Eckhart Nickel: Hysteria. Frau Bluhm liest. Tipp | BUCHSZENE

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Eckhart Nickel entwirft in „Hysteria“ eine Welt, die dystopisch ist – und gleichzeitig hochrealistisch

Titelbild Hysteria

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19. Oktober 2018 | Von Frau Bluhm


Ein Mann entdeckt auf dem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er in eine kulinarische Dystopie. Eckhart Nickels „Hysteria“.


Frau Bluhm liest „Hysteria“: 4 von 5 Blu(h)men


Eckhart Nickel entwirft mit „Hysteria“ eine Dystopie der ganz eigenen Art

Ich habe schon einige Romane gelesen, die sich mit der fiktiven Zukunft unserer Gesellschaft und den möglichen Auswirkungen auf die zukünftige Lebenswelt beschäftigen. Oft kommen diese aus den Genres Science-Fiction oder Jugendfantasy. Doch in „Hysteria“ nähert sich Eckhart Nickel dem Thema Dystopie mal aus ganz anderer Richtung, und das mit Erfolg. Denn „Hysteria“ hat es auf die besten 20 der Longlist für den deutschen Buchpreis geschafft.

Fleisch essen ist verboten – und auch die Einnahme von Koffein

Eckhart Nickel schickt seinen Protagonisten Bergheim (Vorname unbekannt) nicht in wüstenähnliche, zerbombte und/oder atom-verseuchte Einöden, wie man das aus anderen dystopischen Romanen kennt; nein, er schickt ihn in eine kulinarische Bruchlandschaft. Die Zukunftswelt seines Romans „Hysteria“ ist der unsrigen überhaupt nicht unähnlich, doch verschiedene Dinge scheinen passiert zu sein: Beispielsweise ist es den Menschen der Zukunft nicht mehr erlaubt Fleisch zu essen oder Koffein zu sich zu nehmen. Über die Ursachen dieser neuen Gesetze lässt uns der Erzähler im Unklaren. Er setzt uns einfach – gemeinsam mit Bergmann – inmitten dieser bereits bestehenden Umwelt ab. Ich gebe zu, dass ich zunächst immense Probleme damit hatte, mich Bergmann und seiner Welt gedanklich zu nähern. Es störte mich, dass mir nicht klar war, an welchem Ort und in welcher Zeit ich mich befand. Ich glaube, diese Tatsache irritierte mich sogar dermaßen, dass ich die Lektüre wahrscheinlich abgebrochen hätte, wenn ich nicht so entschlossen gewesen wäre, es bis zum Ende durchzustehen.

Erderwärmung, Klimawandel, Luftverschmutzung aus neuer Perspektive

Gut, dass ich weitergelesen habe, denn wer dranbleibt an diesem zunächst merkwürdigen Buch, der wird belohnt. Eckhart Nickel gelingt es auf wundersame Weise, seinen Protagonisten quasi rückwärts zu entwickeln. Kleine Teile von dessen Biographie werden dem Leser nach und nach immer klarer, so dass man seine Motivation in der Gegenwart besser verstehen kann. In wirklich wunderschön poetischer Schreibweise erleben wir die Entwicklung der Welt durch Bergheims geschulte Augen. Es wäre mir vor der Lektüre von „Hysteria“ nicht eingefallen, mich näher mit Lebensmitteln, ihrer Herkunft und Entstehungsweise zu beschäftigen, und das, obwohl ich zeit meines erwachsenen Lebens immer viel und gerne und mit guten Zutaten gekocht habe. Doch ist es ein Blick auf Eckhart Nickels dystopische Zukunft, die mir als Leser einen neuen Blick auf die Dinge ermöglicht hat. Wir alle kennen die Probleme der Erderwärmung, des Klimawandels und der ganzen Abgasgeschichten. Doch diese Themen mal aus dem Blickwinkel des Endverbrauchers zu betrachten, fand ich sehr interessant.

Leider ist das Szenario von „Hysteria“ kein bisschen unrealistisch

Wir folgen Bergheim auf seiner Reise durch die eigene Vergangenheit und die Zukunft, die mit merkwürdig aussehenden Himbeeren beginnt, und mit absolut erschreckend daherkommendem Fleischersatz auf vier Beinen endet. Und gleichzeitig fragt man sich, ob das Buch überhaupt wirklich so unrealistisch ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Grotesk? Ja. Abgedreht? In jedem Fall! Unrealistisch? Ich fürchte nicht – und das macht Eckhart Nickels „Hysteria“ wirklich lesenswert.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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