Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt.Interview | BUCHSZENE

Worum geht es in „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“? Jörg Maurer: Um zwei Außerirdische, ein Hüttenabend, Lebensgefahr, ein Mann im Biertank und einen Jennerwein in Hochform. Das große Interview!

Jörg Maurer im Interview über Hüttenabende, Jennerwein und „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“

23. Oktober 2018 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Jörg Maurer

© Gaby Gerster

Worum geht es in „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“? Jörg Maurer: Um zwei Außerirdische, einen Hüttenabend, Lebensgefahr, einen Mann im Biertank und einen Jennerwein in Hochform. Das große Interview!


Herr Maurer, in Ihrem neuen Krimi „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ will Kommissar Jennerwein einen gemütlichen Hüttenabend mit seinem Team feiern. Doch das Geschehen entgleist völlig. Am Ende zieht eine Art künstlich intelligente, bayerische Lara Croft namens Gisela in den Kampf, Drohnen kreisen über den Alpen und Bomben werden gezündet. Ist Ihnen bewusst, dass Schriftsteller, denen derart dramatische Szenarien aus der Feder fließen, in der Regel vom Bundesnachrichtendienst beobachtet werden?

Jessas! Nein, das war mir überhaupt nicht klar! Aber seit einigen Tagen gehen zwei Männer mit tief ins Gesicht gezogenen Hüten vor meinem Haus auf und ab. Ich hielt sie für Bofrost- oder Versicherungsvertreter.

Neben der Hauptstory, in der Jennerwein und seine Truppe in den tief verschneiten Alpen um ihr Leben ringen, erzählen Sie auch noch eine Geschichte aus der schulischen Vergangenheit des Kommissars. Es geht um den „Bomber“ und seine beispiellose Tatserie. Wieviel können wir unseren Lesern von dieser Serie verraten?

Die Vorweihnachtszeit ist ja normalerweise die Zeit der Düfte und Wohlgerüche. Doch im Kurort ist das in jenem Jahr anders. Im Rhythmus der aufgehenden Adventskalendertürchen fallen im örtlichen Gymnasium Stinkbomben. Jemand aus der Schulfamilie (ein Schüler? ein Lehrer? der Hausmeister? die Schulpsychologin? …) will Weihnachten auf seine eigene, quasi anti-aromatische Art feiern. Die Anschläge des Weihnachtshassers werden von Tag zu Tag einfallsreicher. Niemand kommt dem Übeltäter auf die Schliche. Nur Young Jennerwein hat eine Ahnung, wer das sein könnte …

Das hört sich sehr realitätsnah an. Unweigerlich denkt man an den Schüler Jörg Maurer, wenn man das hört. Waren Sie in Ihrer Jugend in derlei Verbrechen verstrickt? Sie können offen sprechen – die Dinge sind verjährt, viele Zeugen tot.

Naja, Stinkbomben hab ich zwar keine geworfen, aber ich habe in diesem Alter Gedichte und Kurzgeschichten im Stil von Charles Bukowski geschrieben. Kriminell! Ich weiß nicht, ob so etwas je verjährt.

In diesem elften Band erfahren wir, dass Jennerwein eine eigene Berghütte hat. Wo liegt sie? Waren Sie selbst auch schon mal dort eingeladen?

So richtig eingeladen war ich nicht. Aber ich habe mich angeschlichen und einen kleinen Blick riskiert. Ich wollte wissen, was Jennerwein privat umtreibt. Wo die Hütte ist, kann ich leider nicht verraten. Nur soviel: Sie birgt Geheimnisse, die man bei einer normalen Gaudihütte nicht erwartet. Es ist also eine richtige Krimihütte.

In „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ kommen mehrere Drohnen zum Einsatz, sogar Mitglieder des Ermittlerteams werden ausgespäht. Wurden Sie auch bereits von oben in Ihrem Garten gefilmt?

Und ob! Ich habe meinen Nachbarn dabei erwischt, wie er mich per Drohne beim Nachdenken aufgenommen und den Film auf YouTube gestellt hat. (Es gab nicht viele Klicks, beim Nachdenken rührt sich ja äußerlich nicht viel.) Wir haben aber jetzt einen Deal: Ich schieße mit dem Schrotgewehr nicht mehr auf seine Drohne, dafür bekämpft er die anderen Drohnen, die mich beim Nachdenken filmen wollen, mit kleinen, aber wirksamen Luft-Luft-Raketen.

Die Geschehnisse in Jennerweins Hütte spitzen sich im Laufe der Geschichte immer mehr zu. Plötzlich steht ein hagerer Mann mit vereistem rötlichem Bart breitbeinig in der Hüttentür, sein Mantel bläht sich Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-mäßig im Wind auf. Was will der Typ?

Wahrscheinlich morden, rauben, zerstören und erpressen. Oder sich bloß kurz aufwärmen.

Was ich Sie schon immer mal fragen wollte: Wie viele Lederhosen haben Sie?

Sie werden es nicht glauben, aber ich habe zur Zeit minus eine Lederhose. Wenn ich mir also eine kaufe, dann habe ich keine mehr.

