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Veit Etzolds Thriller „Schmerzmacher” ist der sechste Band der Clara-Vidalis-Reihe

Titelbild Schmerzmacher

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21. Oktober 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Stell dir vor, du bist Mordermittlerin und es taucht die DNA eines Serienkillers auf, den du gejagt hast und von dem du sicher weißt, dass seine Leiche eingeäschert wurde. Veit Etzolds „Schmerzmacher“!


Frau Bluhm liest „Schmerzmacher“: 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Veit Etzold und seine Frau lernten sich am Obduktionstisch kennen

Zum ersten Mal in Berührung kam ich mit Veit Etzold durch die große Kraft des Zufalls. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber im letzten Jahr erstand ich „Der Totenzeichner“, ein früheres Buch der Clara-Vidalis-Reihe, auf einem Grabbeltisch beim samstäglichen Wocheneinkauf im Supermarkt. Als Mängelexemplar für 3,99 Euro. Einzig und allein wegen eines kleinen Kratzers auf der Rückseite. Schon irgendwie ironisch, da das Buchcover, damals noch verlegt von Bastei Lübbe, einen gewollten, langen vertikalen Schnitt aufweist. Als ich zuhause zu lesen anfing stellte ich schnell fest, dass die Mängel sich garantiert nicht auf die Inhalte des Buches bezogen, denn ich war dem Thriller bereits nach wenigen Kapiteln hemmungslos verfallen. Wochen später war es mir eine große Ehre, den Autor und seine Frau und „größte Inspiration“ Saskia auf der Buchmesse zu treffen, auf ihrer Lesereise „Die Schöne und er liest“ erneut. Über dem Obduktionstisch haben sich die beiden kennengelernt. Sie bei der Arbeit als Pathologin, er auf Recherche für Clara Vidalis. Nicht gerade eine Gute-Nacht-Geschichte für die Enkel, aber ein unschlagbares Team für Mord und Totschlag. Veit Etzold erzählte mir dort im Januar von der Veröffentlichung des neuen Teils der Clara-Vidalis-Reihe, „Schmerzmacher“. Sehr, sehr lange neun Monate folgten.

„Schmerzmacher“ ist Clara Vidals intensivster Fall

Doch nun ist er da. Claras wohl intensivster Fall seit Jahren, denn die knallharte Ermittlerin hat einen neuen, wundervollen Schwachpunkt: Tochter Victoria, die gleich zu Anfang des Buches getauft wird. Veit Etzold spielt in diesem Zusammenhang außerordentlich gekonnt und intensiv mit der Dialektik zwischen Gut und Böse, die Clara in diesem Prozess beschäftigt. Sie hat als Ermittlerin in den vergangenen Jahren so Grauenhaftes gesehen, Schlimmes erlebt. Veit Etzold lädt uns ein, zusammen mit Clara den inneren Dialog darüber zu führen, inwiefern es überhaupt zu verantworten ist, ein Kind in diese Welt zu setzen, oder ob es nicht vielleicht sogar das Sinnvollste ist, was man tun kann, um die verkommene Welt ein Stück besser zu machen. Und Clara hat zusammen mit Partner und Ehemann Martin, Spitzname MacDeath, schon einige wirklich sehr verkommene Seiten der Welt gesehen. Schon als Jugendliche hatte sie mit harten Schicksalsschlägen zu kämpfen. Der größte davon war wohl der gewaltsame Mord an ihrer Schwester Claudia durch Ingo M., der bereits vor Jahren den Tod durch die Hand eines anderen Serientäters fand, den Clara in ihrer Funktion als Ermittlerin des LKA Berlin jagte. Wegen Claudia ist sie damals zur Polizei gegangen, blickt Tag für Tag dem Bösen ins Gesicht und hofft, dass es nicht zurückschaut. Erst mit der Geburt von Victoria fing diese tiefe Wunde an zu heilen.

Ein tot geglaubter Serienmörder meldet sich zurück

Gerade jetzt, als für Martin, Clara und Victoria ein wenig tröstliche Alltagsroutine zu herrschen scheint, meldet sich Ingo M. zurück: Seine DNA ist am Tatort eines vorgeblichen Suizids aufgetaucht. Eigentlich unmöglich, da Ingo M. seit Jahren tot ist und zudem eingeäschert wurde. Aber eine Genanalyse lügt nun mal nicht und die DNA eines Menschen ist ebenso einzigartig wie die Struktur einer Schneeflocke. Für Clara beginnt ein Prozess des Grauens und der Unsicherheit. Mit Unterstützung ihres erfahrenen Teams beginnt die Ermittlerin, die losen Fäden des Falls zu verknüpfen. Die Nadel im Heuhaufen zu suchen, ohne überhaupt den Heuhaufen zu sehen. Doch Clara wäre nicht Clara, wenn sie nicht jedes Mittel nutzen würde, das ihr zur Verfügung steht.

