glaubt nicht an einen Selbstmord. Sie ist fest überzeugt, dass sie etwas bemerkt hätte, wenn er vorgehabt hätte, sich umzubringen, immerhin waren sie glücklich. Sie liebten sich, hatten eine gemeinsame Zukunft vor sich, wollten Kinder. Oder war alles nur Illusion? Eine Lüge, die in dem Tod ihres Ehemannes gipfelte?

Die Idee kam mir nach einem feucht-fröhlichen Abend mit Freunden.

Etwas angeheitert kam die Frage auf, was das Schlimmste sei, was man dem jeweils anderen zutraue. Dabei stellte sich heraus, dass wohl jeder in der Lage wäre, unter bestimmten Umständen einen Mord zu begehen. Natürlich müssten diese Umstände erheblich sein – wie der Schutz von Menschen, die einem nahestehen. Oder um sich selbst zu verteidigen. Dennoch wäre man unter eben diesen Umständen bereit, jemanden zu töten. Und obwohl die Diskussion ausgelassen war, machte sie uns auch betroffen, zu etwas fähig zu sein, das man zutiefst ablehnte. Dass andere einen für in der Lage hielten, etwas Derartiges zu tun, empfand ich sogar noch schlimmer, weil es das Selbstbildnis infrage stellte. Dieser Abend war die Geburtsstunde von „Todesdorf“.

Ich trug die Idee dann noch eine Weile lang mit mir herum …

… und erzählte waschechten Mühlviertlern davon, um ein Gefühl für die Menschen zu entwickeln. Die Idee gefiel und wurde von manchem noch während unserer Gespräche sogar weiterentwickelt. Ein Mann bot sich an, ich könne ihn als Leiche in die Geschichte einbauen, was ich jedoch ablehnte, da sein Todeswunsch mehr für einen Actionfilm mit Arnold Schwarzenegger geeignet gewesen wäre als für mein Buch. Eine Frau brachte mich auf die Idee mit den flackernden Lichtern auf dem Friedhof und dem Dialog zwischen den Frauen, weil sie mir erzählte, dass sie erlebt habe, wie durch einen Windstoß mehrere Lichter gleichzeitig auf dem Friedhof ausgegangen waren. Schon als wir darüber sprachen, wusste ich, dass eine etwas abgewandelte und an den Plot angepasste Szene unbedingt ins Buch musste, da sie die Stimmung verbreitete, die ich mir vorstellte.

In den Gesprächen mit den Einheimischen gab es einige „Wortspenden“.

Sätze, die ich mir notiert habe, um meine Protagonisten damit zum Leben zu erwecken. Denn auch wenn diese Menschen „bloß“ mit mir redeten, weil ihnen gefiel, dass ein Thriller in ihrer Heimat spielen sollte, so waren unsere Gespräche für mich Inspiration. Sie ließen mich die Stimmung im Dorf einfangen, gaben mir ein Gefühl für Ausgrenzung, Ablehnung und Zusammenhalt in so einem ländlichen Dorf und prägten mein fiktives Dorf und seine Menschen durch ihre Erzählungen und Erfahrungen. Demnach ist „Todesdorf“ für mich ein Gemeinschaftsprojekt von offenen, unterhaltsamen und aufgeschlossenen Menschen, die niemals so sind wie die Dörfler in meinem Thriller.

„Todesdorf“ stellt das System Familie infrage.

Die Geschichte sprengt langsam aber kontinuierlich das gewohnte Familienbild, um am Ende zu jedermanns Wurzeln zurückzukehren. Streit und Misstrauen in der Familie kennt wohl jeder, ebenso den Spruch, dass man sich die Familie nicht aussuchen kann. Ja, leider. Oder Gott sei Dank?

So mancher Familienstreit ist der Quell von Inspiration

… und selten hat man als Autorin eine bessere Chance, streitbare Geschöpfe mehr zu studieren als in der eigenen Familie. Dabei werden Fragen des Charakters geklärt, wie jemand in bestimmten Situationen reagiert und warum eine andere Person das anders tut. Es entstehen Dialoge, oftmals gehässig und verletzend, die ich mir notiere, um sie irgendwann meinen Protagonisten unterzujubeln. Motive über bestimmte Handlungen können genau hinterfragt werden, ebenso, wenn die an der Auseinandersetzung Beteiligten ihre Rolle anschließend bereuen. Konflikte sind nicht nur für einen Krimi oder Thriller wichtig, denn ohne sie gäbe es sie nicht, sondern auch für das soziale Miteinander. Und unerlässlich sind die Versöhnungen, nicht nur für mein Schreiben, sondern vor allem für die Familie. Ich liebe meine Familie, aus der ich meine Kraft schöpfe und die meine Muse ist. Die ich herze und sie mich. In „Todesdorf“ ist alles anders.

Der Inhalt von Eva Reichls Thriller „Todesdorf“ in Kurzform:

Oliver Heller liegt erschossen in der Scheune, neben ihm ein Jagdgewehr. Die Polizei geht von Selbstmord aus, doch seine Frau Diana glaubt nicht daran. Sie fängt an, in der Vergangenheit ihres Ehemannes nach Antworten zu suchen, und stößt dabei auf viele Ungereimtheiten und noch mehr Geheimnisse. Ihre Recherchen erschüttern auch das Fundament ihrer eigenen Familie, selbst ihrem Vater und Bruder vertraut sie nicht mehr. Durch den Tod ihres Mannes und Dianas Nachforschungen gerät das ganze Dorf in Aufregung. Schließlich wird sie selbst von den Dorfbewohnern und der Polizei verdächtigt, etwas mit Olivers Tod zu tun zu haben. Nur Johannes, der Sohn der Nachbarn und ihr Freund aus Kindheitstagen, steht noch zu ihr, als die Dörfler ausrücken, um das von ihnen gefällte Urteil zu vollstrecken.


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