Wie kommen Sie zu minus einer Lederhose?

Durch eine Raum-Zeit-Interferenz in einem Werdenfelser Bierzelt. Ich bin mit keiner Lederhose hingegangen und habe sie dann beim Schunkeln verloren. Seitdem habe ich minus eine.

Kommt so etwas öfter vor?

Im Werdenfelser Land schon. Wahrscheinlich liegt es am Föhn.

Zurück zu Ihrem elften Kriminalroman „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“. Jennerwein sieht immer wieder ein Gesicht an der Fensterscheibe seiner Hütte. Aber er zweifelt an seiner Wahrnehmung. Was ist mit Jennerweins Bewusstsein? Geht es mit ihm gesundheitlich bergab?

Überhaupt nicht. Er ist topfit. Und seine Sinne sind geschärfter denn je. Er bekommt es aber diesmal mit einem fast ebenbürtigen Gegner zu tun. Da muss er sich schon anstrengen.

Bei der Attentatsserie im Gymnasium Jennerweins wurde von dem Übeltäter auch ein Klavier zur Waffe umfunktioniert. Haben Sie auch schon mal ein Musikinstrument waffengleich verwendet?

Selbstverständlich! In einem Roman habe ich einen Bösewicht seinen unliebsamen Nebenbuhler mit einer Zithersaite ausschalten lassen. Ich persönlich habe in meiner Zeit als Orchestermusiker einen Geiger in die Kesselpauke gesteckt, um seine Schreie während Beethovens „Neunter“ ungehört verhallen zu lassen. (Ist verjährt!) Aber warum fragen Sie? Brauchen Sie einen Tipp: Aus einer Klarinette einen vergifteten Pfeil abschießen, Zyankali in ein Trompetenmundstück gießen, eine E-Gitarre umpolen …

Jennerwein überrascht sein Team nicht nur mit der Hütte, von der niemand wusste, sondern er kocht auch für seine Leute. Können Sie eigentlich auch irgendetwas kochen? Und wie schmeckt das dann?

Ja, wer kann das heutzutage nicht! Das muss ja fast sein. Ich habe bei einem anderen Interview bei der Frage nach Hobbys einmal angegeben: „Yoga, Klavier spielen, Fallschirmspringen, James Joyce quer lesen, Bergsteigen, Reisen, Gartenarbeit, Tanzen, … (zitiert nach: „12 Hobbys, die gut auf dem Lebenslauf aussehen“). Der Reporter hat nachgehakt: „Und Kochen? Kochen Sie nicht? Warum nicht? Haben Sie Probleme mit Ihrem Alltag? Haben Sie ein unrundes Verhältnis zu Ihrem Körper?“ Seitdem koche ich. Und mir schmeckts jedenfalls. Wollen Sie einmal vorbeikommen?

Das muss ich mir noch überlegen. Was anderes: Unter Jennerweins Hütte befindet sich ein Geheimgang. Unter dem Weißen Haus führen geheime Gänge zu verschiedenen US-Ministerien. Welche Geheimgänge führen von Ihrem Haus aus wohin?

Na, wohin wohl? In das unterirdische Verlies, in dem meine Metaphernlieferanten, Gagschreiber und anderen Textzuträger sitzen. Und wenn Sie weiter so fragen, finden Sie sich auch bald dort wieder.

Immer wieder taucht in „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ eine Gestalt in der Schneelandschaft auf, aus deren Rucksack mehrere Gewehre hervorschauen. Wie viele Gewehre nehmen Sie üblicherweise mit, wenn Sie das Haus verlassen?

Nur eine schlichte, abgesägte Schrotflinte. Die genügt in den meisten Fällen.

Die Gerichtsmedizinerin aus Jennerweins Team greift sich in einer gefährlichen Szene an die Kehle. Jennerwein weiß gleich, dass es sich um ein Zeichen handelt. Könnten Sie das bitte erklären?

Er hat bei seiner polizeilichen Ausbildung im Kurs „Taktische Handzeichen“ aufgepasst. Wer von den Lesern bei der Bundeswehr war, im Sicherheitsdienst oder im Personenschutz arbeitet, weiß, welches strategische Zeichen das ist.

Moment, ich höre ein Geräusch. Ist das eine Drohne?

Meine wahrscheinlich, ja.

„1980 war die Zeit der überkorrekt gekleideten Popper“, erklärt Jennerwein im Rahmen seiner Erzählung der Tatserie an seiner Schule. Waren Sie, Herr Maurer, früher modisch eher Popper, Punker oder Hippie?

Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber ich hatte Haare bis zu den Hüften. Ich war also eher der Hippie-Richtung zuzuordnen.

Der Geiselnehmer spielt mit Menschenleben. Ein Mann droht sogar in einem Bierfass abzusaufen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich mag Bier nicht. Ich finde, es riecht nicht gut. Und deshalb wollte ich einmal solch eine Szene schreiben.