Aus einem Serienkiller-Fall wird ein Wirtschaftskrimi

Veit Etzold zeigt „Schmerzmacher“ das, was er am besten kann: Es gelingt ihm, einen Wirtschaftskomplott zu integrieren in das, was ursprünglich ein Serienkiller-Fall war. Ich habe schon mehrere seiner Wirtschafts- und Politthriller gelesen, und obwohl ich in seiner Fachbegrifflichkeit nicht immer alles verstand, merkte ich beim Lesen sehr schnell, dass sich Veit Etzold hier richtig gut auskennt, ohne den Alleswisser rauszukehren. Man merkt ihm seine Vergangenheit als Banker und Strategieberater einfach an. In „Schmerzmacher“ führt er nun Clara Vidalis in diese Welt ein. Runtergebrochen auf das Vokabular des Ottonormalverbrauchers macht Veit Etzold einen Wirtschaftsthriller dabei so interessant, dass selbst Menschen, die sich sonst nicht mit diesem Thema beschäftigen, verstehen um was es geht, ja dies sogar noch spannend finden. Zumindest ging es mir so.

Clara Vidalis wird Mutter und durchlebt einen inneren Wandel

Doch auch das Innenleben seiner Protagonistin Clara kommt in diesem Teil der Clara-Vidalis-Reihe nicht zu kurz. Kennt man alle Teile, so ist man fasziniert von Claras innerem Wandel durch die Geburt ihrer Tochter. Wandel ja, Veränderung nein. Und so ist und bleibt sie die Clara Vidalis, die wir Etzold-Jünger kennen und lieben. Nur eben mit einer Seite mehr. Durch Rückblenden zu Claras Vergangenheit in Bremen und das Verbrechen, das an ihrer Schwester Claudia begangen wurde, führt der Autor durch die logische Stringenz seines Textes. Es gelingt ihm dabei dem Quereinsteiger den Einstieg in die Reihe zu ermöglichen, ohne dabei zu viel zu wiederholen, was man schon in früheren Teilen der Reihe gelesen hat. Man kann den Thriller also auch ohne Vorkenntnis genießen. Ich empfehle dennoch eine Lektüre der vorherigen Bände, da dadurch die Person Clara und ihre Entwicklung noch deutlicher werden.

Veit Etzold kennt keine Angst vor menschlichen Abartigen

Was mir aber auch an „Schmerzmacher“ wieder so gut gefällt, ist die Bereitschaft Veit Etzolds, in den dunkelsten Abgrund der menschlichen Seele zu blicken und es dort so lange auszuhalten, um ein weiteres geniales Buch zu schreiben. Denn Angst vor Perversion und dem Abschaum der Menschheit hat er keine, so viel steht fest. Und zeigte er diese Seite schon früher in der Abartigkeit seiner Serienmörder und deren Vergehen an ihren Opfern, so ist es in „Schmerzmacher“ die Korruption, die uns die Untiefen der menschlichen Seele zeigt. Die Korruption und die Druckmittel, die sich durch, nennen wir es „Vorlieben“ von Menschen ergeben. Auch hier schreckt Veit Etzold vor keinem Tabuthema zurück, und auch wenn ich mir wünschte, nach der Lektüre nicht ganz so viel über Sodomie zu wissen, so bereue ich doch keine Sekunde es gelesen zu haben. Ja, Veit Etzold schert sich nicht nur nicht um die Dunkelheit, es gelingt ihm sogar, diese poetisch zu veredeln. Er legt Clara Gedanken in den Kopf, die sehr menschlich, sehr ehrlich und vor allem fast schon philosophisch lyrisch sind. Dadurch transportiert er Hoffnung für Clara, wo eigentlich keine sein dürfte und macht sie so nur noch menschlicher und authentischer.

Die Stadt Berlin spielt in „Schmerzmacher“ eine ganz eigene Rolle

Nebenbei beschreibt er Deutschlands großartigste Stadt, Berlin, absolut detailgetreu. Die Hauptstadt mit ihrer Historie und Struktur ist bei Veit Etzold fast genauso wichtige Protagonistin wie Clara Vidalis selbst. In „Schmerzmacher“ gefielen mir wieder besonders seine Eindrücke und Recherchen zur Topografie der DDR-Zeit, die sich bis heute, von den meisten Menschen unbemerkt, in der Landschaft Berlins widerspiegeln. Mir persönlich war beispielsweise nicht bewusst, dass einige Hochhäuser auf der Ostseite nur errichtet wurden, um den Ausblick auf die Ansicht von Westgebäuden, wie dem Axel-Springer-Verlag und seiner Außenwerbung zu verstellen. Eine große Rolle spielt auch die ewige Großbaustelle rund um den neuen, niemals fertiggestellten Flughafen in Berlin. Die Worte, die Clara zu diesem Thema in den Mund gelegt werden sind herrlich sarkastisch und realitätsnah.

Veit Etzolds „Schmerzmacher“ ist ein absolutes Must-Read

Serienmörder, Perversion, bestechliche Beamte, deutsche Zeitgeschichte und eine Prise Liebe. Alles in einem Buch. Spannend, intellektuell anspruchsvoll geschrieben, aber dennoch kurzweilig und hervorragende Unterhaltung. Zusammengefasst: Der neue Thriller von Veit Etzold ist ein absolutes Must-Read des Herbstes.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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