Eckhart Nickel: Hysteria. Frau Bluhm liest. Tipp | BUCHSZENE

Eckhart Nickel entwirft in „Hysteria“ eine Welt, die dystopisch ist – und gleichzeitig hochrealistisch

Titelbild Hysteria

© designelements shutterstock-ID: 689475808

19. Oktober 2018 | Frau Bluhm


Ein Mann entdeckt auf dem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er in eine kulinarische Dystopie. Eckhart Nickels „Hysteria“.


Frau Bluhm liest „Hysteria“: 4 von 5 Blu(h)men


Eckhart Nickel entwirft mit „Hysteria“ eine Dystopie der ganz eigenen Art

Ich habe schon einige Romane gelesen, die sich mit der fiktiven Zukunft unserer Gesellschaft und den möglichen Auswirkungen auf die zukünftige Lebenswelt beschäftigen. Oft kommen diese aus den Genres Science-Fiction oder Jugendfantasy. Doch in „Hysteria“ nähert sich Eckhart Nickel dem Thema Dystopie mal aus ganz anderer Richtung, und das mit Erfolg. Denn „Hysteria“ hat es auf die besten 20 der Longlist für den deutschen Buchpreis geschafft.

Fleisch essen ist verboten – und auch die Einnahme von Koffein

Eckhart Nickel schickt seinen Protagonisten Bergheim (Vorname unbekannt) nicht in wüstenähnliche, zerbombte und/oder atom-verseuchte Einöden, wie man das aus anderen dystopischen Romanen kennt; nein, er schickt ihn in eine kulinarische Bruchlandschaft. Die Zukunftswelt seines Romans „Hysteria“ ist der unsrigen überhaupt nicht unähnlich, doch verschiedene Dinge scheinen passiert zu sein: Beispielsweise ist es den Menschen der Zukunft nicht mehr erlaubt Fleisch zu essen oder Koffein zu sich zu nehmen. Über die Ursachen dieser neuen Gesetze lässt uns der Erzähler im Unklaren. Er setzt uns einfach – gemeinsam mit Bergmann – inmitten dieser bereits bestehenden Umwelt ab. Ich gebe zu, dass ich zunächst immense Probleme damit hatte, mich Bergmann und seiner Welt gedanklich zu nähern. Es störte mich, dass mir nicht klar war, an welchem Ort und in welcher Zeit ich mich befand. Ich glaube, diese Tatsache irritierte mich sogar dermaßen, dass ich die Lektüre wahrscheinlich abgebrochen hätte, wenn ich nicht so entschlossen gewesen wäre, es bis zum Ende durchzustehen.

Erderwärmung, Klimawandel, Luftverschmutzung aus neuer Perspektive

Gut, dass ich weitergelesen habe, denn wer dranbleibt an diesem zunächst merkwürdigen Buch, der wird belohnt. Eckhart Nickel gelingt es auf wundersame Weise, seinen Protagonisten quasi rückwärts zu entwickeln. Kleine Teile von dessen Biographie werden dem Leser nach und nach immer klarer, so dass man seine Motivation in der Gegenwart besser verstehen kann. In wirklich wunderschön poetischer Schreibweise erleben wir die Entwicklung der Welt durch Bergheims geschulte Augen. Es wäre mir vor der Lektüre von „Hysteria“ nicht eingefallen, mich näher mit Lebensmitteln, ihrer Herkunft und Entstehungsweise zu beschäftigen, und das, obwohl ich zeit meines erwachsenen Lebens immer viel und gerne und mit guten Zutaten gekocht habe. Doch ist es ein Blick auf Eckhart Nickels dystopische Zukunft, die mir als Leser einen neuen Blick auf die Dinge ermöglicht hat. Wir alle kennen die Probleme der Erderwärmung, des Klimawandels und der ganzen Abgasgeschichten. Doch diese Themen mal aus dem Blickwinkel des Endverbrauchers zu betrachten, fand ich sehr interessant.

Leider ist das Szenario von „Hysteria“ kein bisschen unrealistisch

Wir folgen Bergheim auf seiner Reise durch die eigene Vergangenheit und die Zukunft, die mit merkwürdig aussehenden Himbeeren beginnt, und mit absolut erschreckend daherkommendem Fleischersatz auf vier Beinen endet. Und gleichzeitig fragt man sich, ob das Buch überhaupt wirklich so unrealistisch ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Grotesk? Ja. Abgedreht? In jedem Fall! Unrealistisch? Ich fürchte nicht – und das macht Eckhart Nickels „Hysteria“ wirklich lesenswert.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Mehr zur Rubrik
Ernest Clines „Ready Player Two“ ist Science Fiction mit einer Portion Gesellschaftskritik
Titelbild Ready Player Two

Frau Bluhm liest | 11. Juni 2021 | Frau Bluhm

Eine virtuelle Welt, eine suchterzeugende Technologie, ein Rätsel und ein gefährliches Abenteuer. Auch in „Ready Player Two“, Band 2 seiner Serie, zieht Ernest Cline gekonnt alle Science-Fiction-Register.

Frau Bluhm liest Anja Baumheiers „Die Erfindung der Sprache“ und ist begeistert
Titelbild Die Erfindung der Sprache

Frau Bluhm liest Märchen / Erzählung | 23. April 2021 | Frau Bluhm

Anja Baumheiers „Die Erfindung der Sprache“ erzählt von Familie und und Liebe. Es ist ein Roman der das Herz erwärmt und dessen Protagonisten Frau Bluhm am liebsten persönlich kennenlernen würde.

Wir stellen in dieser Liste die bisher 7 besten Romane 2021 vor

Romane und Erzählungen | 12. März 2021 | Redaktion

Die 7 besten Romane aus dem Jahr 2021

Frau Bluhm liest Anna Flecks Debütroman „Meeresglühen“
Titelbild Meeresglühen

Frau Bluhm liest Liebesromane | 12. März 2021 | Frau Bluhm

Die 17-jährige Ella geht am Strand spazieren und entdeckt einen bewusstlosen Fremden. Nach und nach lüftet sie sein Geheimnis und verliebt sich. Anna Flecks „Meeresglühen“ ist der Auftakt zu einer Trilogie.


Logo BUCHSZENE.DE