Gisela heißt die künstliche Intelligenz in „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“. Sie kann gehen, laufen, springen, schwimmen und robben. Wenn Sie sich eine perfekte künstliche Intelligenz zusammenfantasieren könnten – was sollte die drauf haben?

Interviewfragen beantworten.

Sie zitieren neben allerlei klassischer Musik auch „Gestern Nacht ist meine Freundin explodiert …“ von den Ärzten. Was halten Sie von den Ärzten?

Sehr viel. Das ist mal richtig gute Volksmusik.

Der junge Jennerwein hat in der Schulbibliothek Sigmund Freud entdeckt und dort den Satz „Kreativität ist Kompensation nicht erfüllter Bedürfnisse“ gelesen. Sie, Herr Maurer, verfügen über – das beweisen Sie auch mit Ihrem neuen Kriminalroman – überbordende Kreativität. Welche Bedürfnisse kompensieren Sie?

Das weiß man selbst ja nie so richtig. Dazu müsste ich in eine psychoanalytische Sitzung gehen. Ich wäre dann zwar geheilt, aber ich fürchte, dass dadurch auch meine ganze Kreativität beim Teufel wäre. Deshalb hat mir Jennerwein das verboten.

Am Rande des Geschehens mischt auch eine dubiose Snowboarder-Truppe mit. Um deren zwielichtiges Gebaren anschaulich zu machen, packen Sie Ihr Snowboarder-Wissen aus – ich sage nur „Backside Triple Cork“, „1260 Off The Heels“, „Cab 180 Quadruple Backflip Shifty Roast Beef“ und „Deadman’s Blues“. Gibt es diese Sprünge wirklich?

Das Schöne daran: Es gibt sie wirklich. Und die Snowboarder sprechen auch so miteinander.

Ziemlich zum Schluss heizen Jennerwein und Nicole auf dem Schlitten in höllischer Fahrt den Berg hinunter. Wie gut fahren Sie Schlitten?

Schlecht.

Und wie gut fahren Sie Ski?

Noch schlechter.

Sieht Jennerwein wirklich Hugh Grant ähnlich, wie Sie es einmal schreiben?

Ich stelle ihn mir so vor, ja.

„Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ ist Ihr erster Roman, der im Winter spielt, wenn ich mich nicht irre.

In meiner Germanistik-Magisterarbeit habe ich „Romane, die im Winter spielen“ untersucht. Dabei habe ich herausgefunden, dass 79,3 Prozent aller Romane im Sommer beginnen. Sie handeln im Sommer und enden im Sommer. Nur in dieser Jahreszeit herrscht die ideale Temperatur für große Leidenschaften, weitreichende Entschlüsse und siegreiche Feldzüge. Helden scheinen furchtbar viel Sonne zu brauchen, Bösewichte wiederum kurze, schwüle Nächte. Und einen Campari. Deshalb spielen die meisten Romane im Sommer. Mein elfter Roman hier tut es nicht. Nachteil: Es ist kalt. Vorteil: Alles ist wahr.

Können Sie die Handlung von „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ kurz zusammenfassen?

Zwei Außerirdische, ein zünftiger Hüttenabend, das gesamte Team in Lebensgefahr, ein Mann im Biertank, Jennerwein in Hochform.

Wie viele Jennerweinromane gibts noch?

Auf jeden Fall den nächsten. Und einen dreizehnten sollte ich schon auch noch schreiben.

Für die Romanze zwischen Jennerwein und Maria …

… bleibt auch in „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ leider wieder kaum Zeit. Außerdem ist es zu kalt. Beim nächsten Mal, ganz bestimmt.

Sie haben in diesem Jahr zwei Romane geschrieben. Warum das denn?

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, sang Udo Jürgens einst, und er hatte recht. Jetzt bin ich 65, und bevor das Leben anfängt, habe ich mir gedacht, schreibe ich noch zwei Romane.

Sie haben ja auch wieder das Hörbuch für „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ selbst eingesprochen. Wie haben Sie sich auf die Aufnahmen vorbereitet?

Mit Glühwein. Dann aber hat man meine nuschelige Aussprache bemängelt und mir Kinderpunsch ins Studio gestellt.

Haben Sie im Skianzug gelesen?

Natürlich, und mit angeschnallten Skiern. Und mit Fausthandschuhen. Das hört man manchmal beim Umblättern. Aber es ist authentisch.

Denken Sie beim Schreiben schon ans Hörbuch?

Eigentlich nicht. Aber manchmal denkt man beim Schreiben nicht darüber nach, dass man das auch lesen muss. In „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ kommt eine kleine Textstelle auf Französisch vor. Ich kann kein Wort Französisch, und es klingt dementsprechend.

Welche Stelle im Hörbuch sollte man nicht beim Bügeln hören und weshalb?

Die Stelle mit dem Schlitten. Die Stelle mit den Österreichern. Die Stelle mit Gisela. Oder die französische Stelle. Bei einer davon würden Sie auf jeden Fall ins Bügelbrett beißen.

Jörg Maurer

Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.


Zur Biografie von Jörg Maurer


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